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Religionen | Beitrag vom 24.12.2020

Heiligabend in der PandemieHoffnung schöpfen im Corona-Lockdown

Moderation: Christopher Ricke

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Junge und alte Hände halten sich, Großmutter und Enkelkind. (Getty Images / E+ / Mario Guti)
Wie halten wir Kontakt in pandemischen Zeiten? Nähe ermöglichen und Ansteckung verhindern, das ist ein immer wieder neu zu meisternder Balanceakt. (Getty Images / E+ / Mario Guti)

Was bleibt vom Weihnachtsfest im Lockdown? Wie kommen wir am besten zurecht mit Abstandsregeln, Einsamkeit und der Sorge, uns selbst oder andere anzustecken? Ein Gespräch mit der Ärztin Meryam Schouler-Ocak und Jesuitenpater Klaus Mertes.

Weihnachten in der Coronapandemie wird nicht das Fest sein, das sich viele Menschen in Deutschland gewünscht haben. Gemeinsam feiern, das ist trotz vorübergehender Lockerungen der Schutzmaßnahmen kaum möglich. Viele Kinder können nicht zu den Großeltern, jede Familienzusammenkunft droht zum Infektions-Hotspot zu werden.

Menschliche Nähe in Zeiten des Abstands

Während Hygieneregeln und Kontaktverbote lieb gewonnene Traditionen unterbrechen, kämpfen Ärztinnen und Ärzte auf Intensivstationen um das Überleben von schwer erkrankten Covid-19-Infizierten. Abstand halten ist daher das Gebot der Stunde.

Aber wie steht es in diesen Zeiten um die menschliche Pflicht, Kranke zu besuchen und Sterbenden die Hand zu halten? Wie wichtig ist Nähe gerade jetzt für sie? "Sie ist unverzichtbar wichtig", sagt der Jesuitenpater und Seelsorger Klaus Mertes.

"Ich finde, dass es ein Teil der menschlichen Würde ist, in den Armen eines anderen Menschen sterben zu dürfen – begleitet vielleicht auch mit den Worten, die in dieser Stunde nochmal das Herz erreichen –, in der Erfahrung von Geborgenheit und Nähe."

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Was aber, wenn ein Krankenhaus oder Pflegeheim wegen der Pandemie gar keine Besuche mehr erlauben will? Es komme auf die genauen Umstände an, meint die Professorin für Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie Meryam Schouler-Ocak.

Ansteckungsgefahr erschwert Abschied von Sterbenden

Wenn jemand akut im Sterben liege, sollte es auch erlaubt werden, dass eine nahestehende Person ihm oder ihr die Hand halte und Zuspruch gebe, so Schouler-Ocak, vorausgesetzt, alle erforderlichen Hygienemaßnahmen würden dabei eingehalten. Diese Nähe zu ermöglichen sei auch im Sinne der Angehörigen.

"Es ist wichtig, dass wir Abschied nehmen können, dass wir unsere Liebsten ein letztes Mal sehen dürfen, auch im wahrsten Sinne des Wortes Streicheleinheiten austauschen können. Das tut uns gut aber auch denen, die uns verlassen."

Porträt der Psychiaterin Meryam Schouler-Ocak in einer sportlichen schwarzen Freizeitjacke vor grauem Hintergrund (privat)Schauen, was dem Menschen guttut: Wie Angst am wirksamsten zu behandeln sei, hänge von individuellen Erfahrungen der Betroffenen ab, sagt die Ärztin Meryam Schouler-Ocak. (privat)

In der Zeit der Pandemie sei aber besonders sorgfältig abzuwägen, ob der Sterbeprozess durch eine mögliche Infektion beschleunigt werden oder noch qualvoller verlaufen könnte, unterstreicht Schouler-Ocak. Außerdem müssten geeignete Rahmenbedingungen sicherstellen, dass Besuche stattfinden können, "ohne eine Infektion in die Einrichtungen zu tragen". Corona-Schnelltests könnten dazu künftig einen Beitrag leisten, hofft die Oberärztin.

