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Vollbild | Beitrag vom 09.06.2018

"Hereditary - Das Vermächtnis"Die Familie als Hort des Bösen

Marcus Stiglegger im Gespräch mit Patrick Wellinski

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Annie (Toni Collette) versucht ihre Tochter Charlie (Milly Shapiro) aufzumuntern. (© Splendid Film)
Annie (Toni Collette) versucht ihre Tochter Charlie (Milly Shapiro) aufzumuntern. (© Splendid Film)

Der beste Horrorfilm des Jahres soll er sein: Ari Asters "Hereditary", der jeder romantischen Vorstellung von Familie den Garaus macht. Er besticht mit ungewöhnlicher Filmmusik und unerwarteten Bildmontagen, meint der Filmexperte Marcus Stiglegger.

Patrick Wellinski: So klingt eine Revolution im Horrorgenre, jedenfalls wenn man den ersten begeisterten Rezensionen der amerikanischen Kollegen glauben darf.

"Hereditary – Das Vermächtnis" heißt das Regiedebüt des Amerikaners Ari Aster, und im Grunde ist es eine Familiengeschichte, die sich in einen unerträglichen Horrorwahn hineinsteigert. Hartgesottene Kritiker schreiben, dass ihnen der Horror bis in die Kopfhaut gewandert sei. Selten, so ist zu lesen, hat sich das Horrorgenre derart neu erfunden.

Dabei geht es zunächst einmal um eine amerikanische Familie. Die Mutter ist Künstlerin, bereitet sich gerade auf eine neue Ausstellung vor. In dieser Zeit stirbt das Oberhaupt der Familie, die Großmutter, und mit diesem Tod beginnen plötzlich ganz kleine Verwicklungen. Auf der Beerdigung sind seltsame Menschen da, die die Familie vorher nie gesehen hat, und plötzlich weiß die Familie gar nicht mehr, ob das Böse nicht mitten in ihnen ist.

Was also hat es mit "Hereditary" auf sich, was erwartet uns, wenn der Film dann endlich auch am Donnerstag in unsere Kinos kommt? Darüber konnte ich vor der Sendung mit Marcus Stiglegger sprechen, Professor für Film und Fernsehen an der Dekra Hochschule in Berlin und ausgewiesener Experte im Genrekino. Guten Tag, Herr Stiglegger!

Marcus Stiglegger: Guten Tag!

"Ein sehr außergewöhnlicher Film"

Wellinski: Amerikanische Kritiker zeigen sich ja bereits begeistert von diesem Horrodebüt. Selbst Hartgesottene unter ihnen sagen, dass dieser Horror sie durchgeschüttelt hätte. Haben Sie denn den Horror des Films auch so effizient und durchschlagend erlebt?

Stiglegger: "Hereditary" ist schon ein sehr außergewöhnlicher Film, und er kommt zu einer Zeit, wo man ja schon relativ häufig immer wieder von außergewöhnlichen Horrorfilmen spricht, also "Get Out" war ja ein großes Thema, "The Witch", war ein Thema, "Mother" von Darren Aronofsky, alles Filme, die auf eine sehr ambitioniert künstlerische und auch unerwartete Weise mit den Tropen des Horrorgenres umgehen, und das ist bei "Hereditary" auch der Fall. Also, der konfrontiert uns mit unerwarteten Momenten und Wendungen, die tatsächlich treffen können.

Wellinski: Hereditary, das heißt ja im Grunde so viel wie erblich, Vererbung. Liegt denn der Horror auch hier in einer Familie?

Stiglegger: Richtig. Also das ist natürlich etwas, wo man zunächst erwarten würde, das ist ein klassisch amerikanisches Horrormodell, wie wir es zum Beispiel von "Poltergeist", Steven Spielbergs Produktion von 1982 kennen. Die Familie wird durch einen äußeren dämonischen negativen Einfluss eben durcheinandergebracht, Familienmitglieder verschwinden, müssen irgendwie gerettet werden vor dem Einfluss und so weiter. Hier ist es so, in "Hereditary", dass lange Zeit es so aussieht, als würde aus der Familiengeschichte selbst das Grauen kommen, dass also quasi die Familie selbst ein Hort des Bösen ist, ein möglicher, und das ist mit Sicherheit eine Wendung, die jetzt nicht unbedingt das kommerzielle amerikanische Kino zuhauf bietet.

Wellinski: Wo ist denn jetzt das Außergewöhnliche an dem Film? Verorten Sie das eher im Plot oder im Visuellen?

