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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.05.2019

"Heerlager der Heiligen" in RecklinghausenWie rechtsradikale Gedankenwelten entstehen

Von Stefan Keim

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Szenenausschnitt der Aufführung "Das Heerlager der Heiligen" von Jean Raispail bei den Ruhrfestspielen 2019 in der Regie von Hermann Schmidt-Rahmer, bei dem an einer langen gedeckten Tafel vier Männer und zwei Frauen sitzen. Über ihnen im Hintergrund hängt ein Banner mit der Inschrift in alten Lettern "Once upon a time in Europe". (Robert_Schittko_Copyright)
Szenenausschnitt der Aufführung "Das Heerlager der Heiligen" von Jean Raispail bei den Ruhrfestspielen 2019 in der Regie von Hermann Schmidt-Rahmer (Robert_Schittko_Copyright)

Ruhrfestspiele, Recklinghausen: Hier gelingt eine der überzeugendsten Annäherungen des Theaters an das Denken und Fühlen der radikalen Rechten. Die Inszenierung von "Das Heerlager der Heiligen" ist ein erster Höhepunkt.

"Poesie und Politik" - so lautet das Motto der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Es ist das erste Jahr der Intendanz von Olaf Kröck, der einiges verändert hat. Die Reihe der Uraufführungen und das Fringe Festival sind gestrichen, dafür sollen die inhaltliche Konturen schärfer werden. Am Eröffnungswochenende gab es drei Premieren und - auch das ist neu - eine Eröffnungsrede durch die Schriftstellerin Judith Schalansky.

Eine alte Frau steht an einem riesigen Tisch. Sie bereitet ein Essen für tausend Leute zu. Einige Tänzer und Musiker helfen ihr. Die Performance "Beytna" des libanesischen Choreographen Omar Rajeh beginnt unspektakulär: Schließlich greifen die Musiker zu ihren Instrumenten, und es gibt einige Tanzszenen. Besonders originell sind die Choreographien nicht, eine Stunde lang wirkt das Stück belanglos und folkloristisch. Dann laden die Tänzer das Publikum auf die Bühne ein.

Das Essen wird verteilt, und nun ändert sich die Stimmung. Es entsteht eine fröhliche Party, dann drängeln sich die Tänzer durch die Besucher, schaffen sich Raum, der Tisch wird verschoben, die Musiker spielen. Der Titel "Beytna" bedeutet im Libanon eine Einladung. So ist die Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele zu verstehen, als Geste der Gemeinschaft.

Die Zahl der Aufführungen, die in Recklinghausen Premiere haben, ist im Gegensatz zu den Vorjahren stark reduziert. Das Festival ist eine Woche kürzer, weil einer der Hauptsponsoren sein Engagement zurück gefahren hat. Dafür ist das Profil des Programms schärfer und hat einen klaren politischen Akzent.

Inszenierung zeigt Probleme der Debatten mit Rechtspopulisten

So auch die erste Schauspielpremiere, eine Bühnenfassung des umstrittenen Romans "Das Heerlager der Heiligen". Der heute 93-jährige Monarchist Jean Raspail hat 1973 eine derbe Satire auf ein handlungsunfähiges, von seinen Selbstzweifeln gelähmtes Europa veröffentlicht. Hundert Schiffe voller Geflüchteter landen in Südfrankreich und überfluten das Land.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer und Dramaturgin Maron Tiedtke konzentrieren sich auf die Frage, wie rechtsradikale Gedankenwelten entstehen. Jean Raspail beschreibt die Sexualität der Fremden und die Kampfeslust einiger Franzosen mit stark erotischen Untertönen und im Tonfall einer hemmungslosen Landser-Kolportage. Der Roman "Das Heerlager der Heiligen" ist keine realitätsnahe Satire, sondern eine triebgesteuerte Fantasie, politisch unkorrekt und oft geschmacklos. Mit rationalen Argumenten oder Fakten haben diese Leute nichts zu tun.

Schmidt-Rahmers Inszenierung zeigt klar und analytisch, warum Diskussionen mit Rechtspopulisten so schwierig sind. Das kraftvolle Ensemble des koproduzierenden Schauspiel Frankfurt erspielt durch starke körperliche Präsenz immer wieder Momente, in denen etwas von der Verführungskraft einer Gemeinschaft zu spüren ist. "Das Heerlager der Heiligen" ist einer der bisher überzeugendsten Annäherungen des Theaters an das Denken und Fühlen der radikalen Rechten. Und der erste künstlerische Höhepunkt der Ruhrfestspiele.

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