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Kalenderblatt | Beitrag vom 09.10.2018

Heinrich George: Vor 125 Jahren geboren Faszinierend und irritierend

Von Ruth Fühner

Heinrich George und Gisela Uhlen (l.) und im Melodram "Schicksal" (1941/42).  (imago stock&people)
Heinrich George mit Gisela Uhlen (l.) im Melodram "Schicksal" (1941/42) (imago stock&people)

Er war einer der großen Schauspieler des 20. Jahrhunderts und ließ sich von den Nationalsozialisten zum Aushängeschild machen – auch wenn er dem Regime im privaten Bereich trotzte. Nach dem Krieg blieb George keine Zeit, sich zu rehabilitieren. Er starb in sowjetischer Haft.

"Ick da jestern mit Schnürsenkeln in de Elsässer Straße, steht da im Querjebäude eine an der Tür, macht mir uff, schniekes Weib, sach ick dir. Ei wei, kommt mit mir ins Quatschen, is ne Kriejerwitwe, und denn sacht se, ick soll ma rinkommen." Ob als proletarischer Franz Biberkopf oder als Ritter Götz von Berlichingen, ob mit Barockperücke oder im Nadelstreifenanzug - Heinrich George war immer er selbst. Kein irrlichternder Verwandlungskünstler, kein romantisch Zerrissener, schon gar kein Ironiker – mit seiner massigen Statur, seiner berserkerhaften Kraft lagen ihm andere Vergleiche näher: "Ach wissen Sie, ich bin selbst Granate. Und zwar bin ich kein Blindgänger, sondern wenn ich mal abgeschossen werde, lande ich meistens als Volltreffer. Und das weiß auch das deutsche Volk."

Aus dem Schützengraben ans Theater

Geboren wurde Heinrich George am 9. Oktober 1893 als Sohn eines Marineoffiziers. Eine frühe Verwundung ließ ihn noch während des Ersten Weltkriegs am Theater Zuflucht suchen. Eine der ersten Stationen war Frankfurt, damals eine Hochburg des expressionistischen "O-Mensch"-Pathos, und von da ging es schon bald nach Berlin. Erwin Piscator und Bertolt Brecht machten sich das geniale Schwergewicht zunutze, Leopold Jeßner und Jürgen Fehling setzten auf seine virile Wucht, George wurde zum Star nicht nur am Berliner Theaterhimmel.

Nach 30 Stummfilmen erregte er mit seiner ersten Tonfilmrolle auch international Aufsehen: als Emile Zola in einem Film über die Dreyfus-Affäre und das "verblödende Gift des Antisemitismus" wie es dort hieß.

"Unsre Republik hat in ihren Adern noch sehr wenig Republikanerblut. Unsere Republik ist umworben von Reaktionären jeden Schlages. In einer Umarmung, in einer Liebe, gewalttätig und sinnlos zugleich, in der sie - ersticken wird."

HANDOUT -  Heinrich George als Faust an der Volksbühne Berlin (undatiert 1926) am 21.09.2016 im Theatermuseum in Hannover (Niedersachsen). Das Theatermuseum zeigt vom 22.09. bis 11.12.2016 die Ausstellung «Heinrich George. Eine Begegnung» mit teils nie veröffentlichten Dokumenten. Zu sehen sind zahlreiche Fotografien, Dokumente und Objekte aus dem Privatbesitz der Schauspielerfamilie. Foto: Volksbühne Berlin/dpa (zu dpa "Schauspielstar und Nazi-Mitläufer - Schau über Heinrich George" vom 21.09.2016) Achtung Redaktionen: Verwendung nur zu redaktionellen Zwecken im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und bei vollständiger Nennung der Quelle: Volksbühne Berlin/dpa) | (Volksbühne Berlin)Heinrich George als Faust an der Volksbühne in Berlin (Volksbühne Berlin)

Georges Leib- und Magenrolle aber wurde Goethes Götz von Berlichingen, ein rebellischer Kraftprotz mit unübersehbar nationalen Zügen.: "So bringt uns die Gefahr zusammen. Lasst euch noch einmal schmecken, liebe Freunde, und vergessen auch das Trinken nit. Die Flasche ist bald leer, Herr Gott, die letzte, die allerletzte."

George dient sich den Nazis an

Noch galt George als Sympathisant der Kommunisten, da stellte er sich schon den Nazis zur Verfügung. Vier Wochen nach der sogenannten Machtergreifung - das Regime saß noch gar nicht fest im Sattel, warf aber schon die ersten Linken und Juden aus den Theatern - machte sich George mit ihm gemein. Er ließ sich einkaufen für einen Film, der nicht nur seinen persönlichen Sündenfall markiert, sondern auch von einem solchen handelt: in "Hitlerjunge Quex" spielt George einen kommunistischen Arbeiter, der den Verführungskünsten der Nazis erliegt.

"Wo sind Sie geboren?" 

"Na, in Berlin."

"Wo liegt'n das?"

"Anne Spree!"

"Anne Spree – jawoll. Aber wo? In welchem Land?" 

"In Deutschland natürlich."

"In Deutschland, jawoll – in unserm Deutschland."

Der Seitenwechsel lohnte sich. Vier Jahre nach "Hitlerjunge Quex" wurde Heinrich George zum Intendanten des Schiller-Theaters ernannt – und immer wieder stellte er sich für Propaganda-Auftritte zur Verfügung.

"Führer, du gabst uns das Signal zur Schlacht. Wir trugen deinen Willen im Sturmlauf zum Siege."

Tyrannische Väter, despotische Staatslenker, herrische Künstlergenies - das waren die Rollen, die George während des Dritten Reiches verkörperte. Manchmal durchaus berlinerisch gemütlich - aber die Brutalität lauerte im Hintergrund.

Schutzraum Schillertheater

Unentbehrlich war der Publikumsliebling George in zwei der wichtigsten NS-Propagandamachwerken, bei denen Veit Harlan Regie führte: Dem Hetzfilm "Jud Süß" und dem Durchhaltefilm "Kolberg", der den selbstmörderischen Untergang einer Stadt mit heroischem Glanz überzieht.

Währenddessen schuf George um sich herum eine Art Schutzraum: Das Schillertheater hielt er weitgehend frei vom Einfluss der NSDAP. Er verschaffte jüdischen Schauspielern Sondergenehmigungen und bewahrte Ensemblemitglieder vor dem Fronteinsatz. Trotzdem nahmen ihn kurz nach Kriegsende die Sowjets gefangen und internierten ihn im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen.

Dort starb Heinrich George im September 1946 an den Folgen der Haft – ein genialer Schauspieler, der sich öffentlich in den Dienst eines mörderischen Regimes gestellt und ihm im persönlichen Umfeld getrotzt hatte.

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Die Legende vom "Jud Süß"
(Deutschlandfunk Kultur, Zeitreisen, 15.04.2009)

Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" mit Puppen und Menschen
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 02.01.2005)

Heinrich George - Mensch aus Erde gemacht
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 15.07.1998)

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