Stiglegger: Na ja, also, der Film hat ja wirklich mehrere Ebenen. Es gibt ja die Protagonistin, die Mutter, zumindest wirkt sie lange Zeit, als wäre sie eben die Perspektive, aus der das erzählt wird. Die baut Modellhäuser, diese Modellhäuser spiegeln ihr Leben und ihre Alltagsrealität wider, und dadurch haben wir natürlich eine zweite visuelle Ebene in diesem Film. Wir haben unerwartete Montagen, Verbindungen von Bildern, von Bildebenen, die dann konfrontiert werden. Das ist ein Einfluss, der, wenn überhaupt, von Nicolas Roeg, "Wenn die Gondeln Trauer tragen", vielleicht her erklärbar ist. Also eigentlich eine Tradition des Horrorfilms, die selbst schon sehr künstlerisch ambitioniert ist.

Expressives Spiel mit Licht und Schatten

Wellinski: Regisseur Ari Aster, der betont auch in Interviews, wie groß der Einfluss früherer Horrorfilme auf ihn waren. Sie haben ja eins genannt: "Wenn die Gondeln Trauer tragen". "Rosemary’s Baby" nennt er auch. Also Sie sehen auch die Vorbilder direkt in dem Film drin?

Stiglegger: Also, ich finde, seine Vorbilder sind nicht einfach nur frühere Horrorfilme, sondern er bezieht sich sehr stark auf die Ästhetik von Melodram-Filmen aus dem Hollywoodkino. Zum Beispiel Douglas Sirk ist ein Regisseur, den er öfter zitiert. Der Film "Solange es Menschen gibt", das hat zunächst erst mal nichts zu tun, vor allem nichts mit Horror, wenn man es sich aber genauer anguckt, ist die Farbcodierungen, mit denen er arbeitet, also dieses sehr expressive Spiel mit Licht und Schatten, das sind Elemente, die er aus der Filmgeschichte bezieht, die Farbcodierungen auch aus der Ästhetik von Douglas Sirks Familienmelodramen. Da ist es auch so, dass auf eine subtile Weise die dunklen Aspekte des Familienlebens thematisiert wurden in der Filmgeschichte und jetzt dann ins Horrible, ins Grauenhafte übersteigert werden.

Alex Wolff als Peter in "Hereditary - Das Vermächtnis" von Ari Aster (© Splendid Film)Alex Wolff als Peter in "Hereditary - Das Vermächtnis" von Ari Aster (© Splendid Film)

Wellinski: Was hat denn "Hereditary" über die amerikanische Familie zu sagen?

Stiglegger: Also, ich sehe diesen Film als einen sehr negativen Blick auf das Familiengefüge. Es ist ein Gefüge, das von Geheimnissen geprägt ist, das von Unverständnis geprägt ist, von Vertrauensbrüchen, das sich nicht geheuer ist, also im Grunde ein Paranoiamodell, ein Angstmodell. Man ist oberflächlich natürlich die funktionierende Familie, aber man braucht nicht lange darunter zu suchen unter der Oberfläche, bis es dann eben lauert, und das ist natürlich auch dann das Erbe, das im Titel schon angedeutet wird.

Wellinski: Der Paranoia-Horror als solcher ist ja auch ein Sub-Genre letztendlich. Wird der hier weiterentwickelt?

Stiglegger: Ja also, da muss man sagen, der Paranoiafilm in seiner klassischen Form ist ja eher so eine Art Politthriller, wie man ihn im New-Hollywood-Kino der 70er-Jahre hatte, also Filme wie "Die Unbestechlichen" mit Robert Redford oder sowas. Das sind Dinge, die im Thriller-Genre selbst dahingehend weiterentwickelt wurden, dass wir in den 90er-Jahren bei David Lynch zum Beispiel die Paranoia immer mehr im Innenleben der Personen finden und ihre Welt selbst quasi eine Welt der Angst ist, die also nur noch aus Angstvisionen eigentlich konstruiert ist, und ich denke, daran knüpft "Hereditary" durchaus an. Also, diese Tradition des Paranoia-Thrillers als einem tiefschürfenden Psychothriller, der an Urängste rührt, das ist etwas, was wir in "Hereditary" finden.

Die Kernfamilie wird "völlig preisgegeben"

Wellinski: Damit auch immer versteckt politische Statements. Wenn ich mich an die Horrorfilme der 60er-, späten 60er-Jahre erinnere, finden wir hier Momente, wo man sagen könnte, hier lässt sich auch durchaus eine gesellschaftspolitische Deutung oder politisches Statement herauslesen?

