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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.03.2018

Herbert Fritsch-Premiere an der SchaubühneClownesker Reigen um die Null

Von Barbara Behrendt

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Szene aus dem Theaterstück "Null", inszeniert von Herbert Fritsch an der Berliner Schaubühne, mit den Schauspielern Jule Böwe, Bernardo Arias Porras, Ingo Günther, Florian Anderer, Carol Schuler, Bastian Reiber, Axel Wandtke, Ruth Rosenfeld (Thomas Aurin)
Szene aus dem Theaterstück "Null", inszeniert von Herbert Fritsch an der Berliner Schaubühne. (Thomas Aurin)

Die Berliner Schaubühne feierte eine weitere Premiere des Ausnahmeregisseurs Herbert Fritsch. Unsere Kritikerin fühlt sich von "Null" zwar im bewährten Fritsch-Stil gut unterhalten - ein wirklich großer Abend sei es jedoch nicht.

In seiner zweiten Arbeit an der Schaubühne begibt sich Herbert Fritsch mitten in die Geschichte der Selbstentdeckung der Welt und schlägt das rätselhafte Kapitel der Null auf. Und wie meistens müssen an dieser Stelle nicht viele Worte über den Text des Stücks "Null" verloren werden, denn es gibt – abgesehen von eine paar Sprachfetzen im ersten Teil des Abends – keinen. Dafür wieder vollen Körpereinsatz der Schaubühnen-Schauspieler in 50er Jahre-Kostümen auf einer nackten Bühne.

Auch in "Null" besteche Fritsch wieder durch "virtuose, sinnfreie Choreografie", meint unsere Kritikerin Barbara Behrendt. Der Abend sei sehr unterhaltsam, mit den bewährten "Quatschnummern". Und auch diesmal zeige sich, dass Fritsch-Inszenierungen am besten funktionierten, wenn sie nicht auf einer literarischen Vorlage beruhten.

Der Abend sei "ein großer clownesker Spaß" – und dennoch kein großer Fritsch-Abend. Allerdings: "Fritsch ist ja nie wirklich schlecht. Man kann ihn gar nicht so kritisieren, weil er einfach so einzigartig in diesem Theaterbereich ist."

(mkn)


Lesen Sie hier die vollständige Rezension

Herbert Fritsch ist konsequent: Er startet beim Nullpunkt, beim Nichts, bei der Leere und beim Urknall. Von hier aus gibt es kein Zurück, nur Beginn, Bewegung, grenzenlose Freiheit. Die Null ist nicht nur der Loser unter den Zahlen, sondern auch der ultimative Startpunkt.

Eine nackte Bühne, bis auf die Betonwände bloß gelegt. Hinter einer eingelassenen Tür trippeln die neun Spieler in ihren pastellfarbenen Kostümen heraus, angelehnt an Kleidchen und Anzüge der 1950er Jahre, dicke Schminke und Perücken, und brabbeln durcheinander: Was tun? Eine Drehung? Einer nach Außen, einer nach Innen? Eins, zwei, drei, vier? Und was, wenn Tinnitus oder Tanztee? Sprachfetzen, sinnloser Nonsens, den sie mit heiligem Ernst vortragen – ebenso wie die quatschigen Gymnastikübungen, die darauf folgen. Bernardo Arias Porras geht mit artistischem Slapstick voran.

Die Worte kommen komplett abhanden 

Sie schnallen sich Gurte um, haken sich in die Seile ein, die von der Decke hängen, und schaukeln sich eine so sinnfreie wie spaßig-virtuose Choreografie zurecht. Wie Fliegen, im Netz gefangen, rudern sie mit den Armen oder setzen einander in Bewegung. Manchmal hängen sie auch nur so rum und machen es sich im luftigen Nichts bequem. 

Nach einer halben Stunde dann große Umbaupause – und im Anschluss noch mehr Nichts als vorher, zurück auf Null. Von der Decke hängt eine riesige roboterartige Hand herab und quietscht bedenklich, wenn sie die Finger krümmt. Eine Art Deus ex Machina, dessen Hand sich bedrohlich auf die Spieler senkt, als wolle er sie zerquetschen. Doch fröhlich krabbeln sie unter ihm hervor – das war doch nur der Anfang! Die Worte sind der Fritsch-Welt jetzt komplett abhanden gekommen, dafür erkunden die Schauspieler mit allerlei Kunststückchen, Slapstick- und Virtuosennummern ihren Körper. Am goldenen Mast, der verloren herumsteht, mühen sie sich mit verunglücktem Pole-Dance und ehrwürdig vorgetragenen Null-Nummern ab.

Ein herrlich dadaistisches Un-Konzert

Bis ein Gabelstapler auf die Bühne holpert, das Ensemble auf eine Holzpalette lädt und sie herumfährt wie auf einem Serviertablett. Ein Bühnenteil senkt sich, der Stapler fährt eine Etage tiefer, hebt die Spieler dann wieder empor und, oh Wunder: Jeder präsentiert jetzt stolz ein glänzendes Blechblasinstrument. Das Null-Konzert, das dann unter der Leitung von Ingo Günther folgt, ist die größte Feier des Nichts an diesem Abend: Ein jeder setzt die Lippen an – aus den Trompeten, Posaunen, Hörnern kommt windiges Rauschen, weit entfernt von einem Ton. Ventile klackern im Takt, Mundstücke werden rhythmisch geklopft – ein herrlich dadaistisches Un-Konzert, ein mit clowneskem Stolz vorgetragenes Luftstück auf Blech. Jule Böwe wiegt ihr gewundenes Tuba-Baby im Arm und steckt ihm das Mundstück wie einen Schnuller auf.

Fritsch ist dann am besten, wenn er im Unsinn Sinn entdeckt, mehr noch, als wenn er literarische Sinnzusammenhänge in den Unsinn kippt. Und so ist auch "Null" ein kunstfertiger Nonsens-Spaß. Zu seinen größten Arbeiten zählt die Arbeit trotzdem nicht – dafür sind die einzelnen Nummern dann doch oft zu klein, zu beliebig aneinandergereiht. Aber auch ein mittlerer Fritsch macht (man hört’s dem gackernden Publikum an) Freude – es gibt, das kann einem an diesem Abend wieder bewusst werden, niemand Vergleichbaren mit diesem Dada-Spezialisten im deutschsprachigen Theater.

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