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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.12.2012

"Heilig ist mir vor allem das Hinhören können"

Was mir heilig ist: Ingrid Caven

Von Susanne von Schenck

Die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven auf dem Filmfest in München (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Die Sängerin und Schauspielerin Ingrid Caven auf dem Filmfest in München (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Die Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven stand in zahlreichen Filmen vor der Kamera und feierte in den 1970er-Jahren auch als Chanson-Sängerin Erfolge. Heilig sind für sie die alten Rituale ihrer Kindheit, auch wenn sie sich nicht mit einer Religion identifiziert.

Heilig ist mir vor allem das hinhören können. Hinhören. Auch auf die Pausen, auf die Pausen in der Musik.

Die alten Rituale, die man so als Kind mitgemacht hat, mit Begeisterung gefeiert hat - bei uns war jedes Fest mit Musik verbunden, und das war feierlich und spirituell und diese spirituelle Seite, ich denke, die wird mich nie verlassen. Aber ich kann mich nicht mit einer Religion identifizieren. Ich kann mich mit Fragen identifizieren oder mit so ‘ner fragenden Haltung identifizieren oder mit Stille und Langsamkeit.

"Heiligabend 1943, im hohen Norden an der Ostseeküste. ... Der Kutscher .... öffnet die niedrige Tür des Schlittens, hilft dem kleinen Mädchen, den Fuß auf den Boden zu setzen; der Wachposten ist vorgegangen, hält ihr die Tür der Baracke auf, sie steigt zwei Holzstufen hinauf,... zwei junge Matrosen eskortieren sie zu einem schmalen Podest mit zwei Tannenbäumen an den Seiten und einer großen, dunklen Fahnen im Hintergrund...: sie beginnt, Stille Nacht, Heilige Nacht zu singen, mit einer wunderbaren Stimme, einer Traumstimme.
(Jean-Jaques Schuhl, Ingrid Caven)


Einmal katholisch, immer katholisch. Aber ich bilde mir nicht ein, alles zu wissen und ich bilde mir auch nicht ein, dass wir jemals alles wissen können. Und ich denke, jeder lebendige Winzakt ist so was Geheimnisvolles, und man kann es nicht verstehen und nicht begreifen.

Der Rainer gehört zu meinen engsten Familienmitgliedern, war ja nicht nur mein Mann, sondern lebenslang intimer Freund. Wir haben auch sehr viele Ähnlichkeiten gehabt, das ist normal. Als Rainer gestorben ist in der Nacht, als ich das gehört hab, hab ich geträumt, dass mir etwas aus dem Arm herausgeschnitten wird. Und er hat ja auch gesagt, wenn es so was gibt wie Wahlverwandtschaft, dann hatte ich das mit meiner Frau. Das ist so, das ist vielleicht unerklärlich, aber nicht für uns beide war es nicht unerklärlich.

Es läuft doch alles über das Internetraster, diese ganzen Begegnungen und so weiter. Das ist viel aufdringlicher im Moment, alle Menschen mit den Apparaten überall. Das ist die große Veränderung. Und wenn dann jemand nicht mit den Apparaten rumläuft, das fällt mir auf.

Das ist sehr schwierig heutzutage bei sich selbst zu sein und offen zu sein anderen gegenüber, der Welt gegenüber. Das ist alles was mich interessiert und das hat mit spiritueller Haltung mindestens so viel zu tun wie die dialogisch fundierten Religionen. Ich geb’ mich bestimmt nicht zufrieden, mit dem, was man mir als Realität vorspielt, das ist sicher. Aber ich lass sie auch nicht außer acht.

Es gibt in einem Lied von Enzensberger: "Vielen Dank für die Wolken, vielen Dank für das wohltemperierte Klavier, vielen Dank für die Winterstiefel auch, vielen Dank für mein seltsames Gehirn, vielen Dank für den Anfang und das Ende und für die wenigen Minuten dazwischen auch. Dankeschön."

Über Ingrid Caven:
Sie stammt aus dem Saarland, studierte Psychologie und Pädagogik. Vielleicht wäre sie Lehrerin geworden, wenn nicht Rainer Werner Fassbinder sie 1967 für die Bühne entdeckt hätte: Ingrid Caven. Die Schauspielerin und Sängerin war zwei Jahre mit Fassbinder verheiratet und spielte in mehreren seiner Filme mit. In den 1970er-Jahren feierte sie auch als Chansoniere Erfolge, vor allem in Frankreich. Dort sah man in ihr eine Mischung aus Edith Piaf und Marlene Dietrich. Heute lebt Ingrid Caven mit dem französischen Schriftsteller Jean-Jacques Schuhl zusammen. Der schrieb im Jahr 2000 über sie den mit dem Goncourtpreis ausgezeichneten Roman "Ingrid Caven".

Serie im Überblick:
"Was mir heilig ist" - Prominente geben Antwort

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