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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 14.01.2009

Heisenbergs Traum

Die Suche nach der Weltformel

Von Florian Hildebrand

Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg im Jahr 1947 (AP Archiv)
Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg im Jahr 1947 (AP Archiv)

Wenn der Super-Teilchenbeschleuniger im Europäischen Forschungszentrum CERN seinen Betrieb aufnimmt und dann die ersten experimentellen Ergebnisse vorliegen, werden die Physiker vielleicht einen Schritt näher zu einer Theorie von Allem kommen. Immer wieder wurde diese umfassende Erklärung jener Kräfte, die die Welt im Innersten zusammenhält, versucht. Immer nur mit kleinen Erfolgen. Eine der spektakulärsten Unternehmungen drang Ende Februar vor 51 Jahren an die Öffentlichkeit.

"Der Nobelpreisträger Prof. Werner Heisenberg machte eine Aufsehen erregende Mitteilung: der Direktor des Physikalischen Instituts der Max-Planck-Gesellschaft und seine Mitarbeiter haben eine Gleichung ermittelt, die es in der Geschichte der Physik zum ersten Male möglich machen könnte, aus ihr heraus die gesamte Physik abzuleiten."

Heisenberg: "Am Montag habe ich im Physikalischen Kolloquium (der Universität Göttingen) über unsere Arbeit vorgetragen. Leider kam davon etwas in die Zeitung, natürlich in furchtbar dummer Form."

Verärgert schreibt Werner Heisenberg am 27. Februar 1958 in einem Brief an seinen Freund Wolfgang Pauli. Über die "furchtbar dumme Form" regt er sich auf, weil der Journalist wohl versucht hat, die "Gleichung, aus der die gesamte Physik abzuleiten" sei, seinen unvorbereiteten Lesern einigermaßen plausibel zu erklären. "Furchtbar dumm" oder nicht, jedenfalls rast die Nachricht von der "Weltformel" rund um den Planeten und erregt mächtig viel Aufsehen.

Zwei Monate später, am 23. April 1958 fährt Heisenberg nach Berlin zu einem Festakt. Man feiert den hundertsten Geburtstag von Max-Planck. In der neuen Kongresshalle, der schwangeren Auster, wie die Berliner sagen, drängen sich knapp zweitausend Menschen, weitere tausend sitzen nebenan im Theatersaal und in der Vorhalle. An der Bühne drängen sich Presse, Funk und Wochenschauen. Oben sitzen eng an eng Orchestermusiker. Heisenberg bahnt sich einen Weg zum Pult, und beginnt mit der Festrede. Der Saal wird dunkel, und der Physiker schreibt an die Tafel:

Heisenberg: "a durch hoch ny ax tief ny mal 4 hoch sieben mal l im Quadrat mal gamma my mal gamma tief 5 mal vier Klammer auf vier hoch plus gamma tief mal my gamma tief fünf mal vier Klammer zu ist Null."

"Den Ausdruck Weltformel habe ich nicht geprägt, weil er mir zu anspruchsvoll scheint. Ich habe immer von einer einheitlichen Feldtheorie der Elementarteilchen gesprochen."

Das nützt nun nichts mehr, das Wort ist da und nicht mehr ungesagt zu machen. Sohn Martin Heisenberg erinnert sich:

"Das hat ihn sehr beunruhigt, dass dieses Wort der Weltformel so eine Eigendynamik entfaltet in der Presse, denn es war ihm klar, dass diese einheitliche Feldtheorie noch sehr hypothetisch war. Und ich entsinne mich: In Urfeld am Walchensee, wo wir Sommerferien machten, wurde er von irgendwelchen Journalisten belagert, die er nicht sehen wollte. Das Haus liegt an einem Steilhang, und er hat sich dann hinten durch die Büsche verkrümelt, um den Journalisten zu entkommen. Daran erinnere ich mich noch gut."

