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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.04.2019

Heiner Möllers: "Die Affäre Kießling"Als Homosexualität als unehrenhaft galt

Von Klaus Pokatzky

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Auf dem Foto sind Soldaten zu sehen des Wachbataillons, sie tragen eine graue Uniform und grüne Mützen, vor ihre Körper halten sie ihre Gewehre. (Ch. Links Verlag/Kay Nietfeld/dpa)
Stillgestanden: Lange tat sich nichts an Auffassung der Bundeswehr zu Homophobie in der Truppe (Ch. Links Verlag/Kay Nietfeld/dpa)

Homophobie im Heer hat eine lange Tradition. Einst entließ der Verteidigungsminister einen General unehrenhaft, weil er angeblich homosexuell war - der wehrte sich. Kühl und schmerzlich schreibt Heiner Möllers die Geschichte auf.

Wir schreiben das Jahr 1983. Einer unserer höchsten Militärs wird über Nacht abserviert, mit Schimpf und Schande in den Ruhestand gedrängt, nur weil er angeblich auf Männer steht. Er selber bestreitet das heftigst. Dann unternimmt der amtierende Verteidigungsminister samt seines Geheimdienstes – des Militärischen Abschirmdienstes – alles, um dem armen General doch noch irgendwelche Männer unterzujubeln.

Die Kölner Stricherszene wird so akribisch durchsucht wie wohl seit Hitlers Zeiten nicht mehr; ein zwielichtiger Schwulenaktivist wird aus der Schweiz eingeflogen und dem Minister als Zeuge zugeführt. Wer ist hier wirklich schwul, würde man sich fragen – wenn das Ganze ein Hollywood-Thriller aus den Achtzigerjahren wäre.

Homosexualität, ein Erpressungsgrund

War es aber nicht. "Die Affäre Kießling" hat sich genauso zugetragen. Ein General ist nicht verheiratet; bei irgendwelchen Bundeswehr-Saufereien entsteht das Gerücht, er sei schwul – damals, in Zeiten des Kalten Krieges, ein höchstrangiger Erpressungsgrund durch die Ostblock-Geheimdienste. Mit Manfred Wörner erleben wir einen Verteidigungsminister, der an diesem Thema einen neurotischen Narren gefressen hat, und der eine Horde von Untergebenen aufs Allerdilettantischste "ermitteln" lässt.

Doch das Opfer wehrt sich, es sucht die Öffentlichkeit. Günter Kießling ist "ein Ausnahmefall unter den Generalen und Admiralen der Bundeswehr", so Heiner Möllers: "intellektuell breit aufgestellt, klüger als andere, aber aufgrund seines Lebenswandels grundsätzlich einsam".

Am Ende präsentiert das Kölner Boulevardblatt "Express" einen schwulen Soldaten als seinen Doppelgänger in der Kölner Homoszene. So bekommt er dann doch noch seinen ehrenhaften Abschied. Heiner Möllers – Oberstleutnant der Luftwaffe und Militärhistoriker am "Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr" in Potsdam – beschreibt diese Geschichte mit allerkühlster Nüchternheit: mit schmerzlichen Zitaten aus den offiziellen Dokumenten und mit Einblick in den Nachlass Kießlings, der am 28. August 2009 starb.

Und er hat mit etlichen ehemaligen Weggefährten Kießlings gesprochen. So entsteht ein Sachbuch, das sich wie ein Politthriller liest, das aber auch das Leiden des Günter Kießling bis zu seinem Lebensende nicht unterschlägt: Schließlich hatten von seinen alten "Kameraden" kaum welche zu ihm gestanden.

Lange geduldet: Homophobie in der Bundeswehr

Vordergründig ist das eine Auseinandersetzung mit möglichem Schwulsein in der alten Bundeswehr. Tatsächlich aber wird damit auch der alten Bundesrepublik ein schmutziger Spiegel vorgehalten. Denkbar war dieser Skandal ja nur wegen einer gesellschaftsfähigen Homophobie, die aus der Nazizeit bruchlos ihren Weg nach Westdeutschland gefunden hatte – wo immer noch die verschärfte Fassung des Paragraphen 175 gegen die Schwulen galt, der unter Hitler Gesetz wurde, nicht die Fassung aus der Weimarer Republik.

Erst 1969 sorgte der damalige Bundesjustizminister und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann für eine Reform des Gesetzes. Bis dahin durfte sich kein Schwuler, der einst im KZ gesessen hatte, trauen, Wiedergutmachung zu beantragen – weil er sonst sich selbst wieder ins Visier der Sittenpolizei und der Justiz gebracht hätte.

Bis zur Wiedervereinigung dauerte es allerdings, dass 1994 der Paragraph 175, unter Bundeskanzler Helmut Kohl, ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde.

Die Bundeswehr brauchte noch ein paar Jahre länger; erst im Jahre 2000 wurde die truppeninterne Diskriminierung schwuler Soldaten beendet. Seitdem müssen etwaige Homophobe in Uniform mit disziplinarischen Folgen rechnen, wenn sie gegen schwule Kameraden hetzen und mittlerweile gibt es nicht nur schwule Bataillonskommandeure, sondern sogar den ersten Transgender-Kommandeur.

Das Buch von Heiner Möllers ist daher auch eine Pflichtlektüre für jeden, der wissen will, wie gut es uns heute geht: In Zeiten mit schwulen und lesbischen Ministern und Spitzenpolitikerinnen. Und nicht einmal der homophobe US-Vorgesetzte des General Kießlings bei der NATO in Belgien könnte heute noch die allerschlimmsten Warnleuchten anwerfen.

Zwar ist US-Präsident Donald Trump heftig bemüht, die Gendergerechtigkeit seines Vorgängers Obama in den US-Truppen zurückzufahren – doch selbst Trump hat einen offen schwulen Botschafter nach Berlin geschickt.

Heiner Möllers: Die Affäre Kießling
Ch. Links Verlag, Berlin 2019
368 Seiten, 25 EUR

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