Heldensaga mit sehr schrägem Personal

15.11.2007
Die Helden schieben den Blues. Hap Collins, weiß, Kriegsdienstverweigerer und derzeit als Rausschmeißer in einem Stripclub tätig, sinnt über eine von Altersarmut geprägte Zukunft unter den Autobahnbrücken von Texas nach. Zwar hat ihm sein Kumpel, der schwule schwarze Kriegsheld und Vietnamveteran Leonard Prine Obdach gewährt, nachdem seine Bleibe von einem Tornado dem Erdboden gleichgemacht wurde, aber wegen unterschiedlicher Auffassungen, was Sauberkeit und Ordnung angeht, hängt bei den beiden momentan der Haussegen schief.
Da fügt es sich gut, dass Hap eine feste Beziehung samt Zusammenleben mit Brett droht, einer buchstäblich feurigen Rothaarigen. Doch vor die traute Zweisamkeit hat der Herr Mühe und Arbeit gesetzt, beziehungsweise in diesem Fall das große Rambazamba.

Denn Brett, die Heroine in Joe R. Lansdales neuem Roman "Rumble Tumble", entwickelt plötzlich Muttergefühle, als sie aus für gewöhnlich unzuverlässiger Quelle erfährt, dass ihre Tochter, eine drogenabhängige Prostituierte, in die Klauen der berüchtigten Oklahoma-Mafia geraten ist.

Dass Hap und Leonard sie in ihrer Not nicht im Stich lassen, versteht sich von selbst, und so brechen die drei mit einem Kofferraum schwerer Schusswaffen und begleitet von einem mörderischen Liliputaner sowie einem zum Prediger gewandelten Profikiller auf, um die gefallene Prinzessin aus ihrer Zwangslage zu befreien. Es wird eine Reise durch die Tiefebenen des American Way of Life, durch eine Landschaft, in der die Schrotflinte der zuverlässigste Begleiter eines Mannes ist und ein "Montiereisen keine Freunde kennt".

"Einen folkloristischen Blick für erzählerische Feinheiten", bescheinigte die renommierte New York Times Book Review dem Autor dieses erfrischend schlagfertigen, schnörkellosen und ungemein rasanten Romans. Joe R. Lansdale ist einer jener typischen Schriftsteller, wie sie nur die angelsächsische Literaturszene kennt, ein ehrlicher Handwerker, der Short Stories, Horrorgeschichten, Western und Kriminalromane auf gleichermaßen hohem Niveau verfasst. In den diversen Genres wiederholt mit den höchsten Preisen ausgezeichnet, weiß er den Wert einer kecken Metapher stets zu schätzen und schert sich den Teufel um pseudopsychologischen Tiefgang oder eitel-öde Bauchnabelbeschau. Ihm geht es um Mythen und Legenden, um ihre Entstehung und darum, wie man als Schriftsteller selber welche schafft.

Gelobt seien die kleinen Verlage, wie in diesem Fall der Berliner SHAYOL Verlag, dass sie diese Form der angelsächsischen Literatur hierzulande noch pflegen, während die großen Publikumsverlage ihre Krimireihen fast ausnahmslos eingestellt haben und stattdessen matschige Mainstream-Thriller veröffentlichen. Verglichen mit diesen voluminös aufgeblähten Groschenromanen ist "Rumble Tumble" ein knackiges kleines Kunstwerk, eine Heldensaga mit sehr schrägem Personal.

Rezensiert von Georg Schmidt

Joe R. Lansdale: Rumble Tumble
Übersetzt von Richard Betzenbichler
SHAYOL Verlag 2007
218 S., Euro 12,90