Seit 15:05 Uhr Tonart

Dienstag, 17.09.2019
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 21.05.2015

Heilige Kuh in IndienDie geschundene Göttin

Von Margarethe Blümel

Podcast abonnieren
Drei Inderinnen in traditionellen Saris laufen auf einer Straße in Bangalore an einer Heiligen Kuh vorbei. (picture alliance / dpa )
Drei Inderinnen in traditionellen Saris laufen auf einer Straße in Bangalore an einer Heiligen Kuh vorbei. (picture alliance / dpa )

Die Kuh wird in Indien als Göttin verehrt und besungen, dennoch steht sie vernachlässigt auf den Straßen des Landes herum und wird sogar vielerorts verspeist. Indien und die Heilige Kuh – eine Beziehung so widersprüchlich wie das ganze Land.

Ein ganz gewöhnlicher Morgen auf der Hauptstraße von Munirka im Süden Delhis: An die hundert Verkehrsteilnehmer warten vor der Ampel auf das Grünsignal. In diesem vor Ungeduld bebenden, scheinbar unentwirrbaren Knäuel sind Pferdegespanne und Kamelkarren, Motorroller und Taxis ineinander verkeilt.

Wer das Ganze für ein Szenario ohne alle Regeln hält, wird bald eines Besseren belehrt: Sobald die Ampel auf Grün umschaltet, ziehen die Lastwagenfahrer vor. Es folgen die Busse, dann Kleinwagen aller Couleur, Taxis und Motorroller, schließlich die Kamel- und Pferdefuhrwerke. Ganz zum Schluss setzen sich die Radfahrer in Bewegung. In ihrem Schlepptau spurten ein paar beherzte Fußgänger über die Kreuzung.

Von alldem unberührt stehen etwa ein Dutzend Kühe mitten auf der Straße. Niemand kümmert sich um sie. Doch ausnahmslos alle umfahren die wie lebende Verkehrsinseln dastehenden heiligen Tiere, um nur ja nicht mit ihnen zu kollidieren.

Die meisten dieser heiligen Kühe sind klapperdürr und sie sehen elend aus.

"Auf unseren Straßen sieht man immer wieder herumstreunende Tiere. Und was besonders schmerzvoll ist – es sind sehr viele Kühe darunter."

Sagt der Tierarzt Dr. Vinod Sharma aus Gurgaon, einer Sattelitenstadt Neu-Delhis.

Ab und an löst sich eins der herumstehenden Tiere aus der Gruppe, um zum Straßenrand zu trotten, wo sich bereits einige der Artgenossinnen über den dort aufgetürmten Müll hermachen: Mango- und Bananenschalen, Aluschälchen mit Überbleibseln von Fettgebackenem, schimmeliges Fladenbrot und bunte, kleine Plastiktüten, die Reste von Curryspeisen, Zucker, gewürztem Linsenbrei oder Joghurt bergen. Viele Kühe sind so ausgehungert, dass sie in ihrer Gier die Plastiktüten herunterschlingen.

"Man sollte denken, dass wir diesen Tieren hier in Indien mit Liebe, mit Gefühl, begegneten. Aber sie irren über unsere Straßen, haben nichts zu essen, stehen mitten in der Sonne und können kaum ihren Durst löschen. Kühe sollten die Möglichkeit haben zu grasen! Stattdessen verbringen sie ihr Dasein in einer Betonwüste. Um irgendwie zu überleben, machen sie sich über die herumliegenden Plastiktüten her."

Mit fatalen Folgen: Oft kann Dr. Sharma die auf seinem OP-Tisch liegenden Tiere nur noch erlösen, weil sich die Plastiktüten im Magen aufgebläht haben und die Kühe unter unsäglichen Schmerzen leiden.

"Wer hier auf der Welt Frieden finden möchte, sollte sich mit der Kuh vertraut machen. Denn wie heißt es in den alten Schriften, in den Veden? Kühe sind Treppen zum Himmel und wir müssen lernen, wie man sich dieser Tiere annimmt."

Kranke, unfruchtbare oder behinderte Tiere

Sanjay Bashyam leitet eine Goshala, ein Kuhasyl, im Bundesstaat Rajasthan. Hier betreuen er und seine Mitarbeiter an die hundert Kühe - Tiere, die meist verstoßen wurden, weil sie krank, unfruchtbar, alt oder behindert sind. Sanjay Bashyams verstorbener Guru hatte seinen Anhängern immer wieder eingeschärft, sich dem Wohl der Kuh zu widmen - einer Spezies, die als Mutter des Universums und der Menschen gilt und von deren Bedeutung bereits diverse vedische Schöpfungsmythen zeugen.

