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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.07.2017

Hédi Kaddour: "Die Großmächtigen"Europa und der Maghreb - ein komplexes Beziehungsgeflecht

Von Dirk Fuhrig

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(Foto: picture alliance / zb / Matthias Tödt, Cover: Aufbau-Verlag)
Hédi Kaddours "Die Großmächtigen" legt das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Europa und der islamischen Welt offen. (Foto: picture alliance / zb / Matthias Tödt, Cover: Aufbau-Verlag)

Einer der interessantesten neuen Romane über den Konflikt zwischen der islamischen Welt und Europa ist "Die Großmächtigen". Im Nordafrika vor 100 Jahren prallen kultureller Hochmut der französischen Kolonisatoren und die Zerrissenheit der arabischen Gesellschaften aufeinander.

"Die Großmächtigen" führt in die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. In einer Stadt in Nordafrika will ein amerikanisches Filmteam einen Wüstenfilm mit liebestollem Scheich und vielen Kamelen drehen. Die Ankunft der unkonventionellen, freizügigen Schauspieler aus Kalifornien bringt Unruhe in das gesellschaftliche Gefüge, das sich in drei Gruppen gliedert: die traditionelle und von der Religion geprägte einfache Bevölkerung, die gebildete arabische Oberschicht, die aufgrund ihrer französischen Schullaufbahn "aufgeklärt" denkt. Und die Kolonisatoren, die das Land immer weiter erobern wollen. Sie träumen von einem "Groß-Frankreich", das den gesamten Maghreb ins Staatsgebiet eingliedert.

Der deutsche Titel "Die Großmächtigen" wirkt unglücklich

Die Spaltung drückt sich schon in der Architektur der - fiktiven - Stadt Nahbès aus. Die Medina erstreckt sich auf der einen Seite der Flussmündung, das neue, koloniale Viertel auf der anderen: Apartheid à la française. "Die Großmächtigen" - im Deutschen wirkt der Roman-Titel etwas unglücklich -, das sind die Honoratioren, die Kolonialherren, die ihre Macht auf das Militär und einheimische Lohnsklaven bauen und an den südlichen Gestaden des Mittelmeers ihre Vision des "großmächtigen", imperialen Frankreichs inklusive ihrer rassischen Überlegenheit zelebrieren - im Grand Hôtel und auf sonnenbeschienenen Empfängen mit edlen Tropfen von der Rhône und aus der Champagne.

Der Roman entwickelt sich allerdings überraschend: Kaddour führt seine Protagonisten - die amerikanische Schauspielerin Kathryn, den jungen Araber Raouf, der den Kopf voller revolutionärer, sozialistischer Ideen hat, und den konservativen Franzosen Ganthier - nämlich auf eine Reise, die nicht nur nach Paris führt. Sondern von dort aus weiter über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs in Elsass-Lothringen in das von Frankreich besetzte Rheinland und bis nach Berlin.

Kaddour zieht dabei erstaunliche Parallelen: Die Herren-Attitüde der Kolonisatoren in Nordafrika entdeckt er in ganz ähnlicher Weise im Auftreten der Franzosen gegenüber den besiegten Deutschen, aus denen die 1918 in Versailles beschlossenen Reparationen gepresst werden sollen. Und natürlich streben die Besatzer die dauerhafte Annexion des linksrheinischen Gebiets an - der ewige Traum nationalistischer Kreise seit Napoleon.

Eintauchen in ein komplexes Beziehungsgeflecht 

"Die Großmächtigen" ist ein breit erzählter, klassisch klar gebauter Roman über Imperialismus, Kolonialismus, Dominanz und Unterdrückung. Kaddour taucht in die Tiefenschichten des komplexen Beziehungsgeflechts zwischen Europa und dem Maghreb ein. Er legt den kulturellen Hochmut Frankreichs ebenso offen wie Bigotterie, Frauenverachtung, Gewaltbereitschaft und Rückständigkeit vieler Araber. Einer der interessantesten neuen Romane, die an die Wurzeln des Konflikts zwischen der islamischen Welt und Europa führen.

Hédi Kaddour: "Die Großmächtigen"
Aus dem Französischen von Grete Osterwald.
Aufbau-Verlag, Berlin 2017
477 Seiten, 24 Euro

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