Zwischen den Jahren

"Health Break" statt Besinnlichkeit

04:05 Minuten
Illustration eines Mannes, der sich gegen die Zeiger einer großen Stoppuhr stemmt.
Selbst die Auszeit zwischen Jahren wird zum Stressfaktor, da auch Ruhezeit der Effizienzsteigerung dient. © imago images/fStop Images / Malte Mueller
Ein Einwurf von Gesine Palmer · 27.12.2021
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Die Zeit zwischen den Jahren ist traditionell für viele ein Ruhepunkt zwischen Ende und Neuanfang. Doch unsere moderne Effizienzkultur hat sich auch diese Zeit des Innehaltens einverleibt, bedauert die Religionsphilosophin Gesine Palmer.
Seit die Industrialisierung im 19. Jahrhundert auch den letzten europäischen Bauern in ihre Uhren- und Effizienzdisziplin gezwungen hat, sind gewisse alte Weisheiten zum Thema Pause ein wenig in Vergessenheit geraten. Oder wussten Sie, dass es mal als gefährlich galt, in der Zeit „zwischen den Jahren“ auch nur das Haus zu fegen oder gar Wäsche zu waschen?
Wer gegen dieses Verbot verstieß, musste leider damit rechnen, dass ihn die "Wilde Jagd“ holte: eines von diesen bösen Geisterheeren, die den altgermanischen, aber auch den slawischen und den keltischen wintergrauen Himmel bevölkerten und von oben rachsüchtig zugriffen, wenn auf der Erde irgendjemand allzu vorwitzig seine Nase aus der Höhle steckte. Die Wilde Jagd galt als Vorbote für Kriege, Dürren, Krankheiten und Tod.
Sie ist eine der Mythen, die sich lange nach der Christianisierung noch als „Aberglauben“ im Volke hielten – die christliche Lebens- und Festgestaltung hat sie zu inkorporieren und zu verwandeln versucht. Ähnlich wie sie den jüdischen Schabbat als Sonntagsruhe und das Pessachfest als Osterfest in sich aufgenommen hat.

Eine unermüdlich stampfende Effizienzmaschine

Mit der Industrialisierung freilich begannen nicht nur die Uhren und die Stechuhren die Leben der Arbeiter:innen und ihrer Aufseher:innen zu takten, sondern die „Wilde Jagd“ selbst begab sich aus dem Reich der Mythen in die irdische Welt: als unermüdlich stampfende Effizienzmaschine hat sie uns heute wohl fester denn je im Griff.
Das haben natürlich alle Kritiker:innen der Moderne immer schon über ihre jeweils böseste modernste Welt gesagt, aber glauben Sie mir, wahr ist es heute nur umso mehr. Dabei macht es diese Wilde Jagd wie früher nur böse Stiefmütter. Nicht nur genügt ihr nie, was man tut, sie bemäkelt auch noch den Preis, den man doch nur zahlt, weil sie ihn selbst eintreibt:
Schickt man sich in diesen Zeiten mit Corona und Digitalisierung in die Notwendigkeit, auch und gerade im Winter „auf dem qui vive“ zu sein, verkneift man sich die lustigen Glühweinrunden auf dem Weihnachtsmarkt und verrichtet man die Übungen zur Fitness zum Schutz vor infektiösen Begegnungen in aller Bravheit nicht in der Muskelbude, sondern am häuslichen Bildschirm, braucht man auf Lob nicht zu hoffen. Vielmehr schlägt der Bildschirm selbst höhnisch Alarm, wenn man zu viel Zeit mit ihm verbracht hat. 

Die Arbeitswelt hat die Gesundheit entdeckt

Es gibt aber eine gute Nachricht, und sie kommt, wie alle guten Nachrichten, aus dem angelsächsischen Sprachraum: Die Arbeitswelt hat die Gesundheit für sich entdeckt und macht sie zu ihrer eigenen Sache. Nicht nur in der Kapitalisierung von ständig neuen Gesundheitsprodukten und Personal Trainings, sondern ganz direkt in Arbeitszusammenhängen, die eigentlich nicht gesund sind.
Immer öfter finde ich in letzter Zeit in Tagungsprogrammen neue Wörter für die Zeit zwischen der Arbeit. Wo früher eine einfache Kaffeepause die offizielle Gelegenheit zu den inoffiziellen Gesprächen gab, gibt es heute „Bio Pausen“, „Health Breaks“ oder „Five Minutes for Fresh Air“.

Auch nutzlose Zeit einem Zweck untergeordnet

Das Schöne daran ist, dass nun endlich auch diese nutzlose, möglicherweise gar frei verfügbare Zeit einen klar definierten Zweck und die Wilde Jagd der Effizienzmaschine nichts anderes als Ihre höchstpersönliche Gesundheit zu ihrem Ziel hat.
Mit einem derartig modernisierten Aberglauben dürfen Sie also in dieser Zeit zwischen den Jahren ruhig die Wäscheberge, die sich in der Vorweihnachtszeit und an den Feiertagen gebildet haben, wegwaschen. Die Wilde Jagd wartet nur darauf, dass Sie ihr danach frisch gestärkt wieder zur Verfügung stehen.

Gesine Palmer, geboren 1960 in Schleswig-Holstein, ist Religionsphilosophin. Sie studierte evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. 2007 gründete sie in Berlin das „Büro für besondere Texte“ und arbeitet seither als Autorin, Trauerrednerin und Beraterin. Ihr wiederkehrendes Thema sind Religion, Psychologie und Ethik – im Kleinen der menschlichen Beziehungen wie im Großen der Politik.

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