Die Aufregung der Presse kann man gut erklären, zumindest, was Deutschland angeht. Der Krieg und die Katastrophe des Dritten Reiches sind gerade 13 Jahre her. Das Land ist zwar wirtschaftlich mitten im Wiederaufbau, doch gefangen in der Verdrängung der grässlichen Verbrechen des NS-Staates. Die bedeutendsten Wissenschaftler sind emigriert und verhelfen anderen Ländern zu Ruhm und Ansehen. Da tritt ein Mann auf, ein Deutscher, einer der berühmtesten Physiker seiner Zeit und präsentiert eine Formel, mit der er, so sagt er, die materielle Welt erklären kann. Heisenberg, schon Nobelpreisträger, schafft noch einmal etwas ganz Großes. Mit so jemandem kann man beweisen: Wir sind wieder wer.

Das Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart Nr. 23 in A-Dur Köchelverzeichnis 488. Eine Aufnahme mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in München aus dem Jahr 1961. Die perlenden Läufe am Flügel spielt - Werner Heisenberg.

In der Musik, das spürte er, reichte es nicht für einen Nobelpreis, wenn es denn dafür einen gäbe, aber für einen Laien ragte sein Klavierspiel weit über den Durchschnitt hinaus. Genialität ist Geschenk und Schicksal. In der Wissenschaft fördert sie außerordentliche Erkenntnisse zu Tage, aber sie treibt sich selbst auch zu immer neuem Gipfelsturm an. Normalbegabte mögen darin einen unstillbaren Ehrgeiz sehen. Mit 57 wollte er sein Werk abschließen.

Die grundlegende Entdeckung, die er zuletzt gemacht hatte und für die er den Nobelpreis erhalten hatte, lag jetzt ja schon 33 Jahre zurück. Da hatte er mit der sogenannten Unbestimmtheitsrelation das wesentliche Charakteristikum für die damals neue Quantentheorie geliefert. Wissenschaftlich eine Sensation war das deswegen gewesen, weil er mit dieser Unbestimmtheits- oder auch Unschärferelation eines der Grundgesetze der herkömmlichen Physik außer Kraft setzte, nämlich die Gewissheit des Zeitpfeils von Ursache und Wirkung.

Nun, 1958 ging es darum, das Werk zu vollenden und die gesamte Physik, die alte und die neue in einer einheitlichen Feldtheorie zu vereinen. Damit hätte er dann den Schlussstein für die neue Physik des 20.Jahrhunderts gesetzt. Die Physik wäre damit beendet, ausgeforscht.

Heisenberg: "Ich halte für möglich, ja sogar für wahrscheinlich, dass die Physik der Elementarteilchen abgeschlossen werden könnte so wie die Physik der Atomhüllen in gewissem Sinne abgeschlossen ist."

Die Physik der Atomhüllen beschreibt den Zusammenhang zwischen Atomkern und den Elektronen, die darum herumschwirren.

Heisenberg: "Zunächst ist die Weltformel nüchterne und handfeste Physik, das heißt, es wird die Hoffnung ausgesprochen, dass man auf Grund dieser Formel die Massenverhältnisse der Elementarteilchen, ihre Wechselwirkung, ihr ganzes Verhalten in Experimenten genau so gut berechnen kann wie man etwa mit Hilfe der Newton'schen Gleichung die Bewegung der Planeten und der Sterne berechnen kann."

Mit dieser Vorstellung von der Mechanik der Elementarteilchen, die ebenso auf eine Formel gebracht werden könne, wie Isaak Newton die Schwerkraft mathematisch eingefangen hatte, mit diesem Optimismus setzt er sich an den Tisch, so wie er bisher auch sonst unerschrocken alles Physikalische angepackt hatte und immer zuversichtlich gewesen war, früher oder später zu einem Ergebnis zu kommen.

Die Physiker waren schon während des Krieges auf unterschiedliche Elementarteilchen gestoßen. In europäischer Zusammenarbeit hatte er sich später dafür eingesetzt, dass Kollegen aus aller Welt bei Genf in einem Großexperiment diesen Elementarteilchen genauer und systematisch nachgehen sollten. Aber persönlich wollte Heisenberg mehr:

"Ebenso ist es eben in unserer modernen Physik der Elementarteilchen, wo wir auch nicht zufrieden sein können, große Tabellenwerke über die Elementarteilchen und ihre Kräfte und ihrem Wirkungsquerschnitt und so weiter aufzustellen, sondern wir wollen verstehen, warum das so ist, und dieses Warum heißt nun Suchen nach einem einheitlichen Naturgesetz, aus dem dann dies alles folgt."

