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Fazit | Beitrag vom 08.11.2020

Helmut-Schweizer-Ausstellung in RatingenMit Glaskolben gegen Atomwaffen

Von Nadja Bascheck

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Der Künstler Helmut Schweizer vor der Künstlerloge in Ratingen, wo seine Ausstellung "Hiroshima_Endlager (1945-2020)" gezeigt wird. (Nadja Bascheck / Deutschlandfunk Kultur)
Der Künstler Helmut Schweizer vor der Künstlerloge in Ratingen, wo seine Ausstellung "Hiroshima_Endlager (1945-2020)" gezeigt wird. (Nadja Bascheck / Deutschlandfunk Kultur)

Tropfende gelbe Gelatine, angestrahlt von UV-Licht: Mit Installationen wie dieser erinnert der Künstler Helmut Schweizer an die Gefahren der Atomkraft. Seine aktuelle Ausstellung "Hiroshima_Endlager" ist derzeit nur durch ein Schaufenster zu betrachten.

Letzte Handgriffe vor der Eröffnung. Helmut Schweizer läuft durch den schmalen Ausstellungsraum. Die Künstlerloge steht voller Glaskolben und Flaschen, viele auf fragilen Eisenstelzen, befüllt mit giftig bunten Flüssigkeiten. An der Wand hängen ein paar Collagen.

Helmut Schweizer musste die Vernissage absagen. Trotzdem hat er in den letzten Tagen seine Installationen aufgebaut. Und wenn schon niemand die Loge betreten darf, so seine Idee, dann sollen die Menschen die Arbeiten wenigstens von außen sehen können. "Dann habe ich die Figuren so stellen können, dass sie relativ sperrig im Raum stehen und musste nicht darauf achten, Wege zu geben, an denen die Leute entlang können. Ich habe besonders auf Sicht gestellt", sagt Helmut Schweizer.

Das Thema Atomkraft zieht sich durch sein Werk

Von außen kann man gut hineinschauen, denn die Künstlerloge ist durchgehend verglast. Das ehemalige Pförtnerhaus grenzt an ein Hotel, eingebettet in ein Karree. Mit Schweizers Werken erinnert die Künstlerloge nun an ein Chemielabor. Um 17 Uhr gehen die Lampen an, der Raum erstrahlt in violettem Licht, die Glaskolben leuchten.

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Der 74-jährige Helmut Schweizer setzt sich in seinen Arbeiten schon seit Studienzeiten mit atomarer Bedrohung auseinander. Ein Thema ist dabei zentral und zieht sich durch sein Werk: "Die Vorstellung, dass ich etwas machen wollte, was sich damit beschäftigt, dass die Welt, in der ich lebte, immer mehr von der Technik und Zivilisation zerstört wurde", sagt der Künstler. 

Es gibt wohl kaum etwas, das den Konflikt zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und Zerstörung von Mensch und Natur so gut symbolisiert wie die Atomkraft.

Metaphorische Arbeiten voller Anspielungen

Die Loge liegt direkt an einer dicht befahrenen Straße. Fußgänger bleiben kurz stehen und schauen neugierig hinein. Maria Anna Dewes, Bildhauerin aus Düsseldorf, betreut die Künstlerloge. Sie sagt: "Die Loge ist ja so konzipiert, dass sie immer von außen einsehbar ist. Deshalb hatten wir vermehrt in letzter Zeit darauf geachtet, dass hier installativ gearbeitet wird insofern, als dass die gesamte Loge, die künstlerische Arbeit und die Sicht von außen wichtig ist."

Schweizers metaphorische Arbeiten sind voller Anspielungen und funktionieren auch auf den ersten Blick assoziativ: Bei den Formen und Farben und in Kombination mit dem Titel "Hiroshima_Endlager" liegt der Gedanke an Atomkraft und Zerstörung nahe.

Einige Arbeiten sind prozesshaft, etwa das "Zwischenlager", wie Schweizer es nennt: Drei Glaskolben, die über einer Plastikwanne hängen. Gefüllt mit gelber Gelatine, angestrahlt von UV-Leuchten. Mit der Zeit tropft die Gelatine in die Wanne. Ein Zerfallsprozess, der schon am ersten Abend sichtbar wird.

Erschwerte Bedingungen für Vernissagen

Auf Vernissage und Partystimmung müssen sie hier heute verzichten. Trotzdem hat Dewes eine Flasche Champagner und ein paar Gläser mitgebracht. Es sind einige Wegbegleiter und Freundinnen des Künstlers gekommen - etwa Birgit Jensen, selbst Künstlerin. Ihr Atelier ist direkt neben Schweizers. Sie sagt:

"Ich glaube, wir sind alle etwas bedrückt, weil wir ja keine Eröffnung hier offiziell machen können. Wir haben einfach gedacht, wir kommen hierher und laufen vorbei und verschaffen uns einen gewissen Eindruck von Ferne und mischen uns nicht so sehr unters Volk."

Jensen hat Verständnis für die Einschränkungen. Zum Glück hatte sie gerade keine Ausstellung geplant, sagt sie. Trotzdem fehlt ihr etwas: "Der Mangel an kulturellen Veranstaltungen und Kultur überhaupt, da spürt man eben, dass das Bedürfnis sehr groß ist, also dass der Mangel wirklich auch wehtut."

Das Gefühl kennt auch Ursula Burg zu gut. Die Frau mit rötlichem, dichtem Haar, eingepackt in einen Wintermantel, ist Schauspielerin und tritt mit freien Theatergruppen auf. Dass es diesen Monat keine Veranstaltungen gibt und die Museen zu sind, frustriert sie: "Mir fehlt das total. Für mich gehört Kunst ja auch zur Bildung und zum Herzen und zur Seele." 

Deshalb ist sie heute Abend gekommen, um zumindest auf dem Platz vor der Künstlerloge auf Abstand mit dem einen oder der anderen ins Gespräch zu kommen.

75 Jahre Hiroshima und Nagasaki

Helmut Schweizer, mit weißer Maske im Gesicht, läuft hin und her, kommt mit einem Pärchen ins Gespräch oder seinem Galeristen. Dieses Jahr jährte sich der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki durch die Amerikaner zum 75. Mal. Jetzt, da der neue US-Präsident feststeht, gibt es also viel zu besprechen. 

Es wird dunkler und die Arbeiten leuchten umso kräftiger. Solange die Ausstellung läuft, werden die Lampen jeden Abend automatisch angehen. Aber heute wollte Helmut Schweizer ganz bewusst selbst einschalten:

"Mir tut es jetzt gut, dass ich das nicht einfach aufgebaut, das Licht angemacht und eine Uhr draufgemacht habe, und jetzt geht es aus und an. Das wäre irgendwie doch schwierig für einen, der selber noch lebt und produziert. Da braucht man doch eine Rückkopplung, ein Feedback, was mir die Kollegen gegeben haben. Das braucht man fürs eigene Herz, für die eigene Temperatur."

Helmut Schweizers Ausstellung "Hiroshima_Endlager (1945-2020)" ist bis zum 10. Januar 2021 in der Künstlerloge in Ratingen bei Düsseldorf aufgebaut und von außen einsehbar.

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