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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 03.08.2015

Helgoland: seit 125 Jahren deutschDie Insel und ein Mythos

Von Dietrich Mohaupt

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Leuchtturm auf der Insel Helgoland (imago/blickwinkel)
Leuchtturm auf der Insel Helgoland (imago/blickwinkel)

Mit dem "Vertrag über Kolonien und Helgoland" übergaben die Briten 1890 die Insel an das deutsche Kaiserreich. Hartnäckig hält sich seither der Irrglaube, der Kaiser habe damals die Insel Sansibar im Indischen Ozean im Tausch hergegeben.

"Irgendwo ins grüne Meer hat ein Gott mit leichtem Pinsel, lächelnd, wie von ungefähr, einen Fleck getupft: Die Insel!"

So schwärmt der Dichter und Kinderbuchautor James Krüss von seiner Heimat Helgoland. Die Geschichte des heute knapp einen Quadratkilometer großen Eilands beginnt vor etwa 250 Millionen Jahren, als sich der Meeresboden in der Region langsam zu heben begann. Aus den Fluten wölbte sich eine weite, flache Ebene mit einem kleinen Buntsandsteingebirge auf seinem Kamm, erklärt der Helgoländer Hobbygeologe Hans Stühmer.

"Es ist hochgedrückt worden durch das unter uns liegende Zechstein-Salz, und wenn man sich vorstellt, dass der ganze Inselkomplex rund 60 Quadratkilometer groß war, dann sagt man: Oh Gott, ja – was haben wir heute noch. Heute haben wir noch ungefähr 0,8 Quadratkilometer zur Resteverwertung."

Alles andere hat sich das Meer zurückgeholt – der Anstieg des Meeresspiegels, Verwitterung und Korrosion haben schon immer an der Insel genagt, und das werden sie auch weiterhin tun.

"Und wenn es stimmt, was die Wissenschaftler sagen, dann tritt die Insel in hundert Jahren um einen Meter zurück – rund herum! Und dann haben wir ungefähr noch 30.000 Jahre Zeit, und dann wird es auf dem Oberland sehr, sehr eng." 

Besiedlung von Helgoland

Wirklich zur Insel wurde Helgoland erst vor rund 11.000 Jahren – langsam veränderte damals die gesamte heutige Nordseeküste ihre Gestalt, und das hatte irgendwann auch Auswirkungen auf das bis dahin mit dem Festland verbundene Felsmassiv, erläutert der Leiter des Museums Helgoland, Jörg Anders.

"Helgoland war halt noch keine Insel, sondern ein Teil von Eiderstedt kann man eigentlich sagen. Und erst mit dem Anstieg des Meeresspiegels wurden langsam mehrere kleinere Inseln daraus, so dass man eine Art Inselhopping nach Helgoland betreiben konnte. Und als die dann weg waren, gab es halt nur noch in dem großen weiten Meer die eine Insel Helgoland. Und die Besiedlung letztendlich – da können wir ausgehen von der Jungsteinzeit bis in die Bronzezeit hinein."

Ein Beleg für diese frühe Besiedlung Helgolands findet sich z.B. im Neuen Museum in Berlin. Dort steht eine Grabkiste, die Ende des 19. Jahrhunderts auf der Insel ausgegraben wurde. 

"Es ist ein bronzezeitliches Steinkistengrab, das man hier 1893 ausgegraben hat. Und dann ging das von hier aus nach Berlin und wurde nach dem Kriege im Schlosspark von Schloss Charlottenburg falsch zusammengesetzt ausgestellt und eigentlich mehr als Hundetoilette und für Graffitis missbraucht."

Seit gut einem Jahr ist auf Helgoland ein originalgetreuer Nachbau des Steinkistengrabs zu bewundern. Die eigentliche Besiedlungsgeschichte des roten Felsens in der Nordsee beginnt dann etwa im Jahr 700 nach Christi Geburt – mit der Ankunft der Friesen. Die Helgoländer sind von ihrem Ursprung her stolze Friesen – und mussten sich doch immer wieder fremden Herren unterordnen, betont Jörg Anders.

