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Religionen | Beitrag vom 28.02.2021

Helmut Schmidt und die ReligionEin Urprotestant mit schwindendem Gottvertrauen

Von Christian Berndt

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt mit zum Gebet gefalteten Händen beim mecklenburgischen Kirchentag in Rostock vom 16.- 19.06.1988. (IMAGO / epd / Bernd Bohm)
Altbundeskanzler Helmut Schmidt - hier 1988 beim Evangelischen Kirchentag in Rostock - hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Kirche. (IMAGO / epd / Bernd Bohm)

Kaum ein Politiker, der sich noch im Ruhestand so sehr mit politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fragen beschäftige wie Helmut Schmidt. Sein norddeutscher Protestantismus hat den früheren Bundeskanzler lebenslang geprägt.

Bundeskanzler Helmut Schmidt spielte öffentlich Bach. Er liebte geistliche Musik und hing zeitlebens an bestimmten Glaubensritualen wie zum Beispiel dem Vaterunser. Zugleich wahrte er aber auch Distanz zum Christentum: "Zum Glauben habe ich eigentlich nie ein enges Verhältnis gehabt, ich habe ihn auch nicht gesucht", wie Schmidt einmal sagte.

Ambivalentes Verhältnis zur Kirche

"Auf der persönlichen Ebene war Helmut Schmidt eher ein protestantisch-distanziert aufgewachsener Hamburger", so der Historiker Rainer Hering, der ein Buch über Schmidt und die Religion geschrieben hat. "Es ist relativ typisch für den Hamburger Protestantismus, keine allzu große Kirchennähe, er ist getauft worden, konfirmiert, hat kirchlich geheiratet, aber er hatte nach meiner Einschätzung keine tiefe, innerliche Beziehung zum christlichen Glauben. Aber er ist lebenslang Christ gewesen, Mitglied der evangelischen Kirche, und er hat sich auch immer als Christ bezeichnet."

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Schmidts Verhältnis zur Kirche war ambivalent. Bei aller Distanz bezog sich Schmidt als Politiker immer wieder auf den Glauben – zum Beispiel in einer Regierungserklärung zur Reaktion des Staates auf den RAF-Terrorismus: "Zu dieser Verantwortung stehen wir, auch in Zukunft. Gott helfe uns!"

Politik und Glauben als getrennte Sphären

Schmidt suchte Kontakt zu Kirchenvertretern und betonte immer wieder die hohe gesellschaftliche Bedeutung der Religionen – wie 1976 in einer Rede vor der Katholischen Akademie Hamburg: "Die Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften haben keine ausschließliche, wohl aber für die Vermittlung und das Lebendighalten der Grundwerte und der sittlichen Grundhaltungen eine tragende Funktion."

Zugleich aber lehnte Schmidt die Einmischung von Kirchenvertretern in die Tagespolitik ab und bestand darauf, dass Politik und Glauben getrennte Sphären seien. Das Engagement von Kirchenleuten in der Friedensbewegung kritisierte er, wie hier auf dem Evangelischen Kirchentag 1981: "Ich habe das als Beispiele benutzt dafür, dass die Bergpredigt keine Handlungsanweisung für den Umgang mit einer Supermacht darbietet."

Aber konsequent war Schmidt, was die strikte Trennung von Politik und Religion betrifft, nicht – im Verhältnis zur DDR etwa sah er die Kirchen durchaus als Mittel zum politischen Zweck. Schmidts spannungsreiches Verhältnis zur Religion war vor allem das Resultat seiner Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg: "Ich habe während des Krieges geglaubt, in der katastrophalen Situation, in der sich unsere Nation nach dem Krieg befinden würde, würde es auf die Kirchen ankommen, um Moral und Anstand wiederherzustellen. Das habe ich geglaubt."

Nach dem Krieg enttäuscht von Kirchen

Nach dem Krieg war Schmidt enttäuscht von den Kirchen, weil sie ihm im Angesicht des Zusammenbruchs überfordert schienen. Er trat in die SPD ein, die traditionell ein eher angespanntes Verhältnis zur Kirche hatte. Allerdings hatte es während der NS-Zeit schon Annäherungen zwischen Sozialdemokraten und Christen aufgrund gemeinsamer Verfolgungserfahrungen gegeben.

Nach dem Krieg trieb Schmidt diese Annäherung weiter voran – auch weil er damit die SPD mehrheitsfähig machen wollte. Zur eher CDU-nahen, katholischen Kirche blieb das Verhältnis zunächst schwieriger, wobei Schmidt auch hier Kontakte knüpfte. "Was kaum bekannt ist", so der Historiker Henning Albrecht: "Helmut Schmidt war ein brillanter Kenner der katholischen Soziallehre. Das spielte für ihn eine ganz große Rolle, er war mit dem führenden Vertreter der katholischen Soziallehre Oswald von Nell-Breuning befreundet, die haben sich häufig getroffen."

Schmidt pflegte einen regen intellektuellen Austausch, weiß Henning Albrecht, der ein Buch über Schmidt und die Philosophie geschrieben hat: "Ich würde schon sagen, dass Schmidt in der Art und Weise, wie er sich auf Philosophie und Philosophen bezogen hat, eine Ausnahmeerscheinung ist. Der auch in diesem Maße auf philosophische Fachtagungen gegangen ist und dort in Dialog tritt mit Philosophen, um sich über bestimmte Fragen, beispielsweise der Kant-Interpretation auseinanderzusetzen. Das ist, glaube ich, wirklich einzigartig."

Schwindendes Gottvertrauen

Als Kanzler versuchte Schmidt, seine Politik theoretisch zu unterfüttern, so Albrecht. Das entsprach auch dem Zeitgeist: "Schmidt ist Kanzler in den Siebzigern, und die Siebziger sind als Auswirkung vom gesellschaftlichen Aufbruch 1967/68 ein Jahrzehnt gewesen, in dem theoretische Debatten eine sehr große Rolle gespielt haben. Und das Bedürfnis in der Bevölkerung und vor allem in Schmidts eigener Partei war, dass Politik theoretisch fundiert sein sollte."

Auffallend ist, dass Schmidt in den großen Krisen, etwa der Schleyer-Entführung, auf direkte religiöse Bezüge verzichtete. Stattdessen betonte er den Vorrang der eigenen Gewissensentscheidung, die Gott einem Politiker nicht abnehmen könne. Aber 1976 gab Schmidt ein Buch mit dem Titel "Als Christ in der politischen Entscheidung" heraus, das sogar der Papst lobte. Politische Kommentatoren wie Franz Alt fanden es bemerkenswert, dass Schmidt sein Christsein so herausstellte, während die CDU ihr C eher verstecken würde.

Als Schmidt ab den Achtzigerjahren begann, sich mit den anderen Weltreligionen zu beschäftigen, weil er sie als zentrale Partner zur Bewältigung globaler Probleme sah, wuchs seine Distanz zum Christentum. 2007 sagte er: "Ich würde mich heute nicht mehr auf Gott verlassen. Gott hat allzu viele schlimme Dinge zugelassen, er hat Auschwitz zugelassen, ich kann mir unter solchen Worten wie ‚Gottesgerechtigkeit‘ eigentlich nichts Richtiges vorstellen."

Protestant durch und durch

Trotzdem hat sich Schmidt Zeit seines Lebens als Christ bezeichnet. Dem Protestantismus war er mit seiner reflektiert-abwägenden Art, die in der Öffentlichkeit immer etwas von seinem Macher-Image verdrängt wurde, vielleicht mehr verbunden, als ihm bewusst war, sagt Rainer Hering: "Letztlich ist diese massive Betonung der Verantwortungsethik, der Verantwortung jedes Einzelnen schon sehr stark ein protestantisches Element. Und insofern ist Helmut Schmidt innerlich schon ein Urprotestant gewesen."

Außerdem in dieser Ausgabe der "Religionen": "Von de Gaulle bis Macron - Frankreichs Präsidenten und ihr Glaube"

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