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Buchkritik | Beitrag vom 18.03.2021

Helga Schubert: "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten"Bis ins hohe Alter wehrlos gegen den Schmerz

Von Maike Albath

Buchcover zu Helga Schubert auf orangem Aquarellhintergrund (dtv Verlag / Deutschlandradio)
Helga Schubert wurde 2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. (dtv Verlag / Deutschlandradio)

Im vergangenen Jahr wurde Helga Schubert mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Nun erscheint ihre Geschichtensammlung "Vom Aufstehen". Mit beiläufiger Dringlichkeit erzählt Schubert von der Nachkriegsgeneration, der die Kindheit genommen wurde.

Selbst in Helga Schuberts zerrissener Nachkriegskindheit gab es einen Schutzraum, und er konnte schöner nicht sein: die Hängematte im Garten ihrer Großmutter zwischen zwei Apfelbäumen, wo ihr am ersten Tag der Sommerferien nach dem Mittagsschlaf der Duft von Streuselkuchen in die Nase stieg. Zumindest dort fühlte sich das kleine Mädchen, das sonst überall rumgeschubst wurde und sieben Mal die Schule wechselte, geborgen und willkommen.

Es ist kein Zufall, dass die Erinnerung an diesen Hort des Glücks Helga Schuberts Geschichtenband "Vom Aufstehen" eröffnet. Die im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin, die 1940 in Berlin geboren und in der DDR nicht nur literarisch, sondern auch als Psychotherapeutin aktiv war, identifiziert in dieser Erfahrung den Kern ihrer Unbeirrbarkeit.

Wie aus einem Steinbruch

Während ihr die Mutter bei jeder Gelegenheit vermittelte, dass sie die Tochter eigentlich erst abtreiben, dann auf der Flucht zurücklassen und schließlich in Greifswald wegen der anrückenden russischen Soldaten hatte vergiften wollen, findet sie bei der Großmutter väterlicherseits bedingungslose Zuneigung. Aber gegen den Schmerz, den ihr die ewig schurigelnde und nie zufriedene Mutter zufügt, ist sie bis ins hohe Alter wehrlos.

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Helga Schubert erzählt ausschließlich in der Ich-Form. Die Sprache ist schlicht, die Sätze sind knapp. Zu ihren Stilmitteln gehören Wiederholungen und Absätze, die wie Atempausen die Texte rhythmisieren. Das Material ist ihr eigenes Leben, aus dem sie wie aus einem Steinbruch einzelne Brocken herausklaubt und mal von dieser, mal von jener Seite betrachtet. Der Band besteht aus Miniaturen, Minuten-Erzählungen, Gelegenheitsbeobachtungen.

Helga Schubert, eine Frau mit schulterlangen grauen Haaren, blickt in die Kamera. (Renate von Mangoldt)Helga Schubert schildert das Vermächtnis der Kriegsgeneration. (Renate von Mangoldt)

Mehrfach wird spürbar, wie befreiend der Untergang der DDR für die Erzählerin war. Ihr Haus in Mecklenburg, die Landschaft, ihr Ehemann und der benachbarte Bauer, der sich eines Tages aufhängte, kommen ebenso vor wie ihre Kindheit, die harsche Mutter, ihr Sohn und ihre Enkelin, das Altwerden, die Pflegekräfte und ihre Vorliebe für gute Gerüche.

Prinzip der gelockerten Assoziation

Es geht ihr um eine lakonische Darbietung der Realien – zu einer narrativen Überformung kommt es nicht. Ihr Gestus ist von etwas durchdrungen, das man sanftmütige Beharrlichkeit nennen könnte. Aufstehen ist nicht nur ein konkretes Motiv, sondern auch eine Haltung. Helga Schubert verfugt ihre Betrachtungen nach dem Prinzip der gelockerten Assoziation, und nicht alle Texte sind gleichermaßen konzentriert und dicht, manche Motive wiederholen sich in ähnlichen Formulierungen allzu häufig, aber in ihren besten Momenten erreicht die Autorin eine beiläufige Dringlichkeit.

Die schönste Erzählung ist tatsächlich die Titelgeschichte, für die sie mit dem Bachmannpreis gekürt wurde. "Vom Aufstehen" liest sich wie ein Echo auf die Kindheitserinnerung an den ersten Ferientag im Garten der Großmutter. Ohne jede Larmoyanz schildert Schubert das Vermächtnis der Kriegsgeneration: Von traumatisierten oder abwesenden Eltern unzureichend geschützt, ging diesen Kindern ihre Kindheit verloren.

Helga Schubert: "Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten"
dtv, München 2021
222 Seiten, 22 Euro

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