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Lesart | Beitrag vom 22.05.2018

Henning Aubel (Hg.): "Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland"Versunkene Städte und versteinerte Könige

Von Anne Kohlick

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Eine Schwarzweiß-Fotografie mit Patina zeigt die verfallene Ruine eines alten Klosters. Davor gestellt ist das Cover zu Henning Aubels "Buch der Unheimlichen Orte". Auf dem Buch zu sehen ist die Zeichnung eines alten Schlossturms. (Bild: Imago Stock & People / Cover: Frederking & Thaler)
Eine verfallene Klosterruine: Henning Aubel führt in seinem Buch zu unheimlichen Orte (Bild: Imago Stock & People / Cover: Frederking & Thaler)

Gespensterwälder, tiefe Seen, stille Klosterruinen: In Deutschland wimmelt es von unheimlichen Orten. 51 davon stellen Henning Aubel und seine Autorinnen und Autoren vor. Seite für Seite wird so klar, wie viel Wahrheit in den Legenden steckt.

Einst herrschte der grausame König Watze über das Berchtesgadener Land, ein hartherziger Mann, der seine Untertanen tyrannisierte. Als seine Jagdhunde eine unschuldige Hirtenfamilie zerfleischten, verwandelte Gott ihn und seine Familie zur Strafe zu Stein. Aus ihnen wurden die mächtigen Gipfel des Watzmann-Kalksteinmassivs – so will es die Legende.

Tatsächlich entstand der 2700 Meter hohe Berg durch Gesteinsverschiebungen: Vor Jahrmillionen befand sich dort, wo heute die Alpen sind, ein Meer. Auf dessen Grund falteten sich Gesteinsschichten unter dem Druck wandernder Kontinentalplatten übereinander, bis sich Berge aus dem Wasser hoben.

Beschwörungen des Unheimlichen

Vom Watzmann ganz im Süden bis zur versunkenen Stadt Rungholdt, dem Atlantis Nordfrieslands, über den Kyffhäuser in Thüringen, wo Kaiser Barbarossa seit Jahrhunderten schlafen soll: 51 Orte werden in diesem Buch vorgestellt, in je einem kurzen Kapitel, das mit einem ganzseitigen Einführungsbild und einem Kartenausschnitt beginnt.

Eine alte Postkartenzeichnung zeigt eine Darstellung des Watzmann-Kalkmassivs: In den Felsen zu sehen ist König Watze und seine Familie (imago stock&people)Unheimlich? Eine bildliche Darstellung der Watzmann-Sage auf einer alten Postkarte. (imago stock&people)

Historische Illustrationen und stimmungsvolle Fotografien, getaucht in dunkles Rot, stimmen visuell ein auf Texte, die teils etwas zu bemüht sind beim Versuch, das Unheimliche der ausgewählten Orte hervorzuheben: "Liegt hier der Eingang in die Unterwelt?" Unwahrscheinlich, dass er sich in der Rhumequelle im Harzvorland befindet. Solche rhetorischen Fragen hätten sich die Autoren, die der Historiker Henning Aubel hier versammelt hat, sparen können.

Die Texte machen Lust auf eigene Erkundungen

Denn was sie über jungsteinzeitliche Opfergaben in der Quelle zu erzählen haben und über die Zwergentochter, die der Sage nach den Wasserstrom speist, ist spannend genug. Und so gibt "Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland" kurzweilige Einblicke in die Welt der Legenden, in Geschichte und Geologie. Wie entstanden die glitzernden Tropfsteinformationen der Atta-Höhle in Westfalen? Warum baute man in den 60er-Jahren in der Nähe von Bonn einen 80.000 Quadratmeter großen Bunker?

Die kurzen Texte, die pro Ort nie mehr als drei Seiten umfassen, können diese Fragen zwar nicht in aller wissenschaftlichen Tiefe beantworten, machen aber Lust, den Gespensterwald von Nienhagen an der Ostsee oder die verlassenen Dörfer im rheinischen Braunkohlerevier selbst zu besuchen.

Voll im Trend

Service-Informationen zu Anreise, Öffnungszeiten oder Eintrittspreisen fehlen allerdings. Das Buch ist bei Frederking & Thaler erschienen, einem Münchener Verlag, der auf Bildbände über Reisen und Natur spezialisiert ist. In den Vorjahren hat der Verlag bereits einen "Atlas der unheimlichen Orte" und einen "Atlas der verlorenen Städte" auf der ganzen Welt veröffentlicht. "Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland" ist also Programm.

Zumal Bücher über sogenannte "Lost Places", vor allem Fotobände, die verlassene Orte dokumentieren, boomen – genauso wie Blogs, die online düstere Reisetipps versammeln: Trips zu Bunkern, ehemaligen Schlachtfeldern oder Katastrophenorten wie Tschernobyl. "Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland" liegt damit voll im Trend.

Henning Aubel (Hg.): Das Buch der unheimlichen Orte in Deutschland. Schaurige Plätze und ihre Geschichten
Frederking & Thaler, München 2018
224 Seiten, 25,99 Euro

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 18.10.2016)

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