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Lesart | Beitrag vom 15.07.2019

Hélène Cixous: "Meine Homère ist tot..."Die sterbende Mutter mit Sprache umhüllen

Von Maike Albath

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Cover von Hélène Cixous: "Meine Homère ist tot..." (Passagen Verlag)
Die Mutter ist für Cixous nicht nur ihre "mère", sondern zugleich ihr "Homère", also ihr Homer, und damit der Anbeginn des Erzählens. (Passagen Verlag)

Die Schriftstellerin Hélène Cixous hat mit "Meine Homère ist tot..." ein Trauer-Tagebuch verfasst. Darin hält sie den langsamen und quälenden Abschied ihrer Mutter von der Welt fest. Ein großartiges Zeugnis dessen, was kaum in Worte zu fassen ist.

Die Mutter ist der Ursprung von allem, der Inbegriff des Anfangs. Und die "mère", von deren Ende Hélène Cixous in ihrem eindrucksvollen Trauer-Tagebuch "Meine Homère ist tot" erzählt, war es in besonderer Weise, denn sie war Hebamme von Beruf. Bis zum Schluss zeugen ihre kräftigen Hände von der Vertrautheit mit dem Moment der Geburt.

Doch was passiert, wenn sich diese Mutter im hohen Alter wieder zum Kind wandelt, ihren Radius reduziert, nach und nach sämtliche Fähigkeiten verliert, hilfsbedürftig wird und schließlich nur noch stammeln und wimmern kann?

Die französische Philosophin, Feministin und Schriftstellerin Hélène Cixous, 1937 in Oran in Algerien geboren und seit jeher eng mit ihrer Mutter Eve verbunden, steht ihrer "mère" drei Jahre lang bei und wird zur Zeugin ihres langsamen Abschieds von der Welt.

Vom Übergang zwischen Leben und Tod

Sie setzt sich diesem mühsamen und quälenden Prozess vollständig aus und tritt ihm mit den Mitteln entgegen, die ihr zu eigen sind, ihrem Denken und ihrer Sprache. Das Ergebnis ist ein großartiges Zeugnis dessen, was kaum in Worte zu fassen ist: "Meine Homère ist tot" handelt vom Übergang zwischen Leben und Tod.

Schon im Titel schwingt die Vielschichtigkeit dieser Erfahrung mit. Ihre Mutter ist für Cixous eben nicht nur ihre Mutter – "mère", sondern zugleich ihr "Homère", wie der griechische Epiker auf Französisch heißt, also ihr Homer, und damit der Anbeginn des Erzählens. Gemeinsam treten sie die Odyssee des Sterbens an.

Komische und bestürzende Momente

Als Eves letzte schwere Phase anbricht, ist sie 103. Im Januar 2013 quartiert sich Hélène in Eves Haus ein, nur durch einen Flur vom Zimmer der Mutter getrennt. Eve war als Jüdin nach Hitlers Machtübernahme mit ihrer Familie aus Osnabrück geflohen, hatte in Algerien Zuflucht gefunden, bis sie 1955 nach Frankreich übersiedelte.

Früh verwitwet, führte sie bis weit über 90 ein selbstbestimmtes Leben, begleitete ihre Tochter auf Reisen, nahm Anteil. Wie ein Tier scheint sie jetzt das Alter anzufallen und sich ihrer zu bemächtigen. Sorgsam protokolliert Cixous den Zustand der Mutter, hält komische Momente ebenso fest wie bestürzende, unterbrochen von Vergangenheitsschüben, Kindheitsszenen, Dialogen.

Woche für Woche neue Leiden

Eingelassen in den Text sind einige Seiten aus Eves Notizheften und grafische Zeichen. Die "mère" hat einige lichte Momente, die Hélène immer wieder umkreist: den Genuss eines "Café liégeois" an einem Nachmittag, als sie in Schlagsahne schwelgt, oder das Verzehren der Brioches mit Konfitüre am Morgen.

Doch Woche für Woche kommen neue Leiden hinzu: Ihr Körper ist von Blutblasen und schwärenden Wunden übersäht, ihre Haut fällt in Fetzen herunter und muss mit der Papierschere entfernt werden. Die Zeit scheint aufgehoben in diesem Limbus, ein Monat wirkt so lang wie ein Jahr.

Es sei die Erforschung des letzten Lochs, schreibt Hélène Cixous, von dem sie nicht erwartet habe, dass es so antarktisch und ausgedehnt sei. Ihre Odyssee sei ein Zementtunnel. Hélène darf Eve nicht mehr berühren und umarmen, aber sie kann ihre Mutter mit Sprache umhüllen. Es ist diese Kraft, die "Meine Homère ist tot" so herausragend macht.

Hélène Cixous: "Meine Homère ist tot..."
Aus dem Französischen von Claudia Simma
Passagen-Verlag, Wien 2019
208 Seiten, 25,60 Euro

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