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Musikfeuilleton | Beitrag vom 19.05.2019

Heinz Holliger"Musik machen, um zu überleben"

Von Bettina Brand

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Der Schweizer Oboist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger nach einem Konzert beim Enescu-Festival in Bukarest, September 2015 (EPA)
Heinz Holliger nach einem Konzert beim Enescu-Festival in Bukarest, September 2015 (EPA)

Der Schweizer Oboist, Komponist und Dirigent Heinz Holliger gilt als einer der wichtigsten Musiker der Gegenwart. Unermüdlich ist er auf der Suche nach den Grenzen von Klang und Sprache. Am 21. Mai 2019 feiert er seinen 80. Geburtstag.

"Extrem oder gar nicht"

Heinz Holliger ist als Oboist, Komponist und Dirigent weltweit gefragt und international unterwegs. Dennoch findet er Zeit, Klavier zu üben, Gedichte zu schreiben, sich mit Literatur und Poesie auseinanderzusetzen, zu malen und in den Bergen zu wandern. All das bewältigt er scheinbar mit Leichtigkeit. Diese künstlerische Vielseitigkeit ist für ihn Inspiration, eine Einheit, die er jeden Tag lebt. Gute Musik, findet er, entsteht nur jenseits von konventionellen Grenzen: Extrem oder gar nicht. Eine Kunst der Mitte ist für ihn uninteressant. 

Preisgekrönter Oboist

Schon von Kindheit an ist Heinz Holliger von Literatur und Musik gleichermaßen fasziniert. Als Jugendlicher übersetzt er Texte von Paul Valéry und Arthur Rimbaud aus dem Französischen. Erst im Laufe der Zeit zeichnet sich bei ihm der klare Wunsch ab, eine Musiker-Laufbahn einzuschlagen. Bereits parallel zur Schule beginnt der junge Musiker mit 17 Jahren sein Studium am Berner Konservatorium bei Emile Cassagnaud, Oboe, Sándor Veress, Komposition, und Sava Savoff, Klavier. Zwei Jahre später, 1958, macht er Abitur und erlangt das Lehrdiplom am Konservatorium in Bern. Noch im selben Jahr geht er zum Studium an das Pariser Conservatoire, wo er bei Pierre Pierlot Oboe studiert. Dann gewinnt er den ersten Preis für Oboe beim Internationalen Musikwettbewerb in Genf 1959, der Durchbruch. Er wird Solo-Oboist der Basler Orchester-Gesellschaft, und 1961 folgt der erste Preis für Oboe beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München. Zahlreiche Preise, Aufnahmen und weltweite Auftritte folgen. Den letzten Schliff als Komponist holt er sich 1961 bei Pierre Boulez. 

Fasziniert von Visionären

Heinz Holliger ist ein Spurensucher, ein Grenzgänger. Oft setzt er sich mit Künstlern besonders intensiv auseinander, die selbst Grenzgänger sind oder sogar als verrückt gelten: Schumann, Hölderlin, Lenau oder auch der Maler Louis Soutter. Heinz Holliger hat nicht nur die Werke von Schumann für Oboe und Klavier gemeinsam mit Alfred Brendel eingespielt, sondern auch sämtliche Sinfonien, Ouvertüren und Konzerte von Robert Schumann dirigiert und mit dem WDR Sinfonieorchester auf sechs CDs aufgenommen. Gelungen sind Aufnahmen von einzigartiger Musikalität und Werktreue, ganz nach Holliger-Art von Klischees befreit und voller Überraschungen. 

Zahlreiche Komponisten haben dem Oboisten Heinz Holliger Werke gewidmet: u.a. György Ligeti, Elliott Carter, Witold Lutoslawski, Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio. Unter Holligers vielen Preisen und Auszeichnungen sei stellvertretend der Ernst von Siemens Musikpreis 1991 genannt.

Oper über den romantischen Dichter Nikolaus Lenau

Im März 2018 wurde am Opernhaus Zürich Holligers zweites abendfüllendes Bühnenwerk uraufgeführt, "Lunea". Das Libretto stammt von Händl Klaus und stützt sich auf Texte des romantischen Dichters Nikolaus Lenau. Die Inszenierung von Andreas Homoki mit Christian Gerhaher in der Hauptrolle als Lenau wurde von der Zeitschrift "Opernwelt" nach einer Kritikerumfrage zur "Uraufführung des Jahres" gewählt. 

Heinz Holliger wird am 21. Mai 80 Jahre alt, seine Kreativität als Komponist und sein Einfallsreichtum als Instrumentalist und Dirigent sind ungebremst. Seine musikalische Welt ist ein immer noch wachsender Kosmos. 

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