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Lesart | Beitrag vom 06.11.2020

Helen Weinzweig: "Von Hand zu Hand"Der schönste Tag im Leben? – Nein, danke!

Von Manuela Reichart

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Cover des Buchs "Von Hand zu Hand" von Helen Weinzweig (Wagenbach Verlag / Deutschlandradio)
In "Von Hand zu Hand" hat die bereits verstorbene kanadische Autorin Helen Weinzweig eine ungewöhnliche Hochzeitsgesellschaft beschrieben. (Wagenbach Verlag / Deutschlandradio)

Etwas Besseres als bürgerliche Lügen und verkommene Ehekonventionen muss man doch finden können. Helen Weinzweigs Roman ist ein wunderbar unkonventioneller Roman über ein Hochzeitsspektakel, bei dem alles anders läuft, als man es erwarten würde.

Der schönste Tag im Leben erweist sich in diesem Roman als ein ziemlich verrücktes Spektakel. Helen Weinzweig schert sich nicht um Erzählkonventionen und entwirft einen Reigen skurriler Hochzeitsgäste, und das identisch in einen Anzug gekleidete Brautpaar entspricht auch nicht gerade gängigen Vorstellungen.

Die Hochzeitssuite ist zwar gebucht, wird aber am Ende vergeben sein. Der Pfarrer ist nicht echt. Der Vater der Braut kommt mit seiner neuen jungen Frau samt Baby. Die Brautmutter weint ihm jede Träne nach und ist sturzbetrunken. Der Bräutigam ist schwul und denkt sehnsüchtig an seinen verflossenen Liebhaber. Die Braut hat ihre Ex-Geliebten zum Fest geladen und ist überrascht, wer tatsächlich gekommen ist. Und als der Bürgermeister dazu aufruft, die Gläser zu erheben, verlassen einige Gäste entschieden den Saal.

Trostloser Ehebruch und schlechter Sex

Nichts an dieser exquisit ausgestatteten Hochzeit in Toronto ist, wie es sein sollte. Die Festgesellschaft ist eine Versammlung höchst skurriler Gestalten. Geld spielt zwar keine Rolle, aber es gibt genügend andere Gründe zum Verzweifeln. Schlechter Sex zum Beispiel ist für die Frauen ein nicht geringes Problem. Trostloser Ehebruch ist an der Tagesordnung.

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Die kanadische Autorin erzählt – in diesem 1973 erschienen, jetzt zum ersten Mal ins Deutsche übersetzten Roman – von einem verrückten Tag und einer Handvoll Menschen, deren Träumen und Enttäuschungen, Abwegen und Verfehlungen. Lebensgeschichten werden angedeutet, ver­­gangene Zeiten leuchten auf. Helen Weinzweig (1915-2010), die nur zwei Romane und ei­nen Erzählungsband veröffentlicht hat, verweigert sich herkömmlichen Mustern.

Am besten die Seiten in die Luft werfen

Sie entwirft – statt psychologisch stimmiger Figuren oder Episoden – kuriose Szenen und leidenschaftliche Begegnungen. Man fühlt sich an die absurden Hochzeitsszenen von Lars von Trier in seinem Film "Melancholia" erinnert. Helen Weinzweig blickt allerdings amüsanter und leichter, mit entschiedenem Witz und hintergründiger Ironie auf die triste Gesellschaft. Etwas Besseres als die bürgerlichen Lügen und die verkommenen Ehekonventionen findet ihr Paar in jedem Fall.

"Von Hand zu Hand" ist ein rasant erzählter, höchst unkonventioneller Roman, der die Autorin in eine Reihe mit großen modernen Autoren und Autorinnen stellt. Im informativen Nachwort erzählt der damalige Lektor James Polk von seiner ersten Bege­gnung mit Helen Weinzweig 1971. Das Manuskript dieses Hochzeitsromans hatte sie ihm in einer luxuriösen Schachtel mit Schleife geschickt – versehen mit dem Hinweis, am besten solle er die Seiten in die Luft werfen und danach so anordnen, wie sie auf den Boden fallen.

Helen Weinzweig: "Von Hand zu Hand"
Aus dem kanadischen Englisch von Hans-Christian Oeser
Wagenbach Verlag, Berlin 2020
155 Seiten, 20 Euro

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