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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 11.12.2017

Heimatstube Ostfriesland Wo die SPD noch über 50 Prozent liegt

Von Almuth Knigge

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Der schiefe Turm von Suurhusen (imago/blickwinkel)
Der Kirchturm in Saarhusen mag schief sein, aber die SPD-Basis steht hier seit Jahrzehnten wie eine eins. (imago/blickwinkel)

Mit einem Zweitstimmenanteil von 49,4 Prozent war Emden/Norden bei der letzten Bundestagswahl der stärkste Wahlkreis für die SPD. Wenn sich die Sozialdemokraten noch auf jemanden verlassen können dann auf die Ostfriesen. Das hat auch viel mit der Geschichte der Region zu tun.

Suurhusen, ein 1100 Seelen-Dorf kurz hinter Emden. Suurhusen ist bekannt dafür, dass hier der schiefste Turm der Welt steht – und nicht in Pisa. Das ist im Guinness-Buch der Rekorde schriftlich fixiert. Aber der Ostfriese macht da nicht viel Gewese drum. Er kümmert sich lieber, sagt Gerd Müller, um das Hier und jetzt.

"Ich sach das mal ganz einfach ausgedrückt, wir sind mehr für das tun nicht das reden, ne. Da stehen wir mehr zu."

Gerd Müller ist seit 33 Jahren der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Suurhusen.

"Ich bin seit 42 Jahren in der SPD und bin damals wegen Willy Brandt eingetreten."

Die SPD verzeichnet in Suurhusen und in den umliegenden Gemeinden seit Jahrzehnten immer Wahlergebnisse von 60 plus. 

Bayerische Verhältnisse

Genauso hoch ist der Altersdurchschnitt der Genossen.

"Ja, das kommt auch durch unsere Aktivitäten, weil wir sehr breit aufgestellt sind, alle Vorstandsmitglieder, die sind auch noch in der Kirchengemeinde aktiv, zum Beispiel im Sportverein, im Kaninchenzuchtverein, in der Feuerwehr und so weiter."

Gerd Müller hat vor ein paar Jahren die mittlerweile berühmte Suurhusener Rentnergang gegründet.

"Die Rentnergang ist aus unserem Ortsverein und hier mittlerweile sind wir fünf SPD Leute und die anderen sind nicht parteigebunden."

Mit elf Senioren kümmert er sich um das Dorf, repariert, baut – die Ortsschilder zum Beispiel. Oder die Dorfchronik vor der Kirche. Seit 20 Jahren fährt der SPD-Ortsverein auch zu Nikolaus mit der Kutsche durch das Dorf, beschenken die Kinder und besuchen die Alten, besser, die noch Älteren.

"Nu geiht dat los, das ist erst so ein bisschen huckelig."

Erich Ruhe, ebenfalls Genosse und Vorsitzender des Kaninchenzüchtereins, gibt den Weihnachtsmann. Ein Landwirt hat Pferd und Kutsche zur Verfügung gestellt, liebevoll geschmückt mit Tannengrün.  Als Fracht drei große Säcke voller Schokoladennikoläuse.

"Guck da hier, da stehen schon die ersten Kinder, wie die sich freuen."

Hier ist die SPD-Welt noch in Ordnung

Und die Genossen freuen sich auch. Hier ist die SPD-Welt noch in Ordnung. Ein Blick zurück:

Emden, am Abend des 15. Oktober, Landtagswahl in Niedersachen. Der Jubel nach der ersten Prognose – fast ungläubig, erleichtert.

Emden, ganz Ostfriesland, gilt als Hochburg der Sozialdemokratie. Auch bei der Bundestagswahl  erzielten die Genossen hier das bundesweit beste Ergebnis an Erst- und Zweitstimmen. Warum ist das so?

"Das hängt damit zusammen, dass hier natürlich viele Arbeiterfamilien früher gelebt haben, die Nachfahren haben immer rot gewählt und letztendlich sagt man hier ja auch, mit einem Augenzwinkern, so rot wie die Dächer ist auch die Gemeinde."

"Das kommt auch so ein bisschen vom Elternhaus her, wie der Vater – so wird ja gesprochen, und meistens geht man ja in die Fußstapfen rein, ne."

"Wir Menschen hier sind Arbeiter, wir haben die Werften hier gehabt, wir haben jetzt Volkswagen hier, deswegen wählen wir weiter SPD, die sind am besten für den Standort Emden."

"Ich kann als Arbeiter kein Schwarz wählen, Schwarz ist das Kapital genau wie gelb ist auch das Kapital – die nur was für die Obrigkeit macht."

Freiheitsliebend, so sieht sich der Ostfriese, ein bisschen renitent vielleicht.

"Also wir sind auf keinen Fall Ja-Sager, wir diskutieren auch gerne."

Die Zeit steht ein bisschen still

Auch die Wissenschaft hat sich an Erklärungen versucht, wie und warum Regionen zu Parteihochburgen werden – eine davon ist, dass die sozialen Strukturen hier noch weitgehend Bestand haben. Das heißt, die Zeit steht ein bisschen still. Das gilt auch für Suurhusen, aber das ist nett gemeint. Ein anderes Merkmal – es gibt kaum politisch Andersdenkende. Auch das trifft zu.

"Es gibt keinen CDU-Ortsverein hier."