"Unser Guru sagte: 'Wenn ihr Ruhe und Frieden auf dieser Erde sucht, dann wendet euch den Kühen zu. Umsorgt sie, begegnet ihnen mit Liebe!' Wir haben uns das zu Herzen genommen. Was wir anstreben ist, allen Kühen, die in unseren Städten leben, einen Hort zu verschaffen, an dem man sich um sie kümmert."

Die Kuh, betont der Betreiber der Goshala, sei das nützlichste Geschöpf der ganzen Welt und sie revanchiere sich für den Respekt, den die Gläubigen ihr bezeugten.

"Die Kuh macht uns fünf Geschenke: ihren Urin, der unter anderem in der Volksmedizin Anwendung findet. Ihren Dung, einen der wichtigsten Brennstoffe im ganzen Land. Dann gibt sie uns ihre Milch, sie versorgt uns mit Joghurt und mit Butter. Die fünf heiligen Produkte der Kuh schenken uns Gesundheit! In den letzten drei-, viertausend Jahren ist das Wissen um diese Dinge leider etwas verblasst. Aber wer sich umfassend mit alldem beschäftigt und sich das Ganze dann zu eigen macht, der kann in die sieben Galaxien des Bewusstseins eingehen!"

Auf einer großen Wiese, die zur Goshala gehört, wächst saftiges, üppig - grünes Gras, das jeden Tag frisch für die hier lebenden Kühe geschnitten wird.

Die Tiere sehen gut genährt aus. Sie haben einen großen Auslauf und einen geräumigen Stall. Nicht nur für ihr leibliches, auch für ihr spirituelles Wohlbefinden wird gesorgt: Um die Kühe froh zu stimmen, dringen aus den Lautsprechern in den Stallungen von morgens bis abends Bhajans, ausgesuchte religiöse Lieder.

In einem kleinen Tempel gleich nebenan werden die Schützlinge als Beschützerinnen verehrt. Gläubige betätigen die Glocke über der Eintrittspforte, um der Kuh, der Urmutter, ihren Besuch anzukündigen. Viele sprechen ihre Bitten und Gebete an die große Göttin lautlos. Sie bewegen die Lippen, während sie den mit Blattgold verzierten Altar umrunden. Am Ende nehmen sie vom Priester die von ihnen geopferten Früchte und Süßigkeiten als Prasad, als "geweihte Speise" in Empfang.

Im Tempel singt man der Kuh zu Ehren Hymnen und fleht sie um ihren Segen an. Im Stall dieser Goshalas umgibt man die Tiere mit spiritueller Musik und liest ihnen jeden Wunsch von den Augen ab. Und bei alldem zieht man aus dem Objekt seiner Verehrung auch finanziellen Nutzen.

"Weil der Urin der Kuh für medizinische Produkte verwendet wird, kann er Ihnen pro Tag und Tier leicht zweihundert Rupien einbringen. Kühe sind intelligent und anpassungsfähig. Sie können sie darauf trainieren, jeden Tag zur gleichen Zeit ihr Wasser zu lassen. Und dann bringen Sie den Harn zu einer offiziellen Abgabestelle und bekommen dort Ihr Geld. Warum auch nicht? Sonst landet das Ganze ja doch nur auf der Straße!"

Tiere an einem Abfallhaufen in einem Slum in Kalkutta (Kolkata). Kühe laufen einem in den Slums ständig über den Weg. Entweder als hinduistische, heilige Variante oder als muslimisches Schlachtvieh.  (picture alliance / dpa / Denis Meyer)Eine Kuh und ein Kalb fressen von einem Abfallhaufen in einem Slum in Kalkutta (picture alliance / dpa / Denis Meyer)
Manchmal werden die Gnadenhöfe für Kühe auch von Jainas geführt, Mitgliedern einer religiösen Gruppierung, die neben Buddhisten und Hindus zu den ältesten Religionsgemeinschaften Indiens gehört. Anil Jain von der Kulturstiftung Ahimsa Foundation in Neu-Delhi:

"Wir setzen uns dafür ein, dass Kühe nicht geschlachtet werden. Molkereien und Bauern, deren Kühe keine Milch mehr geben, verkaufen diese Tiere an Zwischenhändler, die sie zum Schlachthof bringen. Wir sind völlig gegen solche Praktiken! Wir haben unsere Leute, die die Kühe auf dem Weg zum Schlachthof abfangen.

