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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.06.2020

HBO Max entfernt "Vom Winde verweht"Filmklassiker mit rassistischen Subtexten

Marcus Stiglegger im Gespräch mit Vladimir Balzer

Die Schauspieler Hattie McDaniel und Clark Gable in einer Szene des Films "Vom Winde verweht" von 1939. (United Archives / imago-images)
Hattie McDaniel und Clark Gable in "Vom Winde verweht". McDaniel bekam für ihre Rolle einen Oscar, durfte aber bei der Verleihung wegen ihrer Hautfarbe nicht am Tisch mit den anderen Schauspielern sitzen. (United Archives / imago-images)

Ein Streamingdienst hat den Film "Vom Winde verweht" aus seinem Angebot entfernt, da er rassistische Vorurteile zeige. Er soll nach Hinzufügen von Kommentaren wiederaufgenommen werden. Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger begrüßt das.

Der US-Streamingdienst HBO Max hat den Film "Vom Winde verweht" inmitten der anhaltenden Anti-Rassismus-Proteste in den USA aus seinem Angebot entfernt, da der Klassiker aus dem Jahr 1939 rassistische Vorurteile zeige, erklärte das Unternehmen.

Das preisgekrönte US-Bürgerkriegsepos gehört zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten, seine Darstellung von zufriedenen (Ex-)Sklaven und heldenhaften Sklavenhaltern ruft jedoch immer wieder Kritik hervor. Der Film soll erst mit einer Erläuterung seines historischen Kontexts und einer Distanzierung von den rassistischen Darstellungen ins Programm wiederaufgenommen werden.

Filme in ihrem historischen Kontext sehen

Der Film- und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger sieht den Film als einen großen Filmklassiker an, der viele Leute begeistert habe und nicht als ein rassistischer Film in Erinnerung sei. "Das mag man für falsch halten, denn der Film ist natürlich zweifellos eine Art Beschönigung des Plantagen- und Sklavereisystems. Aber es ist ein Film, der sehr viel über seine Zeit aussagt, über die Zeit der späten 30er-Jahre. Und es ist wichtig, diesen Film sehen zu können."

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Filme seien nie unschuldig, so Stiglegger. Manchmal werde deren 'Schuld' erst nach Jahrzehnten deutlich. "Es ist immer eine Frage der Kenntnis der Geschichte, des Kontextes, in dem man diesen Film dann sehen muss."

Ausblendung ideologischer Subtexte

"Vom Winde verweht" brauche auf jeden Fall eine historische Grundierung, so Stiglegger:

"Es muss klar sein, an welchem Punkt in der amerikanischen Geschichte das stattfindet, also wie beispielsweise aus Sklaven dann Hausangestellte wurden. Diese ganzen Aspekte müssten tatsächlich zusätzlich dokumentiert werden, um verständlich zu werden. Es ist immer eine Frage der Historisierung und der Fähigkeit, diese Kontexte zu rekonstruieren. Ich würde solche Filme zugänglich machen unter bestimmten Bedingungen, mit zusätzlichem Material, mit einer kleinen Einführung davor und mit der Möglichkeit, sich dann zusätzlich zu informieren."

Gerade weil der Film ein Melodram sei, dürfe man ihn nicht als trivial ansehen, auch wenn Melodramen diesen Ruf genössen. "Sie sind hochgradig emotionalisierend, und die Emotionalisierung führt oft zu einer Ausblendung der ideologischen Subtexte, die diese Filme auch mittransportieren."

(rja)

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