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Fazit | Beitrag vom 13.10.2019

Herbert Fritsch inszeniert "Amphitryon"Virtuose Nummern-Revue

von Barbara Behrendt

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Im Vordergrund: ein sehr bunt gekleidetes Adelsehepaar vor einer farbenfrohen Kulisse. Die Frau flüstert dem Mann wohl etwas zu, dieser verzieht sein Gesicht. Im Hintergrund eine Frau in schwarz. (Thomas Aurin / Schaubühne Berlin)
Die einzelnen Nummern seien für sich genommen "nicht so wahnsinnig lustig und etwas ermüdend", urteilt Barbara Behrendt. (Thomas Aurin / Schaubühne Berlin)

Herbert Fritsch hat Molières göttliches Täuschungsspiel an der Berliner Schaubühne inszeniert - mit dem Ensemble-Neuzugang Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle. Ein gelungener Einstand, urteilt unsere Kritikerin Barbara Behrendt.

Fritsch, Meyerhoff, Molière – das ist ein eingespieltes Trio: In Hamburg hat der Regisseur Herbert Fritsch mit Joachim Meyerhoff den Franzosen 2014 inszeniert, danach ging es an die Wiener Burg. Zur neuen Spielzeit ist der Theaterliebling Meyerhoff, zweifach als "Schauspieler des Jahres" ausgezeichnet, an die Berliner Schaubühne gewechselt. Dort hat er nun seinen Einstand gefeiert – natürlich mit Fritsch. Und mit Molières "Amphitryon".

Sowohl für das Haus als auch fürs eingeschworene Fritsch-Ensemble ist das ein großer Gewinn. Meyerhoff spielt den Sosias, Diener des Amphitryon und eigentliche Hauptfigur des Dramas, im knallorangenen Waffenrock à la Barockzeitalter, Federpuscheln auf dem goldenen Helm und Perückenpuder. X-beinig steht er jammervoll an der Rampe und versteht die Welt nicht mehr: "Kann ich aufhören ich zu sein? Der wahre Sosias, der bist du – doch wer bin ich? Ich muss doch schließlich auch was sein..."

Jubelmomente an eher ermüdendem Abend

Bei allem Komödienton, allem Gehüpfe, aller irrer Trippelei bleibt Meyerhoff an diesem Abend der einzige, der seiner Figur doch noch etwas rührend Leidvolles, etwas Menschliches abgewinnt. Bei höchstem Körpereinsatz lässt er doch gleichermaßen jedes Wort sinnlich werden. Die Szenen, in denen er auf den grandiosen Körperclown und Slapstick-Boxer Bastian Reiber als seinen Doppelgänger, den verkleideten Merkur trifft, sind die Jubelmomente des ansonsten eher ermüdenden Abends.

Fritsch inszeniert Molière erstaunlich textnah und legt dabei deutlich weniger formale Strenge an. Statt dem Abend ein choreografisches Konzept zu geben, lässt er die Schauspieler eine Nummern-Revue mit allerlei unterschiedlichen Parodien abfeuern: barockes Menuett und Pas-de-Deux, schräge Operneinlagen; schnulzige Liebesszenen werden nachgestellt, Bühnenshows der Schlager- und Popstars vorgeführt mit allerlei bluesigen "Uhuhus" – und ein Film-Noir, bei dem Florian Anderer als Amphitryon und Annika Meier als Alkmene mit Luftzigarette dem Rätsel um die zurückliegende Nacht auf die Spur zu kommen versuchen. Das alles zur mal düster-schrägen, mal schmissigen Live-Musik des hervorragenden Duos Ingo Günther und Taiko Saito an Klavier und Marimbaphon.

Einfaches wie wirkungsvolles Setting

Fritschs selbst entworfene Bühnen bestehen gern aus einer einzigen markanten Chiffre. Hier ist das gerade nicht der Fall. Das Publikum schaut auf einer Reihe grellbunter Papiervorhänge an den Seiten und an der Decke, die sich nach hinten verjüngen –Soffitten, Zitate aus dem Barockzeitalter. Die Gassen, die an den Seiten entstehen, erlauben den Spielern Dutzende komische Auf- und Abgänge – das Setting ist so einfach wie wirkungsvoll. Das Bühnenzentrum steht frei, hier wird getanzt und gesungen, was das Zeug hält. Die Spieler toben sich aus, jeder mit eigener Marotte, eigenem Sprachfehler und Akzent, und geben dem Affen ordentlich Zucker.

Verwechslungskomödien sind vertrackte Spiele um Identität, Sinn und Wahnsinn. Das Doppelgänger-Phänomen, das Vexierspiel ist Teil der Volkstheatertradition und der Comedia dell’arte. Und immer noch ungewöhnlich aktuell: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Wie austauschbar bin ich wirklich? Fritsch hat sich stets fürs Spiel mit Identität und Spiegelbildern begeistert – ohne psychologische Figuren, ohne Individuen, sondern mit Gruppencharakteren – austauschbare Clowns mit seltsamen Marotten. Auch hier: Püppchen, Marionetten, Stehaufmännchen.

Fritsch lässt Molières Amphitryon-Bearbeitung spielen, die heitere, rhythmische, schwerelose Variante – nicht Kleists spätere tiefsinnige, existenzielle Fassung, die auch die Charaktere der Frauen besser auslotet. Auf der Bühne wird daraus eine grelle Gesangsshow. Nichts gegen schrille Komödien an für sich. Doch der Abend zerfällt mehr und mehr in einzelne Nummern, die zwar virtuos gespielt sind – doch als Konzept für den Abend nicht wirklich tragen. Am besten ist Fritsch nach wie vor, wenn er formal streng und weniger Sprache als Körper inszeniert, weniger Sinn als abgründigen Irrsi

"Amphitryon" von Molière an der Berliner Schaubühne
Regie und Bühne: Herbert Fritsch

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