"Die Friesen haben diese Insel als erste fest besiedelt und haben sie dann dauerhaft bewohnt und bewohnbar gemacht. Nur – es war halt eine kleine Insel, sie wurden halt immer wieder von fremden Mächten beherrscht. Das ging erst los – die Christianisierung – dass die friesischen Heiligtümer zerstört wurden und eben das Kreuz hier aufgestellt wurde, und später ging es dann durch die wechselnden Landesherren: Die Dänen, die Schleswig-Gottorfer, die Hanse, jeder hatte irgendwann mal kurzzeitig Interesse an dieser Insel und nahm sich das Recht heraus, sie zu besetzen oder sie zu beherrschen."

Die sogenannte "Lange Anna" auf der Insel Helgoland (imago/blickwinkel)Die sogenannte "Lange Anna", eine freistehende Felsnadel aus rotem Buntsandstein, auf der Insel Helgoland. (imago/blickwinkel)
Wie ganz Nordfriesland, also der nördliche Teil des heutigen Schleswig-Holstein, stand auch Helgoland im 12. und 13. Jahrhundert unter der dänischen Krone, die Insel galt ab dem 14. Jahrhundert als dänisch. Die Dänen begannen auch erstmals damit, Helgoland als Seefestung auszubauen und Militär auf der Insel zu stationieren – allerdings in eher bescheidenem Umfang, berichtet Jörg Anders.

"Da war die Wirtschaftskraft Helgolands wieder so gering, dass auch die dänische Garnison hier bettelarm war und teilweise bei der Helgoländer Bevölkerung um Essen betteln musste. Die bestand halt auch nur als alten Leuten und Invaliden. Es war eine verdammt ruhige Zeit für Helgoland und eine sehr arme Zeit. Und auch das Interesse der anderen Mächte an Helgoland war sehr gering." 

Das änderte sich schlagartig mit der Kontinentalsperre, die Napoleon 1806 gegen Großbritannien verhängte. Nach dem Sieg über Napoleon bei Trafalgar wollte die britische Flotte verhindern, dass die Franzosen sich mit der dänischen Flotte vereinigten – und machte sich auf den Weg, Kopenhagen zu überfallen.

"Auf dem Weg dahin ist Lord Falkland hierhergekommen und hat letztendlich mit seinen Kanonen gedroht – mehr musste er gar nicht machen – und dann war diese Insel britisch besetzt, und mit dem Kieler Frieden ab 1814 war es dann offiziell eine britische Insel."

Der "Union Jack" weht über der Insel

Statt des "Dannebrog", der dänischen Nationalflagge, wehte nun also der "Union Jack" über Helgoland – aber das schien den Helgoländern relativ egal zu sein. Die friesischen Wurzeln, die zeitweise sehr abgeschiedene Insellage – schon immer hatten die Bewohner Helgolands eine sehr stark ausgeprägte eigene Identität, betont Thomas Steensen, Direktor des Nordfrisk Institut.

"Die haben sich als erstes als Helgoländer gefühlt, dann haben sie sich als Friesen auch gefühlt – ihre Sprache ist eben friesisch, eine eigenständige westgermanische Sprache – und ich glaube, das Ganze hat dann auch die Identität sehr stark beeinflusst. Übrigens haben die Helgoländer für ´Land`und ´Helgoland` – im Grunde auch ´Heimat` – nur ein Wort: Lunn. Also – das ist für sie ganz einfach identisch, ich glaube das sagt eine ganze Menge über die Identität aus."

Den Helgoländern war es gleichgültig, wer unter ihnen die Insel beherrschte – so lässt sich wohl das ausgeprägte Selbstbewusstsein der Insulaner am ehesten in Worte fassen. Der Schriftsteller James Krüss hat es ganz treffend formuliert, findet Thomas Steensen.

"Landesfahnen, Landesherren sind gekommen und gegangen. Und man hat sie grad so gern fortgelassen wie empfangen. Wenn die alten Rechte bloß rein und unbeschnitten blieben, hat man sich bedingungslos jedem neuen Herrn verschrieben. Also, wenn sie man Helgoländer bleiben konnten, wenn sie ihre Selbstverwaltung hatten, ihre Rechte, dann hat sie das relativ wenig interessiert." 