Gottesdienste im Freien, Singen per Videokonferenz

Nähe ermöglichen, wo Menschen auf sie angewiesen sind, aber die Ausbreitung des Virus eindämmen – diese Balance zu finden, ist nicht einfach. Hat die Gesellschaft dabei seit dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr dazugelernt? Im Mai erhob die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht (CDU), noch schwere Vorwürfe gegen die Kirchen: Während der ersten Infektionswelle hätten sie Hunderttausende Menschen alleingelassen – Kranke, Einsame, Alte, Sterbende.

So pauschal will Klaus Mertes diese Anklage nicht gelten lassen. Er kenne viele Seelsorgerinnen und Seelsorger, die sich in dieser Zeit von morgens bis abends engagiert hätten. "Aber die haben keine Kamera dabei laufen", so Mertes, "und sie machen auch nicht parallel dazu Öffentlichkeitsarbeit." Was ihn jedoch persönlich enttäuscht habe, sei ein Mangel an Fantasie, der dazu geführt habe, dass das Gemeindeleben vielerorts brach lag, obwohl Alternativen möglich gewesen wären: zum Beispiel Ostergottesdienste im Freien.

Meryam Schouler-Ocak findet es allerdings ermutigend, wie viele kreative Lösungen seither erprobt worden seien: "Was die IT-Entwicklung angeht, haben wir einen richtigen Sprung nach vorne gemacht." Ohne die Pandemie wäre es dazu wahrscheinlich nicht gekommen, sagt Schouler-Ocak. Zwar könnten etwa Online-Gottesdienste eine direkte Begegnung nicht ersetzen, dennoch sehe sie darin eine Chance: "Die seelische Nähe ist doch da, man könnte gemeinsam singen, gemeinsam zelebrieren und so weiter."

Gesetzliche Feiertage auch für Juden und Muslime

Dass die Politik die Kontaktbeschränkungen nun zu Weihnachten etwas lockert ist nicht unumstritten. Kritik entzündet sich nicht zuletzt daran, dass auf Feste anderer großer Glaubensgemeinschaften nicht in ähnlicher Weise Rücksicht genommen wurde. Kommt darin eine Schieflage zum Ausdruck, die unserer pluralen, von vielen unterschiedlichen Überzeugungen und religiösen Bekenntnissen geprägten Gesellschaft auch in der Zeit vor Corona schon nicht mehr gerecht wurde? Gesetzliche Feiertage, soweit sie religiös begründet sind, haben alle einen christlichen Hintergrund. Jüdische oder islamische Feste bleiben dabei außen vor.

Porträt des Jesuitenpaters Klaus Mertes im dunklen Sakko mit hellblauem offenem Hemd (pro / Norbert Schäfer)Worte, die das Herz erreichen: Für die Begleitung Sterbender sei menschliche Nähe unverzichtbar, betont der Jesuitenpater und Seelsorger Klaus Mertes. (pro / Norbert Schäfer)

Klaus Mertes sieht darin eine gewachsene Tradition, die gar nicht ohne weiteres durch staatliche Verordnungen geändert werden könnte. Meryam Schouler-Ocak, die in der Türkei geboren wurde und sich selbst als moderate Muslima versteht, plädiert dagegen dafür, wenigstens einige hohe Feste des Judentums und des Islams ebenfalls zu offiziellen Feiertagen zu erklären und Gläubige, die sie feiern möchten, von der Arbeit freizustellen.

Ein solcher Schritt wäre auch ein Beitrag zur Integration und könnte der zunehmenden Politisierung von Religionen entgegenwirken, sagt Schouler-Ocak: "Wenn man vom Islam redet, kommt gleich die Assoziation 'Islamist', 'Terrorist', und so weiter." Das liege auch daran, dass über die Lebensweise moderater Muslime in der übrigen Bevölkerung kaum etwas bekannt sei. Nicht zuletzt wäre die Einführung nichtchristlicher Feiertage ein Zeichen der Anerkennung: "Ich glaube, viele Menschen fänden es wichtig, dass ihre Religion respektiert wird, auch wenn sie nicht orthodox leben."