Aus den Vereinigten Staaten war damals ein junger Wissenschaftler zu Heisenberg ins Max-Planck-Institut für Physik nach München gekommen, Hans-Peter Dürr. Der wurde sogleich für die Feldtheorie eingespannt:

Dürr: "Das war für Heisenberg sehr wichtig in seiner Erfahrung mit der Quantentheorie: die Vorstellung, dass der Mikrokosmos nicht nur ein verkleinertes Abbild des Makrokosmos ist, sondern dass auf diesem Weg von diesen Gegenständen, die wir in unserer Umwelt sehen, zu kleineren Einheiten, dass die nicht nur kleiner werden, sondern dass die ganz wesentlich ihren Charakter verändern; und dann hat die Quantenmechanik sogar noch den Sprung gemacht, dass selbst die Eigenschaft, dass ein Teilchen etwas ist, das in einem bestimmten Punkt und in Raum und Zeit lokalisiert ist, dass selbst das sich noch auflöst; und deshalb hat er gesagt: Wenn wir eine fundamentale Theorie der Teilchen machen wollen, darf der Teilchenbegriff nicht mehr diese Bedeutung haben, sondern muss sich in etwas auflösen, was nicht mehr unterteilbar ist, und das ist so ein Feldbegriff, ein Feld, das kann sich zusammenballen, formen und Elementarteilchen bilden, aber das Feld selbst, da kann ich nicht mehr fragen, was ist seine Struktur. Das war der Beginn seiner Feldtheorie."

Die Elementarteilchen-Physiker hatten immer neue Teilchen entdeckt und sie glaubten, wenn man den Atomkern weiter und weiter teilt, findet man immer neue und kleinere Teilchen. Das bereitete Heisenberg Unbehagen. Er sah "seine" Physik zerfallen, wie eine Glasscheibe in lauter Scherben zerbirst.

Das Kunststück bestand für ihn darin, die Quantentheorie in seine "Theorie von allem" mit einzubinden. Das war schwierig, weil eine ganz andere Physik dahinter steckte, eine, die Größenordnungen unter der herkömmlichen Physik lag und den herkömmlichen Gesetzen, etwa dem der Kausalität nicht folgte. Wie also sollten geradezu sich ausschließende Prinzipien wie Wahrscheinlichkeit und Kausalität unter ein theoretisches Dach zu bringen sein? Genau das war eine Frage von dem Kaliber, das Heisenberg herausforderte.

Heisenberg: "Die endgültige Theorie der Materie wird ähnlich wie bei Platon durch ein Reihe von wichtigen Symmetrieforderungen charakterisiert sein."

Viele seiner Kollegen überraschte es zu sehen, dass Heisenberg als Physiker offenbar zwei Seelen in seiner Brust trug. Einerseits war er so kreativ, mit der Quantentheorie eine Physik entdeckt zu haben, die sich mit der bisherigen Physik nicht mehr vertrug. Auf der anderen Seite ging er theoretisch vor wie ein Klassiker. Er dachte in Gleichungen und Symmetrien:

Heisenberg: "Diese Symmetrien kann man nicht mehr einfach durch Figuren und Bilder erläutern, so wie es bei platonischen Körpern möglich war, wohl aber durch Gleichungen. Eine Theorie, die aus einer einfachen Grundgleichung für die Materie die Massen und die Eigenschaften der Elementarteilchen richtig wiedergibt, ist auch gleichzeitig eine einheitliche Feldtheorie. Durch die grundlegende Bedeutung der Symmetrieeigenschaften erhält jeder Versuch einer Theorie der Elementarteilchen einen eigentümlichen Charakter von Geschlossenheit."

Heisenberg beobachtete die amerikanischen Elementarteilchen-Forscher, die gerade dabei waren, einen regelrechten Teilchen-Zoo anzulegen, also eine Vielzahl unterschiedlichster Elementarteilchen, ohne die Vorstellung zu haben, wie die ganzen Partikel zueinander stehen. Er fühlte sich dabei an den antik-griechischen Naturphilosophen Demokrit erinnert. Der hatte im vierten Jahrhundert vor der Zeitenwende die Theorie vertreten: alle Natur und selbst die menschliche Seele bestehe aus unterschiedlichen Atomen. Seiner Ansicht nach gab es keine übergeordnete Struktur.

