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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.08.2013

Hektisches Handeln als Gift der Gegenwart

"Steinstrategie"-Autor Holm Friebe über Langsamkeit, Ruhe und Bedacht

"Steinstrategie"-Autor Holm Friebe: "Mehr Demut vor der Zukunft haben" (picture alliance / ZB)
"Steinstrategie"-Autor Holm Friebe: "Mehr Demut vor der Zukunft haben" (picture alliance / ZB)

Gesellschaftlich werde momentan derjenige geschätzt, der Dinge anzettle, ohne genau nachzudenken. Auf diesem Weg sei ein kluges und innovatives Vorgehen aber kaum möglich, sagt der Autor Holm Friebe. Er lobte in diesem Zusammenhang ausdrücklich Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie habe einen guten Instinkt dafür, wie lange sie warten könne, um dann zu handeln.

Frank Meyer: "Wir sollten weniger tun – eigentlich fast nichts tun –, aber das wenige mit durchschlagender Wirksamkeit." So schreibt Holm Friebe in seinem neuen Buch "Die Steinstrategie oder die Kunst, nicht zu handeln". Holm Friebe ist Volkswirtschaftler und Autor, ein Vordenker der digitalen Bohème, vor einigen Jahren hat er einen Treffer gelandet mit dem Buch "Wir nennen es Arbeit", das er zusammen mit Sascha Lobo geschrieben hat. Jetzt also die "Steinstrategie" – seien Sie willkommen, Holm Friebe!

Holm Friebe: Hallo, Herr Meyer!

Meyer: Meine Oma hat immer gesagt: In der Ruhe liegt die Kraft. Könnte man Ihre Steinstrategie auch so zusammenfassen?

Friebe: Das könnte man in der Nussschale so zusammenfassen, aber dieser Satz springt vielleicht zu kurz, weil man ihn als individuelle Strategie interpretiert der Achtsamkeit, des Bedächtigen. Dass es tatsächlich einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang gibt, der im Moment – mein Eindruck – in eine ganz andere Richtung geht, nämlich den Aktionistischen belohnt, das hektische Dinge Anzetteln, ohne genau darüber nachzudenken, und dagegen mal zu schießen und diesen Satz wirklich in Stellung zu bringen, war eigentlich ein Antrieb, dieses Buch sich überhaupt mal vorzuknöpfen, dieses Thema sich vorzuknöpfen.

Meyer: Wobei, wenn man auf die deutsche Politik zum Beispiel schaut, da könnte man sagen, haben wir eine große Steinstrategin ganz vorne mit dabei: Angela Merkel eben, die ja erwiesenermaßen die Geduld hat, andere erst mal kommen zu lassen, Dinge auszusitzen, erst dann zu handeln, wenn es völlig unvermeidlich geworden ist, also ist Angela Merkel die ideale Steinstrategin?

Friebe: Angela Merkel kam mir wirklich sehr gut zupass als Beispiel für das Buch. Sie wird ja als Zauderkünstlerin apostrophiert, Ulrich Beck hat in einem schönen Interview gesagt Merkiavellismus, also eine Mischung aus Machiavellismus und Merkels Politikstil, besteht genau darin, nicht zu handeln, später zu handeln, zu zögern und die Dinge hinauszuzögern. Steinbrück versucht es anzugreifen – ich glaube, wahrscheinlich ist es tatsächlich eine kluge Strategie, so zu handeln.

Es gibt ein Buch, was eine wichtige Quelle für mich war, von einem amerikanischen Investmentbanker, Frank Partnoy, das heißt "Wait – the Art and Science of Delay", und er beschreibt, dass Profis in allen Gebieten, also die besten Mediziner, Investmentbanker, so lange einen guten Instinkt dafür haben, wie lange sie warten können, und diese Wartezeit vollkommen ausnutzen, um dann zu handeln. Das ist genau das, was Angela Merkel macht.

"Man muss wissen, wann man wartet und wann man handelt"

Meyer: Also es ist eine unter Umständen sehr gut geeignete Machtstrategie. Wenn wir aber auf die andere Seite schauen, auf uns als Bürger, wenn wir uns vorstellen, da oben sitzen lauter Steinstrategen, die alle sich erst bewegen, wenn es unvermeidlich geworden ist, das ist für uns als Bürger doch eine ziemlich unerträgliche Vorstellung.

Friebe: Das ist richtig, deshalb gibt es ja den Wohlfühlkonsens, alle müssten mal den Arsch hochkriegen, und es passiert nichts, es gibt einen Reformstau. Dabei wird übersehen, dass oft aktionistisch gehandelt wird und gut gemeint eben nicht gut gemacht ist.