Stiglegger: Absolut. Also die Auflösung der Gemeinschaft, die Kernfamilie, die immer so eine Art Rückzugsort war, ein Hort der Sicherheit, wird völlig preisgegeben. Eltern-und-Kind-Verhältnisse sind auf eine Weise erschüttert, das kennt man natürlich im Horrorgenre aus "Der Exorzist" zum Beispiel, aus "Carrie". Das Mutter-Tochter-Verhältnis" aus "Carrie" ist natürlich albtraumhaft, aber in diesen neueren Filmen ist das Neue, dass man es nicht auf den ersten Blick erkennen würde, sondern dass diese Dinge schleichend und dann natürlich immer mehr beschleunigt aus den Fugen geraten. Man hat das in dem Film "Mother" von Darren Aronofsky zum Beispiel im letzten Jahr auch gehabt.

Also, diese Tendenz finde ich schon recht auffällig, und die macht das Horrorgenre auch so interessant, denke ich, für eine künstlerische und radikalere Auseinandersetzung mit diesen Themen, mit gesellschaftskritischen Themen.

Milly Shapiro als Charlie in "Hereditary - Das Vermächtnis" von Ari Aster (© Splendid Film)Milly Shapiro als Charlie in "Hereditary - Das Vermächtnis" von Ari Aster (© Splendid Film)

Wellinski: Wir haben ja schon "Hereditary" als Gesamtkunstwerk gewürdigt. Da gehört natürlich auch immer in gewisser Weise die Audiospur dazu. Die Musik zu "Hereditary" kommt vom Avantgarde-Saxophonisten Colin Stetson, den meisten vielleicht bekannt als Mitglied der kanadischen Band Arcade Fire. Hat denn seine Konzeption der Tonspur auch etwas Innovatives, das dem Horror noch etwas Neues, eine andere Ebene verleiht?

Stiglegger: In den letzten Jahren spricht man relativ häufig von sehr ungewöhnlichen avantgardistisch anmutenden Horrorfilmsoundtracks. Also, ich möchte an … Vor zwei Jahren war "The Witch" zum Beispiel einer dieser Soundtracks, die mit den Elementen der Neuen Musik arbeiteten, also etwas, was natürlich Kubrick in "Shining" zum Beispiel oder Friedkin in "Der Exorzist" schon vorgemacht hatten, indem sie wirklich Kompositionen von Penderecki und Bela Bartok, also wirklich Komponisten der Neuen Musik verwendet haben.

Auch die Filmmusik ist "sehr ungewöhnlich"

In der Komposition von Stetson ist es so, dass er wirklich ins Atonale geht, dass er Geräusche zu Leitmotiven macht, dass er Elemente der Industrial Culture, die man aus dem Anfang der 80er kennt, in die Filmmusik integriert auf eine Weise, wie wir das bisher so noch nicht gehört haben, also zumindest noch nicht in einem Hollywood-produzierten Film, der so groß vermarktet wird. Das ist sehr ungewöhnlich, finde ich.

Wellinski: Jetzt spricht man, wenn man sich die Reihe der Filme von "Get Out", "A Quiet Place", "It Follows" oder auch jetzt "Hereditary" ansieht, von so einer neuen kleinen Welle des amerikanischen Horrors. Sehen Sie denn darin auch eine Neujustierung des Genres, ist es eine Weiterentwicklung? Wie müsste man darüber nachdenken?

Stiglegger: Als Genreforscher und Filmwissenschaftler muss ich sagen, dass der Horrorfilm ja eines der beständigsten und langlebigsten der Filmgeschichte ist, das dadurch verbunden ist, dass diese Filme immer wieder an Urängste rühren. Von daher haben sie quasi eine Gemeinsamkeit, die immer wieder sich justieren und transformieren lässt und den neuen gesellschaftlichen Klimata und Gegebenheiten anpassen lässt, und das, denke ich, ist in diesen neueren Filmen sehr nachdrücklich der Fall.

Also, das Misstrauen in die Familie, diese Idee einer paranoiden Welt, die quasi um das Individuum herum aus den Fugen gerät, das ist etwas, was man in diesen Filmen wirklich deutlich als Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse, der politischen Verhältnisse, vor allem auch in Amerika selbst, feststellen kann. Also quasi jeder misstraut jedem. Ich würde "Ghostland" zum Beispiel noch dazunehmen, ein Film, der von einem französischen Regisseur gemacht wurde, aber eben auf das amerikanische Kino auch abzielt. Das sind alles Filme genau, die dieses Chaos, dieses latente Chaos in der Gesellschaft spiegeln.

Wellinski: Also Angst hat immer Konjunktur.

Stiglegger: Ja.

Wellinski: Marcus Stiglegger sprach mit mir über das Debüt "Hereditary – Das Vermächtnis" von Ari Aster. Der Horrorfilm kommt Donnerstag in unserer Kinos. Vielen Dank, Herr Stiglegger!

Stiglegger: Sehr gerne! Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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