Die Insulaner lernten in dieser britischen Zeit, statt mit Talern und Kronen in Louisdors und Pfund Sterling zu rechnen – ansonsten ließ man sie aber weitgehend in Ruhe. So verzichteten die Briten z.B. auf Kontributionen, also die sonst in besetztem feindlichem Gebiet üblichen Zwangsabgaben, sie gewährten niedrige Steuern und bezahlten sogar das Gehalt des Gouverneurs der Krone. Und – Helgoland genoss schon damals das Privileg der Zollfreiheit! Mit den Briten kam 1807 auch tatsächlich eine kurze wirtschaftliche Blütezeit.

Englische Kaufleute nutzen die Insel als Lager- und Umschlagsplatz für den Schmuggel ihrer auf dem Festland überaus begehrten Waren aus den Kolonien. In dieser Zeit war Helgoland täglich Anlaufpunkt für hunderte Boote und Schiffe, die Insulaner profitierten von den Pachteinnahmen für die Warenlager und auch direkt vom Schmuggel, schließlich kannten sie sich als Lotsen in den Gewässern um Helgoland bestens aus. Das war aber nur eine kurze Phase, betont Jörg Anders vom Museum Helgoland. Der Aufschwung brach jäh ab mit dem Ende des Krieges 1814.

"Nach der Kontinentalsperre, nach 1814, verfiel Helgoland wieder in bittere Armut eigentlich, und es kam nur durch die Seebadgründung durch Jakob Andresen-Siemens zu einem kleinen Wiederaufbau, dass eigentlich ein neuer Tourismus aufgebaut wurde, dass man wieder Möglichkeiten hatte, Geld zu verdienen."

Der Startschuss für den Badebetrieb auf der Insel fiel im Jahr 1826 – im ersten Sommer kamen allerdings nur etwa 100 Badegäste, die mit offenen Segelbooten z.T. mehr als zwölf Stunden unterwegs waren. 1834 begann mit zwei Raddampfern von Hamburg aus der regelmäßige Bäderverkehr nach Helgoland und die Besucherzahlen stiegen kontinuierlich – 1838 kamen schon mehr als 1000 Dauergäste. Mit ihnen kamen auch Querdenker und oppositionelle Geister, die auf der Insel gegen Fürstenwillkür und Kleinstaaterei und besonders gegen den preußischen Absolutismus anschrieben. Bädertourismus – und aufkeimendes deutsches Nationalgefühl unter dem "Union Jack".

"Dicht vor der deutschen Küste war halt der größte Besucheransturm immer vom deutschen Festland – wobei es natürlich zu dem Zeitpunkt Deutschland noch gar nicht gab. Auf dem Festland, da waren sehr viele für ein Deutschland und wollten gerne ein geeintes Deutschland haben bei dieser Kleinstaaterei, die da herrschte. Und die Leute kamen dann hier nach Helgoland, weil hier England war, hier durften sie diese Meinung äußern. Und so war 1830 Heinrich Heine schon hier, weil er drüben verfolgt wurde. Heinrich Hoffman von Fallersleben war hier – die kamen auf diese britische Insel und hatten hier die Möglichkeit, frei zu denken und zu schreiben."

Übergabe Helgolands an das deutsche Kaiserreich

August Heinrich Hoffmann schrieb im August 1841 das "Lied der Deutschen" auf Helgoland – zusammen mit dem Kaiserquartett von Joseph Haydn erklärte Reichspräsident Friedrich Ebert es 1922, knapp 50 Jahre nach dem Tod des als Hoffmann von Fallersleben bekannt gewordenen Dichters, zur Nationalhymne. Der erneute Flaggenwechsel im Jahr 1890, die Übergabe Helgolands an das deutsche Kaiserreich, deutete sich also schon früh an. Der spätere Kaiser Wilhelm II. war noch preußischer Kronprinz, als er 1872 bei einem Besuch auf der Insel verkündete, Helgoland müsse eigentlich zu Deutschland gehören. Die Briten ihrerseits hatten bereits direkt nach der Kontinentalsperre kurzfristig die Rückgabe Helgolands an die Herzöge von Schleswig-Gottorp erwogen und später über einen Verkauf an Hamburg nachgedacht – jetzt allerdings tat sich Queen Victoria schwer damit, Helgoland ihrem Enkel Wilhelm zu überlassen. Fast schien es, als ahnte die Königin, was sich da zusammenbraute, meint der Kieler Historiker Martin Krieger.

"Also, es war denn doch der deutsche Imperialismus, dieses deutsche Streben nach diesem berühmten ´Platz an der Sonne`, der dann Helgoland immer wichtiger machte – einerseits als potenziellen Flottenstützpunkt, andererseits aber auch als Symbol der deutschen Identität, des deutschen Nationalismus."

Erst Anfang 1890 kam Bewegung in die Helgolandfrage – und schließlich gab es am 01. Juli den Vertragsabschluss. Damit verzichtete Deutschland u.a. auf eine Einflussnahme auf Sansibar und erkannte die britische „Schutzherrschaft“ über die Insel an. Außerdem trat die britische Krone Helgoland an das Kaiserreich ab – deshalb der Name „Helgoland-Sansibar-Vertrag“. Von einem Tausch Helgoland gegen Sansibar kann aber keine Rede sein – Sansibar war zu keiner Zeit deutsche Kolonie. Deutschland trat aber große Teile seiner ostafrikanischen Kolonien an die Briten ab und erhielt dafür die vergleichsweise winzige Insel Helgoland – das kam im Reich nicht überall gut an.

"Das waren Teile des heutigen Kenia, das waren Teile des heutigen Uganda – die wurden den Briten zugesprochen. Und das gefiel vor allem nicht den Vertretern des deutschen Imperialismus, den Vertretern der Kolonialidee – Männern wie Carl Peters, die mit außerordentlicher Brutalität in Ostafrika den deutschen Machtanspruch durchzusetzen versuchten. Und diese Leute sahen natürlich ganz klar: Wir geben ein riesiges Kolonialreich her für eine winzig kleine zerbröselnde Insel, die man vielleicht mit drei Kanonenschüssen würde einfach zerstören können." 

Postkarte von Helgoland aus dem Jahr 1897 (imago/Arkivi)Postkarte von Helgoland mit zeitgenössischen Abbildungen von 1897. (imago/Arkivi)

Am 10. August 1890 übernahm Wilhelm II. offiziell diese "winzige Insel" für das Kaiserreich – euphorisch feierte das Berliner Tageblatt bereits am Vortag das Ereignis.

"Kaiser Wilhelm hat Englands gastliche Küste verlassen und steuert von deutschen Kriegsschiffen umgeben dem sagenumwobenen Nordseeeiland zu, welches er morgen als wiedererworbenen deutschen Besitz betreten wird. Zum letzten Mal flattert heute die englische Flagge von dem rosaschimmernden Helgoland, das von morgen an unter dem schwarz-weiß-roten Banner einer neuen Zukunft entgegengeht. Ein alter, sehnsüchtiger Wunsch des deutschen Volkes ist erfüllt; der steinerne Wartthurm im Meere vor den Mündungen breiter deutscher Ströme ist mit dem natürlichen Vaterland wiedervereinigt." 

"Wiedererworbener deutscher Besitz", "Wiedervereinigung" – man fragt sich, wie diese Begriffe Eingang in die Geschichtsschreibung finden konnten. Noch heute finden sie sich in einzelnen Artikeln und Berichten über den bevorstehenden Jahrestag. Da hat sich etwas festgesetzt, im kollektiven Gedächtnis der Deutschen regelrecht verselbständigt, findet der Historiker Martin Krieger.

"Historisch ist Helgoland Teil des Herzogtums Schleswig gewesen, und Schleswig war ja immer Teil Dänemarks gewesen. Es war ja seit 1000 Jahren dänisches Lehen – war dann immer noch Schleswig als es unter den Gottorfern stand, es war immer noch Schleswig, als es unter den Dänen stand, und wird dann britische Kronkolonie. Helgoland war nie deutsch gewesen – insofern ist diese Idee von der Wiedervereinigung Quatsch! Das wird damals, 1890, erfunden, um Helgoland relativ bald dann als nationalen Erinnerungsort hochzustilisieren."

Ausbau zum Marinestützpunkt

Unmittelbar nach der Übernahme der Insel begann der Ausbau Helgolands zu einem Marinestützpunkt – mit gigantischem Aufwand entstand eine Seefestung mit einer militärischen Besatzung, die schließlich die Zahl der Inselbewohner um rund ein Drittel überschreiten sollte.

"Helgoland wird durchbohrt von einem riesigen Tunnelnetz, riesige Bunkeranlagen entstehen tief im Fels, vor allem im Bereich der Südspitze, Eisenbahngeleise werden im Tunnel verlegt, ein neuer Hafen, der heutige Südhafen, wird errichtet, und oben auf dem Oberland entstehen riesige Geschützstellungen – also Helgoland verändert völlig sein Gesicht in den 1890er-Jahren bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges."

Und der begann mit einer Evakuierung – schon am 2. August 1914 mussten alle Zivilisten die Insel verlassen. Am 9. November 1918 kehrten sie wieder zurück und fanden ihre Häuser von deutschen Soldaten geplündert vor. Die ersten Nachkriegsjahre waren dann geprägt von weiteren Zerstörungen auf der Insel – der Versailler Vertrag verlangte den radikalen Rückbau sämtlicher Militäranlagen und Häfen. In dieser Zeit der Weimarer Republik entstand so etwas wie ein "Helgoländer Separatismus" – so empfanden Regierungsvertreter in Berlin den in der Bevölkerung zeitweise aufflackernden Wunsch nach einem "zurück nach England" bzw. "zurück nach Dänemark". Beide Bewegungen konnten sich nicht durchsetzen – Helgoland blieb deutsch und wurde nach der Machtergreifung durch Hitler 1933 erneut zur Seefestung ausgebaut.

"Wieder kommt 'ne Festung her, brüllt der austrische Gefreite. Wieder gibt es Militär. Wieder Krieg. Und wieder – Pleite."

…heißt es bei James Krüss in der "Historie von der schönen Insel Helgoland". Das Projekt Hummerschere – Helgoland sollte ein gigantischer Einsatzhafen werden, Basis für die gesamte Kriegsflotte. Dafür wollte man die Insel um das Drei- bis Vierfache, die Düne sogar um das Zehnfache vergrößern. Nur Bruchteile dieses Projekts wurden realisiert – und das meiste davon fiel den Bombenangriffen der Alliierten im II. Weltkrieg zum Opfer. Diese Angriffe erlebte Helgoland praktisch vom ersten Kriegstag an, erinnert sich der heute 83jährige Erich Nummel Krüss.

"Wir hatten gleich am ersten Sonntag im Krieg den ersten kleinen Angriff hier mit englischen Flugzeugen. Und das setze sich dann im Laufe des Krieges weiter fort, nur dass die Angriffe immer schwerer wurden. Zum Anfang hatten wir ja keine bombensicheren Bunker, sondern mussten noch in den Hauskellern ausharren. Und dann wurden zum Schutze der Bevölkerung die Schutzbunker gebaut, die uns allen 1945 das Leben gerettet haben." 

Tief unten im Fels überstanden die Helgoländer den letzten Großangriff der Briten, die am 18. April 1945 mit mehreren hundert Bombern in drei Wellen fast die gesamte bebaute Oberfläche der Insel zerstörten. Tags darauf musste die Zivilbevölkerung – wieder  einmal – die Insel verlassen, und am 11. Mai übernahmen – wieder einmal – die Briten das Kommando auf dem roten Felsen in der Nordsee. Und die begannen – wieder einmal – sofort damit, die Zerstörung aller militärischen Anlagen vorzubereiten. Monatelang transportierte das Militär Munition auf die Insel, vor allem die Hauptbunkerräume an der Südspitze, der U-Boot-Bunker und die großen Geschützstellungen auf dem Oberland wurden regelrecht vollgestopft mit Sprengstoff. Mit der Operation "Big Bang" am 18. April 1947 sollten diese Anlagen für alle Zeiten zerstört werden.

"Und jetzt in dieser Sekunde ist die Rauchwolke dort emporgeschossen, in mächtigen Rauchpilzen schießt der Qualm empor zum Himmel, die Sprengung ist erfolgt – ein mächtiger Druck, die 6.000 bis 7.000 Tonnen Sprengstoff dort drüben auf der Insel sind in die Luft gegangen." 

Hermann Rockmann vom NWDR-Hamburg beobachtete den "Big Bang". Als der Qualm sich verflüchtigt hatte wurde deutlich: Helgoland war erhalten geblieben – zum Teil jedenfalls. Die gesamte Südspitze des Oberlands war verschwunden, ein riesiger Krater ist von den militärischen Bunkeranlagen in diesem Bereich geblieben. Der Rest der Insel hatte die Detonation – entgegen mancher Befürchtungen, die von einer völligen Zerstörung des Felsmassivs ausgegangen waren – überstanden. Und er überstand auch die regelmäßigen Abwürfe von Übungsbomben der Royal Air Force in den folgenden Jahren. Mit zunehmender Sorge beobachteten viele Helgoländer diesen Missbrauch ihrer Insel als "natürliches Bombenziel" – einige wandten sich an die Regierung in London mit der Bitte, Großbritannien möge doch den Bewohnern seiner ehemaligen Kronkolonie beistehen.

Helgoland wird wieder deutsch

Und falls es nicht möglich sei, wieder unter britischer Hoheit zu leben, dann wolle man eben Schutz bei Dänemark suchen. Es kam dann aber doch anders, am 1. März 1952 übergaben die Briten – wieder einmal – Helgoland an Deutschland. Es folgte ein rasanter Wiederaufbau: Schon 1954 konnten die ersten neuen Wohnhäuser auf der Insel bezogen werden – im Mai 1956 wird die Insel wieder frei zugänglich, das "neue Helgoland" lockt bald wieder Touristenscharen an, vor allem Dank des Status als zollfreie Insel.

Die Installationshubinsel "Thor" steht am 21.05.2014 bei Montagearbeiten an der Konverterplattform "Meerwind Süd/Ost" im Offshore Windpark von WindMW in der Nordsee rund 16 Seemeilen vor Helgoland, Schleswig-Holstein.  (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)Die Installationshubinsel "Thor" steht bei Montagearbeiten im Offshore Windpark von WindMW in der Nordsee rund 16 Seemeilen vor Helgoland. (picture-alliance / dpa / Christian Charisius)

Heute kämpft Helgoland – wieder einmal – um seine wirtschaftliche Existenz. Die Zahl der Tagestouristen stagniert seit Jahren auf niedrigem Niveau, Perspektiven haben sich in jüngster Zeit durch den Bau mehrerer Offshore-Windparks in der Nähe der Insel entwickelt. Vom 5. bis zum 10. August feiert die Insel – aber was gibt es eigentlich in diesen Tagen zu feiern? Schließlich haben die Helgoländer in den vergangenen 125 Jahren mehr als einmal teuer dafür bezahlt, dass sie deutsch waren, gibt der Kieler Historiker Martin Krieger zu bedenken.

"Einerseits feiern die Insulaner sich selbst, sie feiern ihren Durchhaltewillen, sie feiern ihre insulare Identität… auf der anderen Seite fühlt man sich natürlich auch deutsch. Und insofern hat man natürlich auch Grund, an dieses Datum zu erinnern – 10. August 1890 – aber wir müssen immer fragen: Sollen wir das jetzt feiern, oder sollen wir nur daran erinnern? Ich denke, es ist sicherlich ein Erinnerungstag – ob es ein Tag zum Feiern ist in Anbetracht der Ereignisse des 20. Jahrhunderts mögen wir heute bezweifeln."

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