Sie kommen in ein Schutzzentrum, wo sie bis zu ihrem natürlichen Ende gepflegt und gefüttert werden. In Rajasthan zum Beispiel haben wir einen großen Tempel, dem eine solche Goshala, ein 'Kuh-Haus', angeschlossen ist. Hier leben um die zehntausend Rinder und Kühe, die keine Milch mehr geben. Wir Jainas lehnen es übrigens auch ab, in irgendeiner Form wirtschaftlichen Nutzen aus den Tieren zu ziehen. Was zählt ist, dass wir unsere religiösen Werte in die Tat umsetzen."

Während der Zeit der britischen Kolonialherrschaft wurde der Schutz der Kuh zum Symbol der nationalen und religiösen Solidarität gegen die fremden Herren. Dabei spielte die Ideologie Mahatma Gandhis eine große Rolle.

"Jeder Inder ist auf diese oder jene Weise mit dem Gedankengut Mahatma Gandhis vertraut."

Sagt der Anthropologe Professor Vinesh Srivastha.

"Wir berufen uns also auf seine Ideologie. Aber das Ganze bleibt doch ziemlich theoretisch. In Gandhis Heimatstaat Gujarat dagegen werden seine Leitlinien bis heute sehr viel eher umgesetzt. Und da der Mahatma Kühen ausgesprochen zugeneigt war und er sich für ihre Versorgung eingesetzt hat, gibt es in Gujarat besonders viele Goshalas."

Futterplätze für streunende Kühe

Doch auch in anderen Teilen Indiens wird die Verehrung der Kuh trotz der weit verbreiteten Vernachlässigung immer wieder deutlich. In vielen Tempeln des Landes platzieren die Priester morgens, kurz bevor sie die Tore öffnen, eine Kuh vor das Portal, damit der Blick der Gottheit als erstes auf dieses heilige Tier fällt.

Viele Hindus unterhalten zudem in ihrem Wohnbezirk Futterplätze für streunende Kühe. Wie hier, in Delhis Nobelviertel Defence Colony. Morgens und kurz vor Anbruch der Dämmerung schwärmen die Hausmädchen auf Weisung ihrer Arbeitgeber mit Beuteln voller kleingeschnittenem Gemüse und Fladenbroten aus.

Am Rand der saubergefegten und von hohen Bäumen gesäumten Straßen deponieren sie ihre Mitbringsel, die dann an Ort und Stelle gierig verschlungen werden. Die Kühe lernen schnell, wann und wo sie die ihnen zugedachten Mahlzeiten vorfinden. So begeben sich zum Beispiel in Delhi morgens und abends oft ganze Kolonnen von Kühen an eben diese Orte, um dort ihren Hunger zu stillen.

Alles in allem aber ist es mit der weitverbreiteten Ansicht, alle Hindus verehrten Kühe, nicht weit her. Denn es gibt weder verbindliche religiöse Texte für die Gesamtheit der Hindus noch eine einheitliche Doktrin. Neben den Gläubigen, die Kühe verehren und wieder anderen, die diesen Tieren gleichgültig gegenüberstehen, gibt es eine weitere Gruppe - Hindus, die Kühe essen.

Eine Kuh geht am 21.07.2004 über eine Straße in Chennai, dem früheren Madras, Indien. (picture alliance / dpa / Peer Grimm)Eine Kuh läuft auf einer Straße in Chennai, dem früheren Madras. (picture alliance / dpa / Peer Grimm)
Etwa im südindischen Kerala, wo Rindfleisch besonders häufig auf den Speisekarten der Restaurants zu finden ist und selbst einige Brahmanen die heiligen Tiere verspeisen. Außerdem nehmen in ganz Indien die sogenannten "Unberührbaren", die kastenlosen Dalits, Rindfleisch zu sich.

Desgleichen etliche der gebildeteren und weltoffenen Hindus. Was also gilt die sogenannte heilige Kuh wirklich in ihrem Land? Bevor die Commonwealth Games 2010 in Indien ausgetragen wurden, beauftragte die Regierung Kuhfänger damit, die streunenden Tiere von der Straße zu holen. Nach offizieller Lesart sollten die Kühe dann in staatlichen Tierheimen ihren Lebensabend verbringen. Für die meisten von ihnen aber ging die Reise schon bald weiter: Sie wurden von Molkereibesitzern, die ihre Beziehungen in die Politik zu nutzen wussten, abgeholt, um gemolken oder geschlachtet zu werden.