Heisenberg hielt sich stattdessen lieber an Plato und dessen geometrische Körper, die lauter gleichmäßige Seiten haben, symmetrisch sind und auf unterschiedliche Weise Bezug zu höheren Ordnungen haben.

"Es ist ein Resultat der Arbeit, an der ich in den letzten 50 Jahren beteiligt war, dass man gelernt hat, dass diese Ideen von Plato noch fundamentaler waren als die des Demokrit, obwohl sich unsere moderne Atomphysik mehr an der Demokritschen Philosophie orientiert hat. Wenigstens in den letzten Jahrzehnten hat sich doch herausgestellt, dass diese platonischen Gesichtspunkte des Vorherrschens der Symmetrie die modernen Atomtheorien noch besser charakterisieren, noch besser zu ihrem Wesen passen als die Demokritschen Vorstellungen."

Das lässt schon ahnen: Heisenberg ging bei seiner einheitlichen Feldtheorie nicht experimentell vor, sondern als Theoretiker. Er ließ sich von einer grundlegenden Idee leiten und suchte sie in der Realität wieder zu finden. Er selbst ging gewissermaßen intuitiv ans Thema heran und zwar mit einem letztlich philosophischen Ansatz. Unter diesen Umständen kam die Mathematik immer erst zuletzt an die Reihe, auch in der Feldtheorie.

Dürr: "Man hat ihn immer für einen mathematisch orientierten Menschen gehalten, das ist nicht richtig. Er konnte gut Mathematik, aber das war für ihn Handwerkszeug, aber nicht ein Denkinstrument."

Im Falle der Feldtheorie hätte er sich an der Mathematik fast de Zähne ausgebissen, wie er schrieb:

Heisenberg: "Aber die ganze Mathematik ist schauderhaft schwer. Nach längerem Nachdenken wird mir der Fall immer unklarer. Alles ist nur Vermutung."

"Wir wollen verstehen, warum das so ist."

Heisenberg hatte seit seinen frühen Wissenschaftlertagen einen Freund, den ebenfalls theoretischen Physiker Wolfgang Pauli, Nobelpreisträger seit 1945. Pauli war, das wusste Heisenberg instinktiv, wissenschaftlich sein Gegenstück, ein Mann, der sehr präzise rechnete und dem alles Vage zuwider war. Heisenberg war sich seiner Genialität durchaus bewusst, aber er kannte auch den Pferdefuß seiner Arbeitsweise, nämlich die mangelnde Präzision. So machte er es sich zur Gewohnheit, jeden wissenschaftlichen Artikel, den er veröffentlichen wollte, zuerst Pauli zum Gegenlesen zu schicken.

Dürr: "Die beiden waren ein phantastisches Team, weil der Pauli war ein ungeheuer kritischer Denker, ungeheuer kritisch in Bezug auf das, was andere machen und in Bezug auf das, was er selber macht. Heisenberg hat seinem kritischen Verstand wesentlich weniger Raum eingeräumt. Er hat den für einen Anhängsel genommen. Er hat viel mehr vertraut seiner intuitiven Einsicht, und wenn der kritische Verstand ihm gesagt hat, das geht noch nicht so gut, dann hat er einfach gesagt: 'Das liegt an seiner Begrenztheit, dass er das noch nicht so gut schafft, und ich muss da weiter machen.' Während Pauli hat dem kritischen Verstand höchste Priorität gegeben und hat einfach für die Wissenschaft verlangt, dass sie diesen Test bestehen muss, anderenfalls ist alles geflunkert."

Pauli merkte bald, dass Heisenberg bei seiner Einheitlichen Feldtheorie mathematisch eher vage vorging. An bestimmten inneren Widersprüchen seiner Theorie, Dürr nennt sie "Geister", rechnete Heisenberg quasi außen vorbei in der Hoffnung, das die Gleichungen auch so aufgehen würden.

Dürr: "Heisenberg hat einen mathematischen Kniff gefunden, wo diese 'Geister' nie nach außen treten, sondern nur im Lokalen wirksam werden, dort die Schwierigkeiten beseitigen; und seine Behauptung war: 'ich habe keine Schwierigkeiten nach außen mit Kausalitäten' und so fort, und Pauli gesagt hat: 'Du irrst dich. Ich habe mit Källèn in Lund Modelle gerechnet und wir haben festgestellt, dass diese Schwierigkeit in erster Instanz sich vermeiden lässt, aber dann auf Umwegen doch wieder eintritt und dieselben Schwierigkeiten wieder bereitet.' Und da haben sie sich furchtbar gestritten die beiden.

