Das Feature, vom 13.04.2018, 20:10 Uhr

HERD. HEIMAT. HASS."Kapitulation kommt nicht infrage"

Von Claus Leggewie

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie nimmt das Anwachsen des Rechten Denkens nachdenklich und mit einer Mahnung zur Kenntnis, warnt aber auch vor schnellen Vorurteilen, die das Phänomen zu einseitig erklären wollen.

Der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie sitzt am 12.03.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) bei einer Lesung seines Buches "Zukunft im Süden" im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne auf der Bühne. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Claus Leggewie (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Die gut gewählte Alliteration der drei "H" im Titel der Deutschlandfunk-Serie steckt das Magma rechten Denkens und Fühlens ab. Die Frage ist, wie man angemessen darauf reagiert. Kapitulation kommt nicht infrage. Anpassung gibt es schon zu viel. Konfrontation löst den Opferreflex aus. Was bleibt ist – verstehen, und das heißt: einfühlen, nicht entschuldigen. Um entschiedenere Antworten geben zu können.

"Herd". Die Anhänger autoritär-nationalistischer Bewegungen pflegen ein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild. Sie sehnen sich nach Zeiten, in denen angeblich alles besser war. Der heimische Herd ist das Symbol der verloren geglaubten Geborgenheit: ein Bild von Familie mit  "Vatermutterkind", einer weniger öffentlichen Rolle von Frauen, von Wirtshaus-Geselligkeit. Wie früher eben – und genau genommen heute noch. Denn die klassische Kleinfamilie mit ihren Geschlechterrollen und dem heimischen Klüngel ist gar nicht wirklich passé und wird paradoxerweise – bei der Homosexuellenehe wie im Familienclan der Migranten – gerade von unerwarteter Seite noch einmal konservativ bekräftigt.

"Heimat" ist in der Tat verloren gegangen. Dass man den "Fremden" zürnt, die sich in "unserer Heimat" bewegen, ist ein durchsichtiges Mittel, den Verlust auszugleichen. Indem man sich vorm realen Elend der Welt verschließt und die Grenzen dichtmacht, kann man Heimatgefühle nicht zurückgewinnen. Wir haben die Folgen unseres Wohlstands ausgelagert. Und schließen jetzt die Grenzen vor denen, die genauso Heimatrechte haben und nichts lieber täten, als daheimzubleiben. Deutschland soll Deutschland bleiben, gut, – aber nicht auf Kosten anderer und nicht durch Ausschluss von Neubürgern ohne die passende Ahnenreihe. Heimat ist überhaupt nichts Duseliges, wie es die Nostalgiker unterstellen, sie ist die Gaststätte, die Arztpraxis, der Kindergarten und die Grundschule in der Nähe.

"Hass" ist, was etablierten Politikern auf Straßen und Plätzen entgegenschallt. Die Wut der sich entwurzelt und heimatlos fühlenden Bürger wird zur "Zornpolitik" (Uffa Jensen), die sich an Sündenböcken abarbeitet. Auslöser dieses Gefühls mögen verweigerte Anerkennung, soziale Deprivation und kulturelle Entfremdung sein, doch seine aggressive Ausdrucksform ist keinesfalls zu tolerieren und zu verharmlosen.

Keine "Rache der Ostdeutschen"

Geradezu absurd ist, wenn aus der Tatsache, dass ein Fünftel der in Ostdeutschland abgegebenen Stimmen auf die AfD fielen, die Schlussfolgerung gezogen wird, das sei die "Rache der Ostdeutschen". Wer hasserfüllt auf Fremde und Volksvertreter einschreit, wen Gelüste ethnischer Säuberung umtreiben, wer das politische Establishment jagen will, wer private Frustration an Schwachen auslässt, der hat eher Belehrung über die einfachsten Regeln des Zusammenlebens und der Diskussion verdient. Das gilt erst recht für jene neuen Eliten, die das Unwohlsein ihrer Wählerschaft ausnutzen und in wohldotierte Parlamente und Beiräte einziehen. Besonders scharfe Repliken verdienen die Intellektuellen der Neuen Rechten, die das dargelegte Magma der Gefühle zu einer anti-egalitären und ethno-nationalistischen Agenda schärfen, gegen Gendergerechtigkeit,  kulturellen Pluralismus, universale Menschen- und Grundrechte. Die den politischen Kompromiss als Hebel der Konfliktlösung bekämpfen und die Welt in Freunde und Feinde teilen.

Claus Leggewie (*1950) ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des Centre for Global Cooperation Research in Duisburg. 2001 gründete er das Zentrum für Medien und Interaktivität an der Universität Gießen. Von 2007 bis August 2017 leitete er das Kulturwissenschaftliche Institut Essen. Zum Wintersemester 2015/16 wurde er vom Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Gießen als erster Amtsinhaber auf die jüngst etablierte Ludwig-Börne-Professur berufen.

Zuletzt erschien von ihm: "Europa zuerst! - Eine Unabhängigkeitserklärung" im Ullstein Verlag.

(Quelle: Deutschlandradio / Marc Trompetter) Was macht den Hass auf alle, die anders sind, so attraktiv? Die Feature-Reihe HERD. HEIMAT. HASS. geht den Wurzeln rechten Denkens auf den Grund.

HERD. HEIMAT. HASS.

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