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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.07.2011

Heiteres Bild von Vater und Sohn

Nathaniel Hawthorne: "Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny", Salzburg 2011, 125 Seiten

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So ähnlich stellt man sich die Idylle vor, in der Hawthorne und sein Sohn Julian gemeinsam ihre Zeit verbrachten. (Ruth Rach)
So ähnlich stellt man sich die Idylle vor, in der Hawthorne und sein Sohn Julian gemeinsam ihre Zeit verbrachten. (Ruth Rach)

Schon vor 160 Jahren gab es Väter, die sich nicht nur als Versorger definierten, zum Beispiel Nathaniel Hawthorne. Im Sommer 1851 verlebte er drei Wochen mit seinem Sohn Julian, und hat darüber ein anrührendes Tagebuch verfasst, das nun endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Im Sommer 1851 war Nathaniel Hawthorne fast drei Wochen lang Strohwitwer. Seine Frau war zu ihren Eltern nach Boston gefahren, und der Autor blieb in dem roten Bauernhaus der Familie zurück – allein mit seinem fünfjährigen Söhnchen Julian, nicht zu vergessen das zahme Kaninchen Bunny. Für seine Frau führte Hawthorne Tagebuch; er notierte die kleinen Begebenheiten im Haushalt und die täglichen Unternehmungen mit Julian.

Länger als ein Jahrhundert blieb dieses Tagebuch weitgehend unbeachtet, als Teilkapitel im umfangreichen, aber wenig gelesenen Journal-Werk des Autors, seinen "American Notebooks".

Erst 1972 erschien das kleine Sommer-Tagebuch in den USA erstmals als selbständige Auskoppelung aus diesen Notizbüchern, und seit es 2003 mit einem Nachwort von Paul Auster neu aufgelegt wurde, gilt "Twenty Days with Julian & Little Bunny by Papa" als kostbares Fundstück und Lektüre-Juwel nicht nur für Hawthorne-Liebhaber. Jetzt endlich liegt es auch auf Deutsch vor, sehr beschwingt übersetzt von Alexander Pechmann.

Auf knappen siebzig Buchseiten entfaltet Hawthorne ein heiteres und liebenswürdiges Bild von den täglichen Verrichtungen von Vater und Sohn. Deren Unternehmungen könnten unscheinbarer nicht sein – vom morgendlichen Milchholen beim Bauern über die Spaziergänge ins Dorf zum Postholen bis zum frugalen Abendessen. Einmal wird Julian von einer Wespe gestochen, einmal retten Vater und Sohn ein Kätzchen, das in einen Brunnen gefallen ist. Und hin und wieder wird das idyllische und etwas schläfrige sommerliche Gleichmaß der Tage unterbrochen durch einen Besuch oder einen Ausflug mit Picknick – am bemerkenswertesten natürlich, wenn der Besucher Herman Melville heißt, Hawthornes Schriftsteller-Kollege und Freund.

Was diese scheinbar wenig spektakulären Aufzeichnungen so einzigartig macht, ist Hawthornes subtile Beobachtungsgabe, sein genauer und überraschend moderner Blick auf das kindliche Verhalten seines Sohnes, das er mit liebevollem Humor beschreibt. Der kleine Julian ist ein lebhafter, neugieriger, stets gutgelaunter und vor allem redseliger Junge. Manchmal ärgert das Dauer-Gequassel den Vater, weil es ihn vom Lesen, vom Schreiben und vom Denken abhält; meistens aber reagiert er amüsiert, fühlt sich eher unterhalten als genervt.

Als Vater, der vorübergehend auch die Mutterrolle zu spielen hat, ist Hawthorne anfangs ungeübt; doch er kommentiert seine eigene Ungeschicklichkeit mit so viel Selbstironie und Charme, dass ihm die Sympathie des Lesers sicher ist. Sogar der stumme Hausgenosse Little Bunny erwacht unter Hawthornes Beschreibungsprägnanz zu einem Kaninchen von Charakter und Eigensinn.

Paul Auster bemerkt in seinem Nachwort, dass wir heute das Treiben unserer Kinder eher mit der Videokamera oder mit Handy-Schnappschüssen festhalten als mit Worten. Er schreibt, Worte seien jedoch besser, denn sie dringen tiefer als Fotografien. Es müssen allerdings die genauen und treffenden Sätze eines Meisters wie Nathaniel Hawthorne sein, wenn sie die Erinnerung an ein Kind von vor 160 Jahren lebendig halten sollen, zum Entzücken heutiger Leser.

Besprochen von Sigrid Löffler

Nathaniel Hawthorne: Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny
Mit einem Nachwort von Paul Auster, aus dem Amerikanischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Alexander Pechmann
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2011
125 Seiten, 18,00 Euro

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