Seit 20:03 Uhr In Concert

Montag, 17.06.2019
 
Seit 20:03 Uhr In Concert

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.01.2012

Herausragender Comicroman über eine Primaballerina

Bastien Vivès: "Polina", Reprodukt Verlag, Berlin 2011

Podcast abonnieren
Polina Semionova, Primaballerina des Berliner Staatsballetts, ist das Vorbild für Bastien Vivès' Titelheldin (Enrico Nawrath)
Polina Semionova, Primaballerina des Berliner Staatsballetts, ist das Vorbild für Bastien Vivès' Titelheldin (Enrico Nawrath)

"Polina" ist die dritte "Graphic Novel", die Bastien Vivès vorlegt. In Frankreich wurde das Buch zum besten Comic 2011 gekürt. Zu Recht, denn Vivès erzeugt mit skizzenhaften Zeichnungen eine ungemein konzentrierte, dichte und intime Geschichte.

Ein Paar tanzt, vor einem grauen Hintergrund, in das Grau eingewoben die zwei kleinen Figuren, mit ganz wenigen Strichen und drei Tupfern schwarz und weiß gezeichnet. Obwohl die beiden so ungemein sparsam gezeichnet sind, kann man sich kaum ein intensiveres Bild von einem Paar vorstellen. Bastien Vivès arbeitet in seiner gesamten Graphic Novel mit nur drei Farben: Grau, Schwarz und Weiß. Er deutet an, skizziert, lässt Bewegungen nur erahnen, mit dieser Kunst der Reduktion erzeugt er eine ungemein konzentrierte, dichte und intime Geschichte.

Polina, die Titelfigur, ist eine junge Balletttänzerin. Mit sechs Jahren kommt sie in die Moskauer Akademie von Professor Bojinski. Der strenge, ganz für den Tanz lebende Lehrer fordert Polina bis an ihre Grenzen, oft genug darüber hinaus. Die Unbarmherzigkeit einer elitären Tanzausbildung ist ein Teil von Polinas Geschichte, aber nur ein Teil, denn sie ist stark genug, sich davon freizumachen. Als junge Frau lässt sie Bojinski und ihr erstes Moskauer Theaterengagement im Stich, um nach Deutschland zu gehen und in eine experimentelle Tanztheatertruppe einzutreten. Polina ist eine Frau mit einem leisen, aber starken Eigensinn. Als sie von ihrem Prinzipal enttäuscht wird, bricht sie wieder auf, ganz alleine, nach Berlin. Mit zwei jungen Theatermachern entwickelt sie dort eine neue Bühnenform, eine Mischung aus Schauspiel und Tanztheater, die die drei berühmt machen wird.

Probenräume, Bühnenauftritte, Kantinendiskussionen: Bastien Vivès bleibt mit seiner graphischen Erzählung ganz im Raum des Theaters. So reduziert wie seine zeichnerischen Mittel hält er auch sein Personal, einige Lehrer, einige Begleiter von Polina lernt man kennen, nicht mehr, und vor allem die Tänzerin selbst. Bastien Vivès hatte eine reale Vorlage für diese Figur: die Berliner Primaballerina Polina Semionova. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen der echten Primaballerina und der Polina in Vivès’ Graphic Novel, aber der Zeichner hat der Versuchung widerstanden, hier eine ätherische, langbeinige Schönheit auf das Papier zu zaubern. Die Markenzeichen seiner Polina sind eine schwarze Stupsnase und große Ohren, sie ist schön, aber auf sehr eigenwillige Art, so wie sie lebt. Dazu gehört für sie, als berühmte Tänzerin, als Protagonistin eines neuen Tanztheaters zu ihrem alten Lehrer Bojinski zurückzukehren. Sie möchte wieder mit ihm an einem klassischen Solo arbeiten, dort weitermachen, wo sie ihn Jahre zuvor im Stich gelassen hatte.

Bastien Vivès ist Jahrgang 1984, es ist schon unheimlich, mit welcher Souveränität dieser junge Autor ein herausragendes Werk nach dem anderen vorlegt. "Polina" ist das dritte Buch, das Vivès getextet und gezeichnet hat. Wie die Vorgänger zeigt es einen Poeten unter den internationalen Comicautoren, in Stimmung und Sensibilität verwandt mit dem japanischen Altmeister Jiro Taniguchi, wenngleich der Zeichenstil der beiden völlig unterschiedlich ist. Der Zusammenschluss der französischen Comic-Kritiker hat "Polina" von Bastien Vivès mit dem "Grand prix de la critique" ausgezeichnet, als besten Comic-Band des Jahres 2011.

Besprochen von Frank Meyer

Bastien Vivès: "Polina"
Aus dem Französischen von Mireille Onon
Reprodukt Verlag, Berlin 2011
206 Seiten, 24,00 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur