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Buchkritik | Beitrag vom 28.05.2018

Helmut Altrichter: "Stalin. Der Herr des Terrors" Alles im Namen des Sozialismus

Von Sabine Adler

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Cover von "Stalin. Der Herr des Terrors", im Hintergrund: Tschapka mit dem Emblem der Sowjetunion  (C.H.Beck-Verlag / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / ZB)
Helmut Altrichter zeichnet in "Stalin. Der Herr des Terrors" das Leben des Diktators nach. (C.H.Beck-Verlag / Hendrik Schmidt / dpa-Zentralbild / ZB)

Stalin hat Millionen von Menschen in den Tod geschickt. Seine forcierte Industrialisierung und die "Säuberungswellen" stürzten das Land in ein Chaos. Helmut Altrichter, Experte für die Geschichte der Sowjetunion, erzählt in seinem Buch vom Leben des Diktators.

29 Jahre, von 1924 bis 1953, hat Stalin die Sowjetunion regiert. Die von ihm bevorzugten Herrschaftsinstrumente waren Intrigen, Befehle, Androhung oder Anwendung von Gewalt. Das von ihm erzielte Resultat, die Diktatur im größten Land der Erde, von zweifelhaftem Erfolg. Der Titel gibt den Tenor der Biografie vor: Stalin – Der Herr des Terrors.

Facettenreich und trotzdem kompakt beschreibt der Osteuropa-Historiker Altrichter den Machtmenschen Stalin in einem Gefüge von Genossen, die oft weitaus brillanter als er waren. Während Lenin wie besessen schrieb, 5000 Seiten füllte, brachte Stalin im Laufe seiner vielfachen Verbannungen und Gefängnisaufenthalte nichts zu Paper. Er wurde nie zum scharfsinnigen Analytiker, weitsichtigen Strategen und erst recht kein mitreißender Redner, anders als sein Erzrivale Leo Trotzki. Der hatte ihn zudem durchschaut und geätzt, dass Stalin die Revolution nicht gemacht, sondern verpasst habe.

Während sich Trotzki mit Lenin anlegte, verdankte Stalin es seiner Fähigkeit, zurückstecken und abwarten zu können, dass er Nachfolger des Revolutionsführers wurde. Altrichter beschreibt, dass Stalins Talente und Fähigkeiten vielleicht überschaubar gewesen sein mochten, dass ihn aber an Skrupellosigkeit und Machtwillen niemand übertraf. Sogar Lenin soll das am Ende nicht geheuer gewesen sein, er soll die Ablösung Stalins als Generalsekretär empfohlen haben.

Der Privatmann Stalin

Dass die Sowjetunion zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges gehörte, wird Stalin bis heute in Russland als großes Verdienst angerechnet. Altrichter thematisiert, mit welcher Härte und welchen Fehlentscheidungen der Sieg errungen wurde, wie zögerlich, geradezu ignorant Stalin zu Beginn auf die drohende Kriegsgefahr durch die deutsche Wehrmacht reagierte.

Auch der Privatmann Stalin bekommt ein Gesicht. Er hatte unzählige Frauen, davon mehrere im Teenageralter. Fast allen seiner ehelichen und noch zahlreicheren unehelichen Kindern war er ein meist gleichgültiger, nicht vorhandener Vater. Stalin hasste es zu reisen, flog nur ein einziges Mal, er war ein Nachtmensch, der sich im Kremlkino Dutzende Male den gleichen Film ansah, am liebsten im Kreise seiner Genossen, die ihn nachts noch auf die Datscha begleiten mussten, um mit ihm zu tafeln.

Sorgfältig arbeitet der Stalin-Biograf Altrichter heraus, wie gefährlich es sich in der Nähe des Diktators lebte, wie krankhaft misstrauisch er war, wie sehr sich selbst Vertraute seiner engsten Umgebung vor ihm fürchteten. Am Schluss so sehr, dass sie sich stundenlang nicht in sein Zimmer wagten, als er im Sterben lag.

Helmut Altrichter: Stalin. "Der Herr des Terrors. Eine Biografie"
C.H. Beck, München 2018, 352 Seiten, 16,95 Euro

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