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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.05.2015

Herberto HelderEin großer Poet, den man nicht kennt

Von Tilo Wagner

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Ein Blick in die Livraria Bertrand in Lissabon - die älteste Buchhandlung der Welt. (imago/Paul Spranger/GlobalImagens)
Die Buchmesse Lissabon ehrt Herberto Hélder. (imago/Paul Spranger/GlobalImagens)

Der Dichter Herberto Helder gilt in Portugal als der größte Lyriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - auf Deutsch ist aber noch kaum etwas von ihm erschienen. Die Lissabonner Buchmesse ehrt nun den Poeten, der im März verstorben ist.

In einem großen, abschüssigen Park im Zentrum Lissabons laufen die letzten Vorbereitungen. Bis Mitte Juni findet hier die Lissabonner Buchmesse statt. Vor den Holzhäuschen, in denen die Verlage ihre Neuerscheinungen präsentieren, werden Kisten ausgepackt und Bücher sortiert.

"Der neuste Gedichtband von Herberto Helder steht da drüben“, sagt einer der Verkäufer. Direkt neben den Werken des Literaturnobelpreisträgers José Saramago. Das ist kein Zufall. Für den Verlag Porto Editora zählen Herberto Helder und Saramago zu den beiden größten Vertretern der portugiesischen Literatur der vergangenen 50 Jahre. Helder trat vor allem als Lyriker auf. Das Gedicht "Queria fechar-se inteiro num poema" ist eine der ganz wenigen Tonaufnahmen, die von dem Dichter existieren:

"queria fechar-se inteiro num poema /
lavrado em língua ao mesmo tempo plana e plena /
poema enfim onde coubessem os dez dedos /
desde a roca ao fuso." 

Fast unbekannt

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Saramago und Herberto Helder. Während der Romanschriftsteller eine in der Öffentlichkeit omnipräsente Figur war, ist über den Lyriker fast gar nichts bekannt:

"Bis zu seinem Tod galt Herberto Helder als der größte lebende Poet in Portugal, und er hat jetzt seinen festen Platz unter den herausragenden Dichtern der portugiesischen Literaturgeschichte. Zudem umgab ihn in Portugal etwas mythisches, denn er lebte fast sein ganzes Leben fern der literarischen Welt und der Öffentlichkeit. Er lehnte selbst die größten Literaturpreise ab, die ihm in Portugal verliehen wurden. Und das hat seinen Ruf sogar verstärkt, den er aufgrund der enormen  Qualität seiner Lyrik eh schon inne hatte."

Manuel Valente hat die letzten beiden Werke von Herberto Helder herausgebracht. Die Zusammenarbeit mit dem portugiesischen Dichter, der 1958 seinen ersten Lyrikband publizierte, war für seine Verleger immer eine große Herausforderung. Helder glaubte, seine Poesie sei vergänglich und veränderbar. Die Gedichtbände erschienen in einer einzigen, sehr geringen Auflage, Nachdrucke erlaubte er nicht. Und wenn sie erschien waren, korrigierte Helder seine Lyrik, um sie später in Sammelbänden in neuer, überarbeiteter Form zu präsentieren. Helder zählte zu den Mitbegründern der portugiesischen experimentellen Lyrik. Doch seine Poesie ließe sich nur schwer einer bestimmten Strömung zuordnen, sagt Manuel Valente:

"Helders Sprache ist zeitlos. Seine Lyrik ist mit den essentiellen Wurzeln des Lebens verbunden. Mit den großen Elementen: dem Feuer, dem Wasser, dem Tod. So als ob es eine Stimme sei, die aus dem Anfang der Zeit stammte. So wie die Griechen oder anderer alte Zivilisationen. Dafür hat er sich immer begeistert und er hat dies mit in seine Poesie genommen. Eine Stimme, die nicht an den Moment, an die Gegenwart gebunden ist."

Rückzug aus dem öffentlichen Leben

Sein Rückzug aus dem öffentlichen Leben scheint dieser zeitlosen Stimme den nötigen Raum gegeben zu haben. Vor fast 50 Jahren gab Helder sein letztes Interview. Bis kurz vor seinem Tod zirkulierten nur wenige Fotos von ihm: ein Mann, Mitte 30, mit hoher Stirn und gestutztem Vollbart.

Herberto Helder wurde 1930 auf der Atlantikinsel Madeira geboren, kam mit 16 nach dem frühen Tod seiner Mutter aufs Festland, studierte in Coimbra und Lissabon. Er war Bankangestellter, Bibliothekar und Journalist. Er arbeitete beim Wetterdienst und in der Werbung. Er reiste durch Europa, Afrika und Amerika, bis er schließlich seine große Leidenschaft zum Beruf machte und als Poet abtauchte.

Kurz vor seinem Tod ließ sich Herberto Helder doch noch einmal für die Wochenzeitung "Expresso" fotografieren. Und er nahm auf einem kleinen Audiorekorder Gedichte auf aus seinem letzten zu Lebzeiten erschienenen Band "A Morte sem Mestre"  - Der Tod ohne Meister. Darunter auch das Thema "Queria fechar-se inteiro num poema":

"para lá dentro ficar escrito direito e esquerdo /
quero eu dizer: todo /
vivo moribundo morto /
a sombra dos elementos por cima"

Der Umgang mit dem Erbe von Herberto Helder wird den Portugiesen nicht leicht fallen. Sein Sohn Daniel Oliveira, der als Journalist und Gründungsmitglied der Partei "Linksblock" in Portugal sehr präsent ist, appellierte kurz nach dem Tod seines Vaters daran, einen Wunsch von Herberto Helder zu respektieren: Keine Straße, kein Platz, keine Schule solle jemals den Namen des Poeten tragen.

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