Geltung der Menschenrechte darf keine Frage von Kultur sein

Die Frage nach dem Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen steht auch im Zentrum zweier Schwerpunktthemen, die sich das Deutschlandradio für seine drei Programme gesetzt hat. In diesem Jahr lautete dieses Denkfabrik-Thema "Eine Welt 2.0 – dekolonisiert euch!", 2021 steht "Die Suche nach dem Wir" im Mittelpunkt. Klaus Mertes beobachtet zurzeit mit Sorge, wie rechte politische Bewegungen ein "Wir" konstruieren, das auf Abgrenzung gegen Fremdes setze, und dabei verbindliche gesellschaftliche Werte aufweichen.

"Die haben ja diesen verführerischen Begriff 'Multiethnismus'. Das heißt, im Prinzip sagen die: Naja, die arabischen Kulturen, in Saudi Arabien sollen sie die Frau unterdrücken, sie sollen das aber nicht bei uns machen. Und dann werden allgemein relevante Werte, universale Geltungsansprüche plötzlich Identitätsfaktoren für eine Kultur."

Gegen solche Bestrebungen müsse der Anspruch verteidigt werden, dass bestimmte Rechte weltweit für alle Menschen gelten, so Mertes: "Kulturen müssen kritisierbar bleiben vor dem Hintergrund universalisierbarer Werte, die etwas mit der Menschenwürde zu tun haben. Wenn man aber wiederum sagt, dass das Geltendmachen von universellen Menschenrechten ein Ausdruck aggressiver Kultur ist, dann gibt es tatsächlich keine Möglichkeit mehr zur kulturübergreifenden Formulierung eines ‚Wir‘."

Kleine Dinge geben Zuversicht

Im Alltag der Coronapandemie geht das "Wir" derzeit so manchen von uns ganz buchstäblich verloren. Kontakte können nur noch eingeschränkt gepflegt werden. Familien, Freundschaften und persönliche Netzwerke durchlaufen einen Stresstest. Das Risiko, sich oder andere anzustecken, macht vielen Menschen Angst. Hinzu kommt die Sorge um Kinder, Eltern, Partner oder andere nahestehende Personen – und nicht zuletzt die bange Frage, wie stark die Pandemie unsere berufliche Existenz in Frage stellt.

"Wir beobachten eine Zunahme der Angststörungen", sagt Meryam Schouler-Ocak. Aus therapeutischer Sicht komme es ihr darauf an, genau zu ergründen, woher die Angst im Einzelfall rühre, und ob sie medizinisch, gegebenenfalls auch mit Medikamenten, behandelt werden müsse. Oft reiche psychotherapeutische Hilfe aus. Im Gespräch achte sie ganz besonders darauf, was dem jeweiligen Menschen guttue und Kraft spende, um Zuversicht zurückzugewinnen. Dafür könnten auch religiöse Erfahrungen eine wertvolle Ressource sein.

Entscheidend sei aus ihrer Sicht, dass es gelinge, einen Perspektivwechsel einzunehmen und neben – zum Teil sicherlich auch berechtigten – Ängsten und Sorgen auch Positives, Ermutigendes zu sehen. Klaus Mertes empfiehlt dafür eine klassische Dankbarkeitsübung.

"Jeden Abend sich eine Viertelstunde Zeit nehmen und überlegen: Wofür kann ich heute dankbar sein? Selbst wenn der ganze Tag schrecklich war. Es sind die kleinen Dinge, die wichtig sind und die aber große Zuversicht geben, wenn ich sie sehe. Vielleicht ist das übrigens auch ein weihnachtlicher Gedanke: Der Messias, der kommt, ist am Ende ein Säugling in der Krippe und eben nicht so ein mächtiger Welterlöser, der die Mechanik auf dem Globus richtigstellt, sodass alles in Ordnung ist."

(fka)

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