Räumt Gerd Müller ein:

"Wir sagen immer, wenn wir nicht diskutieren können, dann kann ich auch zuhause bleiben und mir nen Spielfilm reinziehen. Aber wir mögen dann auch lieber mal irgendwas hart ausdiskutieren. Laden uns da manchmal auch Leute zu ein... nicht der unsere Meinung hat."

Dass Menschen ganz im Nordwesten sozialdemokratisch wählen, das sei in der DNA verwurzelt, sagen viele – zumindest ist es ein Teil der Erklärung. Im teils reformiert, teils lutherisch geprägten Ostfriesland gab es neben vielen schlechten Böden auch fruchtbare Marschböden, das heißt, einige wenige reiche Bauern – und viele Landarbeiter, die schlecht bezahlt und ausgebeutet wurden. 

Blättern in der politischen Geschichte 

Und gerade in Suurhusen ist diese Geschichte noch sehr lebendig, denn in Suurhusen wurde den Landarbeitern ein eigenes Museum gewidmet.

An dem Aufbau des Museums war Erwin Wenzel, auch ein Genosse, maßgeblich beteiligt. Er blättert in der politischen Geschichte Ostfrieslands. Wenzel war Geschichtslehrer, hat in Berlin Ende der 60er-Jahre am berühmten Otto-Suhr-Institut studiert. Seinen Kommilitonen hat er erstmal erklärt, wie grunddemokratisch Ostfriesland immer war. Feudalismus hat es hier nie gegeben.

Jantje Vis in Emden (picture alliance/dpa/Foto: Thorsten Helmerichs)Jantje Vis, das Mädchen mit dem Fischkorb, im Hafen von Emden. (picture alliance/dpa/Foto: Thorsten Helmerichs)
Erwin Wenzel kommt ins Erzählen. Die Geschichte der Landarbeiter ist heute noch bestimmen für die politischen Verhältnisse in der Region. Angefangen hat alles damit, dass sich nach 1918 eine Art Landarbeitergewerkschaft bildete. Vorher war das nicht erlaubt. Vorher war die Landarbeiterschaft  auch überwiegend konservativ.

"Aber so das Bewusstsein, wir sind wer, wir wollen wer sein, wir lassen uns das nicht mehr gefallen, entsteht sicher in dieser Zeit."

Die Kluft zwischen Bauern und Arbeitern wurde immer größer. Die Unzufriedenheit mündete in kleinen Streiks, erklärt Erwin Wenzel.

"Da haben die hier 14 Tage gestreikt in der Marsch und da haben sie vielleicht ´ne halbe Stunde mehr Mittagspause bekommen und sonst gar nichts und da haben sie die Erfahrung gemacht, das geht gar nicht, da sind wir falsch rangegangen wir müssen dann streiken, wenn die Bauern uns brauchen. Und das ist während der Erntezeit."

Funktionäre zogen von Dorf zu Dorf, die Hafenarbeiter im nahen Emden solidarisierten sich.

"Und dann hat es diesen großen Streik im August gegeben und der Funke war der Hunger."

Am Ende stand die Befreiung aus der Knechtschaft – darauf sind die Familien immer noch stolz.

"Dieser Stolz der war da, wir lassen uns diese Freiheit nicht nehmen."

Die Heimatstube der Sozialdemokratie

Und auch das ist ein Grund dafür, das Ostfriesland die Heimatstube der Sozialdemokratie genannt werden darf.

"Ja, woran liegt das, vielleicht ist das noch tradiert, weil die Alten – mein Opa, der ist Landarbeiter gewesen, der hat mir da auch immer erzählt. Und die Kinder und die Enkel erzählen das dann weiter. Also das ist auch eine Geschichte hier. Ein Narrativ, was hier im Kopf ist."

Gemütlich fährt die Kutsche mit dem Weihnachtsmann weiter durch das Dorf. Die Sozialdemokraten haben hier die Wertehoheit – das ist klar. Aber was muss passieren, dass das so bleibt?

"Ja, was soll man da sagen, die Bürgernähe muss mehr kommen, dass auch die Basis entscheiden kann."

Also Rückbesinnung auf alte Werte.

"Ja, würde ich sagen."

Zurück zur alten Arbeiter- und Gewerkschafts-SPD. 

"Ja, früher waren ja mehr… das waren alles einfache Arbeiter, die da in der Partei waren. Und jetzt sind das alles Doktors und Professoren. Prost."

"Man muss auch mal dran denken, ohne die Arbeiter würde die Wirtschaft ja nicht so brummen."

"…die Gewinne müssen gerechter verteilt werden."

"Ich meine, Gerecht verteilen werden sie nie, aber man muss sich dafür einsetzen, dass gerechter verteilt wird. Jetzt ist das auffällig, dass die Reichen immer reicher werden und die untere Gruppe wird immer ärmer."

Gerechtigkeit – der Wahlkampfslogan war richtig, der Kandidat auch – aber vielleicht nicht unbedingt die Parteispitze. Den Parteitagsbeschluss, ergebnisoffene Gespräche mit der CDU, den kann Gerd Müller mittragen – aber wenn es nach ihm geht – keine Große Koalition. Die Suurhusener Genossen haben ganz andere Vorstellungen.

"In vier Jahren 42 Prozent bei der Bundestagswahl. / Ich würde mir wünschen eine Minderheitsregierung und in zwei Jahren Neuwahlen. Das wäre was, oder nicht?"

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