Dann haben sie sich in Oberwolfach 1957 getroffen, Pauli war ungeheuer ärgerlich und sagte: 'Wenn du nicht mit diesem Unsinn aufhörst, dann kündige ich dir unsere Freundschaft auf.' Heisenberg sagte damals: 'Bevor du das tust, wäre es doch ganz gut, du würdest dich mit mir etwas härter auseinandersetzen.' Und da sagte der: 'Das brauche ich nicht, du solltest einfach meine Arbeiten lesen, dann wirst du sehen, dass das Unfug ist, den du da machst'."

Es blieb beim Streit. Die beiden waren zu alt und zu starrsinnig, um einen Schritt auf den anderen zuzugehen. Pauli zog sich, wütend und enttäuscht, aber auch von einer Krebskrankheit geschwächt, zurück.

Dürr: "Das war für Pauli ein ziemlicher Schock. Er hat festgestellt, dass er eigentlich diese Auseinandersetzung verloren hatte, Heisenberg hat einfach Glück gehabt. Das ist typisch für Heisenberg, weil er die Idee hat, die er machen will, und dann fängt er an handwerklich zu arbeiten und dann überspringt er alle mathematischen Tabus und Hürden und sagt, ich mache das und schraube die Mathematik zusammen, bis sie funktioniert."

Pauli starb bald darauf, und seine Witwe mutmaßte, er sei dem beharrlichen Heisenberg nicht mehr gewachsen gewesen. In der Tat war Pauli früher jedem Streit hartnäckig nachgegangen. Sicher ist es seiner Krankheit geschuldet, dass er sich zurückzog aus der Arbeit an der Feldtheorie.

Charakterlich waren die beiden allerdings völlig unterschiedlich. Heisenberg, ein unerschütterlicher Optimist, Pauli ein ebenso unbeugsamer Kritiker. Was Physik betrifft, hatte sich Pauli als Perfektionist unbeliebt gemacht. Dies betraf seine eigene Arbeit genauso wie die seiner Fachkollegen. Die höchste Form seiner Ablehnung war:

"Das ist nicht nur nicht richtig, es ist nicht einmal falsch."

Im Radio stellte Heisenberg die Einheitliche Feldtheorie als "Heisenberg-Pauli-Theorie" vor und sagte, sie sei praktisch fertig, es fehlten "nur ein paar Details". Pauli schickte darauf an einige Kollegen im März 1958 eine Postkarte, auf die er nur ein Quadrat zeichnete und dazu schrieb:

"Ich kann malen wie Tizian. Es fehlen nur die Details."

Heisenberg: "Ich glaube, es besteht jetzt Einigkeit bei den meisten Physikern darüber, dass man die Physik der Elementarteilchen erst dann verstanden haben wird, wenn man eine solche Einheitliche Theorie ausgearbeitet hat."

Wohl wahr, doch niemand außer Heisenberg dachte Mitte der Fünfziger Jahre daran, die bis dahin bekannten Elementarteilchen in einer umfassenden Theorie zu erklären. Damals begann in den großen europäischen und US-Experimentieranlagen gerade erst die Jagd auf Teilchen, deren Existenz bisher bloße Behauptung war. Wieso Heisenberg bereits eine alles erklärende Theorie über sie schreiben wollte, erklärt sich also nicht aus dem Stand der Physik jener Tage, sondern aus seinem Charakter und seiner Biographie.

Dürr: "Ich habe ihn nur erlebt in dem Sinne, dass er fasziniert war von den Problemen, die er bearbeiten wollte und dass er sehr überzeugt war, dass er diese Probleme wird lösen können. Es war für ihn überhaupt keine Frage, dass man nicht an das Problem herankommen könnte. Wenn jemand sagte: 'Das geht nicht', dann hat er immer gesagt: 'Das ist ein Ausdruck von mangelnder Phantasie'. Er hat sich an alles herangetraut, auf Grund dieser Fähigkeit, dass er sich an die schwierigsten Sachen vom Groben her genähert hat."

