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Kompressor | Beitrag vom 23.11.2018

Herbert Achternbusch wird 80"Die Steinzeitmenschen waren auch schon gegen Kohl"

Andi Niessner im Gespräch mit Timo Grampes

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Herbert Achternbusch betrachtet sich am 13.10.1998 im Foyer der Hamburger Kammerspiele in einem Spiegel.  (picture alliance / dpa / W. Langenstrassen)
Herbert Achternbusch betrachtet sich am 13.10.1998 im Foyer der Hamburger Kammerspiele in einem Spiegel. (picture alliance / dpa / W. Langenstrassen)

Herbert Achternbusch sei der "kreativste, wildeste, anarchistische, leidenschaftlichste deutsche Filmemacher", sagt Regisseur Andi Niessner. Um sich an Helmut Kohl zu rächen, ließ Achternbusch in einem seiner Filme sogar Steinzeitmenschen aufkreuzen.

Maler, Schriftsteller, Filmregisseur, ja sogar Schmuckdesigner! Herbert Achternbusch machte vieles – und alles so anders als die Anderen. "Der Humor von Achternbusch ist grenzenlos und genial", sagt Andi Niessner. Der Dokumentarfilmer war ab Mitte der 90er-Jahre Aufnahmeleiter bei Achternbuschs Filmen und drehte anlässlich von dessen 70. Geburtstag selbst einen Dokumentarfilm über ihn. 

Achternbuschs Schaffensdrang beeindruckte Niessner. Teilweise habe der Regisseur ein Drehbuch in zwei Tagen geschrieben. Ständiges Thema von Achternbuschs Filmen: Bayern. Mit seiner Heimat verbindet ihn eine Hassliebe. "In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein", sagte er einmal – und doch lebt er bis heute in München.

Herbert Achternbusch als Jesus, der vor einem Kreuz sitzt. (imago stock&people)Herbert Achternbusch spielt in "Das Gespenst" (1982) die Rolle des Jesus, der vom Kreuz steigt und Ober wird. (imago stock&people)
Streng katholisch erzogen, war auch die Kritik an der Kirche zum Thema von Achternbuschs künstlerischem Schaffen. In der Satire "Das Gespenst" lässt Achternbusch Jesus in die heutige Welt zurückkehren und –  wie könnte es anders sein – durch Bayern wandeln. Ein provozierender Film, der 1982 eigentlich den Bundesfilmpreis bekommen sollte. Bis Friedrich Zimmermann (CSU), der Bundesinnenminister unter der damaligen Kohl-Regierung, einschritt. "Und die haben ihm dann kurzer Hand den eigentlich schon zugesprochenen Filmpreis wieder aberkannt – wegen Blasphemie", sagt Andi Niessner.

Als Gespenster verkleidet störten rund 20 Personen am 25.06.1983 in Berlin die Rede von Innenminister Friedrich Zimmermann bei der Verleihung der Bundesfilmpreise im Zoopalast.  (dpa / picture-alliance)Als Gespenster verkleidet störten rund 20 Personen am 1983 in Berlin die Rede von Innenminister Zimmermann bei der Verleihung der Bundesfilmpreise. (dpa / picture-alliance)

16 Jahre später half Niessner Achternbusch bei den Dreharbeiten von "Neue Freiheit – Keine Jobs Schönes München – Stillstand". Dieser Film sei seine Rache an der Kohl-Regierung, habe Achternbusch zu ihm gesagt. Achternbusch führt nicht nur Regie, sondern schlüpft auch in die Rolle des Obdachlosen Hick. Der streift durch München und fordert die Befreiung von Kohl. Als eines Tages auch Steinzeitmenschen am Set auftauchen, beginnt Niessner sich zu wundern. "Und ich sagte: Herbert, ich versteh das nicht. Warum springen wir plötzlich in die Steinzeit?" Ganz einfach, habe Achternbusch gesagt: Die waren auch schon gegen Helmut Kohl.

(mw)

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