Schröder ist ein anderes schönes Beispiel für jemanden, der das sehr gut gemacht hat, und das erkenn man erst in der Rückschau. Er hat 2001, nachdem er wirklich mit Hopplahopp viele Dinge angezettelt hat nach seinem Regierungsantritt, hat er die Politik der ruhigen Hand ausgerufen, ist dafür unglaublich verprügelt worden, aber eigentlich war das gar keine schlechte Idee in dieser Zeit, und irgendwann kam dann ja die Agenda 2010 von der wir heute sehen, dass es nicht das Verkehrteste war.

Meyer: Und wenn man sich aber noch mal die Seite der Machtstrategie anguckt: Ein anderer großer Aussetzer war ja natürlich Helmut Kohl, der aber irgendwann doch dann darüber gestolpert ist, dass er zu lange aussitzen wollte. Also unbegrenzt funktioniert diese Strategie auch nicht.

Friebe: Das ist richtig, und so ist es auch nicht gemeint. Steine bewegen sich ja nicht überhaupt nicht, sie bewegen sich nur in anderen Zyklen. Wenn man sich anguckt, wie sich Gebirgsmassive verändern oder Kiesel im Flussbett – sie sind auch nicht strukturkonservativ oder dickköpfig, sondern sie gehen im besten Sinne und im übertragenen Sinne mit dem Fluss. Das kann man auch übersetzen in asiatische Strategie, wo diese Idee sehr viel verbreiteter ist, das Potenzial einer Situation zu erkennen und erst dann zu handeln, anstatt, wie es im Westen gemacht wird, am Reißbrett einen Plan, und den gegen alle Widerstände zu exekutieren.

Meyer: Herr Friebe, wenn Sie jetzt das Abwarten als politische Tugend auch preisen, Beispiel Merkel, Beispiel Gerhard Schröder, wenn ich zum Beispiel denke an einen Bürger, der darauf wartet, dass er endlich mal einen anständigen Mindestlohn ausgezahlt bekommt, von dem er halbwegs leben kann, der wird wahrscheinlich nicht so viel Geduld haben, wie Sie jetzt einfordern.

Friebe: Steinstrategie heißt ja nicht, dass alles beim Alten bleiben muss, aber dass man mit Ruhe und Bedacht – auch wieder Gerhard Schröder, Politik der ruhigen Hand – die notwendigen Dinge richtig macht und nicht hier und da alles Mögliche anzettelt, was dann schnell wieder im Papierkorb verschwindet, weil es einer medialen, hysterisierten Aufmerksamkeitsökonomie geschuldet ist. Da gibt es ein Hype Cycle des Politischen, wo die Dinge, die wirklich nachhaltige Effekte haben, viel langsamer reifen, als das der mediale Fokus mit sich bringt.

Meyer: Sie beschäftigen sich auch viel mit der Wirtschaft und mit modernen Managementlehren. Sie kommen einmal auf Steve Jobs zu sprechen, den verstorbenen Apple-Chef, als jemanden, der in Ihrem Sinne die Steinstrategie beherzigt hat. Wie hat er das denn gemacht?

Friebe: Steve Jobs hatte natürlich einen unglaublichen Instinkt für Dinge, einen Möglichkeitssinn für Dinge, die Menschen haben wollen könnten, von denen sie noch nicht wussten, dass sie sie brauchen würden. Aber es gab eine Zeit, als er gerade zurückgekommen war zu Apple, und Apple in einer sehr kleinen Nische des PC-Segments, die eigentlich nicht wirklich nachhaltig überlebensfähig war, sich befand, also eine schwierige Situation, und da ist der Satz überliefert, was seine Strategie ist, auf die Frage sagt er: We wait till the next big thing comes around. Und the next big thing, also das nächste große Ding, war der iPod und hat Apple neue Marktsegmente aufgestoßen, da musste aber erst die Zeit für reif sein.

Meyer: Ich habe da gestaunt, dass Sie dieses Beispiel einführen, weil Apple war doch in den letzten Jahren immer ganz vorne mit dabei, wenn es eben um neue Technologien, um neue Ideen ging, das kriegt man doch nicht hin, wenn man in der Ecke sitzt und abwartet.

Friebe: Man muss wissen, wann man wartet und wann man handelt und zuschlägt. Und ich glaube, das hat Steve Jobs, der sich ja sehr mit Zen-Buddhismus beschäftigt hat, ganz gut verinnerlicht gehabt.

"Dass wir in besonders bewegten Zeiten leben, ist eine Illusion"

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir haben Holm Friebe zu Gast, wir reden über sein Buch "Die Steinstrategie – von der Kunst, nicht zu handeln". Sie haben schon mal das Paradigma der modernen Managementliteratur vorhin angesprochen. Wie geht man da denn mit dieser Frage um, abzuwarten, oder eben lieber zu handeln?