Wenn ihm Kollegen immer wieder bestimmte Probleme vor Augen hielten, fand er sie in seiner Zuversicht und seiner Ungeduld ängstlich und pessimistisch. Der dänische Physiker Niels Bohr, mit dem Heisenberg viel zusammen gearbeitet hatte, sagte einmal, Heisenberg sei ein Mann mit viel Genie, aber wenig Empathie. Ein Satz, der für Genies wohl grundsätzlich gelten kann.

Dürr: "Ich will es nicht hochstaplerisch nennen, aber es ist etwas, was man bei Leuten oft entdeckt, die einen ungeheuren Optimismus haben bei dem, was sie bewerkstelligen können, dass sie über ihr eigentliches Können hinaus sagen: 'Das kann ich, ich trau mir das zu'; und dass es auch dieser Optimismus ist, der den Leuten die Kraft gibt, durch all diesen Wirrwarr hindurch bei der Stange zu bleiben. Es ist ja enorm, was die an Motivation kreieren, und unermüdlich sind, immer mit dem Hintergrund, dass man weiß, es gibt eine Lösung; und wenn man es nicht findet, dann muss es eben anders gehen; und wenn du mir einen Widerspruch sagst, der ernsthaft ist, dann ändere ich ihn auch ab, aber doch nicht, wenn die ersten Schwierigkeiten auftreten. In dieser Hinsicht wahnsinnig hartnäckig."

Man kann Dürrs wohlmeinenden Worten entnehmen, wie anstrengend Heisenberg für seine Mitarbeiter werden konnte, wenn er mit der Feldtheorie nicht vorankam. Im Ganzen, meint Dürr, war diese unbeugsame Hartnäckigkeit wohl auch Merkmal einer bestimmten Generation von Physikern. Es waren jene, die mit ihrer Arbeit an Atom- und Quantentheorie erfahren hatten, wie unter ihren Händen innerhalb weniger Jahrzehnte ein völlig neues Weltbild entstand. Und es waren Physiker, die mit dem Bau der Atombombe die Welt fast in Brand gesteckt hätten und denen es danach gelungen war, das nukleare Feuer der Kernspaltung für die friedliche Energiegewinnung zu bändigen.

Etliche dieser Physiker kamen zu der Überzeugung, mit Wissenschaft lasse sich alles erreichen. Zu denen zählt Dürr auch seinen früheren Lehrer Werner Heisenberg.

Heisenberg: "Die Aufgabe ist weder experimentell noch theoretisch bisher völlig abgeschlossen."

So hoch die Wellen der Begeisterung über den Mann mit der Weltformel in der deutschen Öffentlichkeit schlugen, die Fachwelt blieb reserviert. Auf einer Tagung der Europäischen Organisation für Kernforschung im Juni 1958 in Genf meinte der amerikanische Physiker Marvin Goldberger von der Princeton Universität in den USA:

"Die Idee der Theorie ist höchst bewunderungswürdig, aber mein persönliches Gefühl ist, dass die mathematischen Methoden für suspekt gehalten werden müssen."

Ein im Grunde vernichtendes Urteil. Aber in den Vereinigten Staaten war bei den Physikern bereits seit Anfang der Vierziger Jahre gegen Heisenberg eine profunde Skepsis bis Abneigung gewachsen. Mit seinem Lehrer Niels Bohr hatte Heisenberg 1941 in Kopenhagen ein ausführliches Gespräch geführt. Dem entnahm der dänische Physiker, Heisenberg sei dabei, im Auftrag des NS-Regimes eine Atombombe zu bauen. Alarmiert wandte er sich an Kollegen in den USA, und die wiederum drängten Washington dazu, mit einer eigenen Atombombe den deutschen zuvorzukommen. Hans-Peter Dürr kam, als er selbst in den USA promovierte, noch der Nachklang des Rufs zu Ohren, mit dem sein Lehrer Heisenberg jenseits des Atlantiks verurteilt wurde:

"Er galt als teutonischer Ehrgeizling, der die deutsche Physik für viel besser hielt als das Übrige, was in der Welt passiert ist. Er ist eigentlich ein Versager, er hat versucht die Bombe zu bauen, um den Krieg zu gewinnen, hat es aber Gott sei Dank nicht hingekriegt, weil er seine eigenen Kräfte überschätzt hat und so; und dann auch noch mit einer neuen Theorie, hat man mir noch gesagt, will er sofort wieder alles erklären wollen und so fort."