"Ein weiterer Widerspruch zeigt sich dann, wenn Kühe irgendwo zusammenbrechen und ihr Leben aushauchen. Es kann geschehen, dass man sie den Geiern überlässt oder, ebenso schlimm, dass man ihnen die Haut abzieht und den Rest des Körpers einfach liegen lässt. Dies widerfährt derart wundervollen Tieren, die nach hinduistischer Tradition verbrannt werden sollten."

Nicht nur das, sondern auch die Tatsache, dass Kühe geschlachtet und verwertet werden, diskutieren orthodoxe Hindus immer wieder in Leserbriefen und Onlineforen.

In vielen indischen Bundesstaaten ist das Töten von Kühen gesetzlich verboten. Andere Bundesländer scheren aus, indem sie zugunsten der Muslime zeitlich begrenzt Konzessionen machen. Wieder andere gestatten die Schlachtung älterer und verletzter Tiere, während es zum Beispiel in Kerala und Nagaland überhaupt keine Regelung hierzu gibt.

Wie lebende Verkehrsinseln auf der Hauptstraße

Kühe aus Landesteilen, in denen ein Schlachtverbot besteht, werden von Viehtreibern oft ohne Futter Tausende von Kilometern bis ins nächste Bundesland getrieben. Dort flößt man ihnen große Mengen Wasser ein, um ihr Schlachtgewicht zu erhöhen.

Die klapperdürren Kühe, die wie lebende Verkehrsinseln auf der Hauptstraße von Munirka im Süden Delhis stehen, werden wohl auch in Zukunft im Müll nach Essbarem wühlen müssen. Während diejenigen unter ihnen, welche die Plastiktüten mit den Essensresten mitverschlungen haben, unter Umständen auf dem OP-Tisch eines Tierarztes wie Dr. Sharma enden.

Aus der religiösen Sicht Professor Srivasthas ist die Kuh das verehrungswürdigste Wesen auf der ganzen Welt. Doch die Kuh und ihre Anhänger, sagt der Anthropologe, hätten es in Indien zunehmend schwerer. Der wirtschaftliche Aufschwung des Landes und der Blick in den Westen täten ein Übriges, dieser alten religiösen Tradition den Dolchstoß zu versetzen.

"Lassen wir die Hindunationalisten einmal außen vor, weil sie ihre ureigenen Motive dafür haben, sich das Wohl der Kühe auf die Fahnen zu schreiben. Während wir, die Verehrer der Kuh, genuin daran interessiert sind, diese spirituellen Überlieferungen weiter zu verbreiten. Wir möchten, dass Kühe die Wertschätzung erhalten, die ihnen zusteht. Denn von vielen Hindus wird die Kuh zwar vielleicht vage als Mutter wahrgenommen, doch am Ende mangelt es am nötigen Respekt. Und aus unserer Sicht ist es deshalb an der Zeit, diesen Missstand zu beheben."

Mehr zum Thema:

"Rosa Revolution" - Indien verspeist seine Heiligen Kühe
(Deutschlandradio Kultur, Mahlzeit, 26.09.2014)

Weltzeit

Neuwahl in IsraelDer Unmut über die Strengreligiösen
Orthodoxe Juden beten an der Klagemauer in Jerusalem (picture alliance / Winfried Rothermel)

Premier Benjamin Netanjahu steht unter Druck. Nach den Wahlen im Mai konnte er keine Koalition bilden, weshalb die Israelis morgen zur Neuwahl gerufen sind. Netanjahu muss gewinnen, sonst landet er voraussichtlich im Gefängnis. Wegen Korruption.Mehr

AfghanistanSafran statt Opium
Eine lilafarbene Safran-Pflanze steht auf einem Feld. (picture-alliance/ dpa / epa Altaf Qadri)

Die Opiumproduktion in Afghanistan ist eine wichtige Geldquelle für die Taliban. Was wäre, wenn die Bauern Safran statt Schlafmohn anbauen würden? Sie hätten eine neue Verdienstmöglichkeit und Perspektive. Aber auch davon würden die Taliban profitieren. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur