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Studio 9 | Beitrag vom 11.12.2015

Helmholtz-Gemeinschaft und Bundesagentur für ArbeitWege in die Wissenschaft für Flüchtlinge erleichtern

Von Christiane Habermalz

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Elektroniker im Forschungszentrum Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY in Zeuthen bei Berlin  (picture alliance / ZB / Kalaene Jens)
Der syrische Flüchtling und Softwareentwickler Fuad Abu Sameer kann eine Hospitanz im Deutschen Elektronen Synchrotron DESY in Zeuthen beginnen. (picture alliance / ZB / Kalaene Jens)

Die Helmholtz-Gemeinschaft hat gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit eine Initiative gestartet, um talentierten Flüchtlingen Chancen in der Wissenschaft zu eröffnen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zieht bereits nach. Doch noch stehen der Eingliederung viele bürokratische Hürden im Weg.

Fuad Abu Sameer ist Asylsuchender, vor wenigen Wochen ist er aus Syrien über das Mittelmeer nach Europa gekommen, dann über die Balkanroute nach Deutschland. Am Montag beginnt er am Deutschen Elektronen Synchrotron DESY in Zeuthen eine Hospitanz. Von der Erstaufnahmeinrichtung zum Teilchenbeschleuniger. Abu Sameer ist so etwas wie ein Vorzeigeflüchtling.

"Also vor dem Krieg ich habe Informatik studiert, dann habe ich auch gearbeitet, Arbeitserfahrung gesammelt, drei Jahre als Softwareentwickler gearbeitet, und dann habe ich auch für den Deutschen Entwicklungsdienst und für das Goethe-Institut in Damaskus gearbeitet, Sprachabteilung."

Nicht viele syrische Flüchtlinge sprechen gut Deutsch wie Sameer, doch Potenzial und Qualifikationen bringen viele mit. Um sie zu finden und ihnen eine Chance zu geben, hat die Helmholtz-Gemeinschaft nun gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit eine Initiative gestartet, um talentierten Flüchtlingen eine Chance in der Wissenschaft zu eröffnen.

"Ich glaube dass Helmholtz dafür prädestiniert ist, wir sind relativ groß, wir sind 40.000 Leute, wir haben 18 große Forschungszentren, wir sind extrem international. Ein Viertel unserer Mitarbeiter sind extrem international, und wir können mit der Integration junger Menschen umgehen", sagt Helmholtz-Präsident Otmar Wiestler. In jedem der bundesweit 18 Helmholtz-Forschungszentren sollen bis zu 20 Flüchtlinge integriert werden, so das Ziel. Helmholtz stellt dafür eine Millionen Euro zur Verfügung, eine weitere Million kommt von den Zentren selbst.

"Wir würden jungen Flüchtlingen, die eine Ausbildung anstreben, gern die Möglichkeit geben, eine Ausbildung zu machen. Wir bilden viele junge Menschen aus. Technisch, handwerklich, wissenschaftsbegleitende Berufe, Informatik. Wir würden aber gerne auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter den Flüchtlingen eine Chance geben, erst einmal zu hospitieren, Erfahrungen zu sammeln, und ich bin sicher da sind welche dabei die könnten auch wissenschaftlich bei uns arbeiten."

Bundesagentur bezahlt Sprach- und Einführungskurse

Die Bundesagentur für Arbeit soll helfen, die mögliche Kandidaten unter den Flüchtlingen überhaupt zu finden, sie bezahlt Sprachkurse und sechswöchige Einführungskurse. Wenn Bewerber dauerhaft eingestellt werden, gibt sie Eingliederungszuschüsse. Leider seien immer noch viele bürokratische Hürden zu überwinden, diese müssten abgebaut werden, forderte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise.

"Ich bin sehr enttäuscht, dass manche mit einem sehr strengen Maßstab aus Deutschland beurteilen, was sind die Qualifikationen. Selbst aus dem eigenen Haus kommt: 80 Prozent sind nicht qualifiziert. Und wenn man nachfragt, meinten die damit: Duale Berufsausbildung. Das ist ja absurd, Menschen aus anderen Regionen auf unsere Ma0stäbe zu verpflichten."

Weise hofft, dass das Beispiel Helmholtz Schule macht, und dass auch andere Forschungseinrichtungen sich mit konkreten Angeboten anschließen. Dann könne diese Initiative sehr wirkmächtig werden, zeigt er sich zuversichtlich. Derweil kündigte auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft an, aus ihren Heimatländern geflohenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Mitarbeit in DFG-geförderten Forschungsprojekten erleichtern zu wollen.

Der zuständige Arbeitsvermittler, der den jungen Informatiker Fuad Abu Sameer entdeckt und weitervermittelt hat, Kabeya Kabambi, ist übrigens selber vor über 20 Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen – aus Zaire. Sein Vater war Regimegegner des damaligen Diktators Mobutu. Damals jedoch wurden Asylbewerber in Deutschland mehr als Belastung denn als Bereicherung angesehen – egal, wie qualifiziert sie waren.

"Also mein Vater hat eben ein paar Jahre später Deutschland wieder verlassen, weil es gab eben solche Projekte nicht. Also das Potenzial wurde nicht genutzt. Mein Vater ist promovierter Ökonom, aber auch Bauingenieur, und er hat keine Zukunft hier gefunden."

Abu Sameer will, wenn es in seiner Heimat besser wird, zurückkehren. Aber vielleicht bleibt er auch hier – als Wissenschaftler. Alles ist möglich, sagt er. 

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