So zitiert Dürr, wie in den Vereinigten Staaten über Heisenberg der Stab gebrochen wurde. Dergleichen Urteile, besser Verurteilungen verrieten viel Meinung, aber wenig Sachkenntnis. Überdies, erzählt Dürr weiter, wurde Heisenberg geraten,

"er solle sich hinsetzen und anständige Physik machen."

Der Vorwurf war nicht ganz von der Hand zu weisen. Heisenberg hatte nämlich die starke Wechselwirkung nicht in seine Theorie einbezogen. Sie gehört zu den vier Grundkräften der Physik und ist besser bekannt unter dem Namen Kernkraft. Die starke Wechselwirkung hält Quarks, das sind die kleinsten subatomaren Teilchen, untrennbar zusammen. Aber auch die Teilchen, die den Atomkern bilden, also Protonen und Neutronen werden von der starken Wechselwirkung aneinander geschweißt. Welche gewaltige Energie sie besitzt, tritt bei der Kernspaltung zu Tage. Das alles hatte Heisenberg natürlich vor Augen, allerdings war damals das Teilchen noch nicht entdeckt, das für die Kernkraft zuständig ist, das so genannte Boson.

Auch nach 1958 hielt Heisenberg an seiner Feldtheorie fest. Aber er arbeitete offenbar nicht mehr ernsthaft daran, denn die neuesten Erkenntnisse ließ er unberücksichtigt, etwa die Theorie der Quarks, die 1961 unter anderem der amerikanische Physiker Murray Gell-Mann vorgestellt hatte und für die er nur fünf Jahre später den Nobelpreis erhielt. Quarks, das waren für Heisenberg mehr oder weniger virtuelle Teilchen, Artefakte von Experimenten in riesigen Beschleunigeranlagen wie in Genf, wo Physiker fieberhaft nach neuen Teilchen jagten, Artefakte also für den Münchner Physiker, die für den Aufbau der Materie keine Rolle spielten.

Heisenberg: "Ob der von Pauli und mir vorgeschlagene Rahmen schon genau der richtige, das heißt nicht zu eng und nicht zu weit ist, das ist wohl noch nicht endgültig entschieden. Hier werden wohl auch die Ergebnisse von den Experimenten mit den neuen großen Speicherringen in Genf wichtig werden. Wenn der genannte Rahmen ausreichend ist, so sind bei den Speicherringen keine ganz grundsätzlich neue Phänomene zu erwarten. Insbesondere wird man dann nicht auf die von manchen Theoretikern gewünschten Quarkteilchen stoßen. Wenn er aber zu eng ist, so sind solche neuartigen Phänomene durchaus möglich. Die vorläufigen experimentellen Ergebnisse scheinen sich allerdings im bisherigen Rahmen zu halten."

Doch das blieb nicht so. Die Quarks, von denen 1980 das erste tatsächlich entdeckt wurde, erwiesen sich als Schlüssel zum Standardmodell vom Aufbau der Materie, wie es heute weltweit anerkannt wird.

Eine Weltformel ist das heutige Standardmodell nicht, sondern etwas, was Heisenberg nicht als schön und befriedigend empfunden hätte, meint Hans-Peter Dürr:

"Soweit man wirklich sagen kann, man kann mit dem Modell echt umgehen, es ist kein offensichtlicher Widerspruch mehr da, was auf der anderen Seite aber eine Struktur hat, die so hässlich ist, dass man kaum jemanden findet, der sagt: 'Das ist die letzte Antwort'."

Die letzte Antwort steht noch aus. Von Heisenbergs Weltformel sind die Physiker heute weiter entfernt denn je. Aber sie suchen nach einer Theorie für alles. Es geht immer noch darum, Materie, Wechselwirkungen und Quantenwelt unter ein theoretisches Dach zu bringen. Damit stehen die Physiker vor der größten Aufgabe, die sie je hatten. Ansätze dazu gibt es genug. Doch wo die Lösung liegt, zeichnet sich bisher auch nicht entfernt ab.

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