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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.04.2013

Heimatroman mit Leichen

Regional-Krimis verkaufen sich ausgezeichnet

Von Tomas Fitzel

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Der Tatort: Regional-Krimis schauen hinter die Fassade der Idylle.  (Stock.XCHNG / Nate Nolting)
Der Tatort: Regional-Krimis schauen hinter die Fassade der Idylle. (Stock.XCHNG / Nate Nolting)

Gute Laune in der Buchbranche: Es werden so viele Regional-Krimis verlegt und gekauft wie nie zuvor. Böse Zungen behaupten, solche Krimis seien die Nachfolger des Heimatromans. Dabei gibt es vielfältige Gründe, sie zu lesen.

Peter Hammans: "Das was natürlich das Marketing und den Vertrieb umtreibt: was kommt nach dem Regio-Krimi?"

Er ist Lektor im Verlag Droemer/Knaur, einem der großen im Bereich der Unterhaltungsliteratur.

"Also eigentlich gehen wir bei unseren internen Planungen immer schon davon aus, dass der Zenit überschritten ist, bei dem Regio-Krimi, nur weiß keiner genau, was danach kommt."

Der langjährige Betreiber der Berliner Krimibuchhandlung Hammett, Christian Koch, sitzt im Publikum und widerspricht. Er glaubt nicht, dass der Regio-Krimi-Boom vorbei sei.

"Hier wird von einer Krise der Branche gesprochen, das halte ich für einen schlechten Witz. Das ist als ob ein Verein 12 Mal deutscher Meister und dann wird er nur zweiter."

Die Laune war gut und das ist ja nicht immer so in der Buchbranche. Inzwischen scheint es für jegliches Kundenbedürfnis den richtigen Krimi zu geben, immer neue Blüten treibt das Genre hervor.

"Also ich glaube, dass wir das so wahrnehmen, dass es für jeden Geschmack, Untergeschmack, Genre, Untergenre immer mehr gibt, liegt daran, es wird mehr verlegt, ich glaube genau diese Manuskripte gab es früher auch schon, sie wurden früher aber nicht oder weniger verlegt."

Auch dies wird von den anwesenden Lektoren berichtet: wurden sie früher mit Lyrik und Betroffenheitsliteratur bombardiert, sind heute die Mehrzahl der Manuskripte Krimis. Krimis verkaufen sich ausgezeichnet, seit sie erfolgreich das Image der Schundliteratur abgestreift haben. Gerade bei den Regional-Krimis reicht zudem oft schon die lokale Verankerung, um auch einen nur mittelmäßigen Geschichte trotzdem erfolgreich zu vermarkten.

Die einen lesen sie, weil sie ihre unmittelbare Nachbarschaft dort wiederfinden, andere, weil sie vielleicht gerade diese Region als Tourist besuchen wollen, oder die Region und deren lokale Besonderheiten exotisch und somit irgendwie auch ulkig finden. Aber reicht das schon, um diesen Boom der Regional-Krimis zu erklären? Ansatzweise näherte man sich auf dem Podium diesem Phänomen.

Peter Hammans: "Der Regionalkrimi ist ja auch ein Nachfolger des Heimatromans, das ist das eine, wo sehr viel kaschiert wird, Heimatroman ist ja igitt, aber Regional-Krimi kann man ja lesen. Das ist kein Vorwurf, nur analytisch."

Zum Heimatroman gehört aber unbedingt die Idylle und keineswegs ein Mordschauplatz, mein der Diskussionsteilnehmer Hejo Emons, einer erfolgreichsten Verleger von Regional-Krimis.

"Es gibt eine Verstörung, es gibt ein Rätsel, das wird am Ende wieder gelöst und das gibt einem das Gefühl ich lebe hier doch sicher in einer behüteten Umwelt."

Insofern sei der Regional-Krimi die Wiederherstellung der Idylle.

"Diese Heimatliteratur kommt dem entgegen, was in unserer Gesellschaft passiert, da gibt es den Rückzug ins Private, es gibt das Interesse an allem was mit Heimat zu tun hat, das kommt daher, dass es eine immer schwerer zu begreifende Welt ist, die ganze Vorgänge die wir Krise nennen, kapiert ja eh keiner und da gibt es einen Rückzug auf das, was man begreifen kann."

Dies würde für eine Entpolitisierung sprechen, der Buchhändler Christian Koch stellt aber genau das Gegenteil fest.

"Ich glaube, dass langsam mit ganz wenig Zuwachs, der aber stetig, der politisch, der gesellschaftskritische Roman im Kommen ist."

Der Regional-Krimi muss keineswegs unpolitisch sein, im Gegenteil.

"Ich hab grade einen lektoriert, Schnarrenberg heißt der",

erzählt eine Lektorin aus dem Emons Verlag.

"Und wer aus Tübingen kommt, weiß, was Schnarrenberg heißt, der Autor ist Patrick Brosi, das ist ein Krimi, der die Tübinger Politik mit benutzt und da werden Verbrechen aus den 50ern in der Nachfolge des Faschismus aufgearbeitet in den Kliniken die auf dem Schnarrenberg sind. Das ist so etwas Politisches, wahrscheinlich gibt es da ein paar Zeitungsartikel, aber es hat nicht Eingang gefunden in die große Literatur."

Dafür lassen sich unzählig andere Beispiel finden. Ob die Privatisierung der Wasserbetriebe, Stuttgart 21, die Treuhandanstalt, das Krimigenre greift erfolgreich politische Konfliktthemen auf. Diese Tendenz kann lässt sich mittlerweile in vielen Ländern beobachten. Überall dort wo die Presse aus unterschiedlichen Gründen ihren Auftrag der Aufklärung nicht mehr ausreichend erfüllen kann, tritt der Ermittler im Kriminalroman an deren Stelle. Deswegen ist vielleicht eher gegenwärtig das Magazin Der Spiegel in der Krise und weniger das Krimigenre.

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