Friebe: Es gibt seit ungefähr zehn Jahren eine Mode in der populären Management-Ratgeberliteratur in den Alltags- und Managementsachbüchern, niedere Lebensformen oder Tiere zum Vorbild auszurufen. Das hat angefangen mit Spencer Johnsons "Mäusestrategie", wo gesagt wurde, die Mäuse, wenn man ihnen den Käse wegnimmt, dann suchen sie neuen Käse und jammern nicht herum. Das passte natürlich in eine Zeit, wo in Unternehmen alles umgebaut wurde, kein Stein auf dem anderen blieb und man den Betroffenen sagte: Stellt euch nicht so an.

Dieses Buch hat 26 Millionen Stück verkauft, ist eine Art Bibel in amerikanischen Unternehmen und hat jede Menge Nachfolger produziert, also von Schafstrategie, Pinguinprinzip bis hin zur Kakerlakenstrategie. Und das war mein Ausgangspunkt zu sagen, da bleibt eine Option unberücksichtigt, weil all diese Bücher anstiftenden Charakter haben. Und darauf hinzuweisen, dass in vielen Situationen das kluge Abwarten oft die bessere Option ist und man eben nicht aktionistisch irgendetwas tun muss, das verdichtet sich natürlich in der Steinstrategie, die insofern nur ein bisschen parodistisch gemeint ist.

Meyer: Sie setzen den Stein gegen die vielen Mäuse und Kakerlaken und die anderen Figuren, die da unterwegs waren in der Managementliteratur?

Friebe: Genau, ich habe mir überlegt, dann kann man auch einen Grabstein auf das Genre setzen und durchbrechen bis zur majestätischen Ruhe des Anorganischen, wie Max Gold es genannt hat.

Meyer: Aber denken Sie ernsthaft, dass in unserer Welt der Wirtschaft, wo man immer wieder liest, dass es um Beschleunigung geht, um immer kürzere Produktzyklen, um überhaupt noch was loszuwerden an die Konsumenten, dass man da tatsächlich eine solche Strategie, die auf Ruhe und Abwarten und lange Zyklen setzt, dass man die da durchsetzen kann?

Friebe: Ich glaube sogar und bin zu dem Punkt gelangt, dass selbst dieser Eindruck eine kollektive Illusion ist, dass wir in besonders bewegten und ereignisreichen Zeiten leben – Internet hin, Finanzkrise her. Wenn man das mit der Zeit vor exakt 100 Jahren vergleicht, was es da für Innovationen gab, von der Wassertoilette bis zum Auto, zum Telefon, zum Radio.

Damals hatten die Menschen wahrscheinlich mit mehr Fug und Recht das Gefühl, in extrem bewegten Zeiten zu leben. Und die Burn-out-Krankheit der Zeit hieß Neurasthenie. Jeder, der etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, litt darunter. Ich glaube, Matthias Horx nennt es Gegenwartseitelkeit, dieses Gefühl, an einem Klimax der historischen Entwicklung sich zu befinden, von wo aus die Dinge nur noch eskalieren können oder alles in einen Abgrund rauscht, wahrscheinlich müssen wir da auch mehr Demut vor der Zukunft haben, und die Dinge entwickeln sich eben doch nicht so schnell, wie man denkt.

Meyer: Und die ganze Grundannahme über unsere Zeit, dass wir eben in dieser Ära der digitalen Revolution, wo sich unser Zugang zur Information und unsere Austauschmöglichkeit von Grund auf verändert haben, das würden Sie sagen, das ist eine übertriebene Eitelkeit, da verändert sich gar nicht so viel?

Friebe: Nein, es verändern sich schon Dinge, es gibt destruktiven Wandel in bestimmten Bereichen, aber wenn man sich anguckt, die Nutzungsdauer von Fernsehen, von Radio, all das geht hoch. Es gibt ein schönes Buch von David Edgerton, "The Shock of the Old", also in Bereichen, wo man gar nicht damit rechnet, wo die Technologien schon bekannt sind, finden Innovationen statt, die niemand erwartet hätte. Und indem wir immer nur auf das Neue starren, verlieren wir den Blick dafür, worauf es wirklich ankommt, und dass 90 Prozent unserer Gegenwart, unseres Alltags, aus Dingen bestehen, die schon vor 50, 100 Jahren genau so da waren und existierten.

Meyer: Das sagt Holm Friebe in seinem Buch "Die Steinstrategie – von der Kunst nicht zu handeln", erschienen im Karl Hanser Verlag, mit etwa 200 Seiten für 14,90 Euro ist dieses Buch zu haben. Und heute wird es vorgestellt, heute Abend in Berlin um 20:00 Uhr im Radialsystem. Herr Friebe, vielen Dank für das Gespräch!

Friebe: Danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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