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Kompressor | Beitrag vom 24.06.2019

HBO-Serie "Chernobyl"Keine Heldengeschichte fürs russische Volk

Sabine Stöhr im Gespräch mit Shanli Anwar

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Ein Soldat mit einer Atemschutzmaske um den Hals schaut in die Kamera. Im Hintergrund, in der Unschärfe viele Statisten. (Imago / Scanpix )
Zurück ins Jahr 1986: Dreharbeiten zur Serie "Chernobyl" in Litauen. (Imago / Scanpix )

Die hierzulande hochgelobte HBO-Serie "Chernobyl" verärgert Russland - denn die Produktion zeigt die Reaktorkatastrophe als Geschichte des Versagens. Eine russische "Gegen-Serie" steht deshalb schon in den Startlöchern.

Die US-amerikanisch-britische Serie "Chernobyl", produziert vom US-Privatsender HBO, gilt als eine der besten Serien der letzten Jahre – im Westen. Die Produktion, die die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl von 1986 in drastischen Bildern zeigt, versucht greifbar zu machen, was die Betroffenen durchlitten und die Mitarbeiter des Atomkraftwerks geleistet haben. Und wie unmöglich es war, die Wahrheit zu sagen. Dafür nutzt "Chernobyl" auch viele fiktive Elemente.

In Russland dagegen reagieren die Medien, nach anfänglichen guten Kritiken, verärgert auf den Fünfteiler: Er sei voll von Klischees, verzerre die Realität und mache sie lächerlich, heißt es.

"Warum trinken alle Wodka?"

Es sei durchaus möglich, dass aus dem großflächigen "Chernobyl"-Bashing der russischen Medien eigentlich der Kreml spreche, sagt die aus Russland berichtende Journalistin Sabine Stöhr. Allerdings äußere auch die Bevölkerung Kritik:

"Tatsächlich finden es viele Russen seltsam, warum man sich in der Serie beispielsweise ständig gegenseitig mit 'Genosse' anredet, obwohl das damals nicht so war. Und warum an einer Stelle in der Serie viel Wodka getrunken wird, obwohl der damalige Generalsekretär der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, schon das Anti-Alkoholgesetz in Kraft gesetzt hatte. Das irritiert dann nicht nur die Medien."

In Russland störe man sich daran, dass die Serie keine Heldengeschichte über den Mut vieler Menschen angesichts der Katastrophe erzähle – wie es zu Zeiten der Sowjetunion noch der Fall war:

"Ein russischer Journalist bringt es in einer Zeitung auf den Punkt. Er sagt: Damit soll offenbar das Gedächtnis der jungen Generation neu programmiert werden", berichtet Stöhr: Dahingehend, dass die Katastrophe von Tschernobyl vor allem die Geschichte eines Versagens sei.

Russland kontert mit der CIA

Um dies zu verhindern, will Russland mit einer eigenen Serie kontern. Darin wird unter anderem behauptet, dass die CIA ihre Finger bei dem Nuklearunfall im Spiel gehabt hat.

Allerdings, so Stöhr, hätten die Macher von vornherein betont, dass die Serie keinerlei Realitätsanspruch erhebt.

(mkn)

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