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Rang I | Beitrag vom 07.04.2018

Haydns "Schöpfung" am Theater DortmundTheater entdecken den Transhumanismus

Dirk Baumann im Gespräch mit Janis El-Bira

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Eine Außenansicht zeigt am 03.08.2017 das Theater in Dortmund (Nordrhein-Westfalen). (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)
Theater Dortmund: Hier wird ein über 200 Jahre altes Werk geistlicher Chormusik mit der Idee des Transhumanismus gepaart. (picture alliance / dpa / Ina Fassbender)

Das Theater Dortmund beschäftigt sich mit der Idee des Transhumanismus: Unter diesem Aspekt inszeniert dort Claudia Bauer die "Schöpfung" - basierend auf Joseph Haydns gleichnamigem Oratorium. Was hinter dem ungewöhnlichen Projekt steckt, erklärt der Dramaturg Dirk Baumann.

Potenziell ewiges Leben, übermenschlich starke Körper dank technisch erweiterter Gliedmaßen und Künstliche Intelligenzen, die unsere Hirnleistung um ein Vielfaches übertreffen: Glaubt man den Vertretern des Transhumanismus, dann sieht so die Zukunft aus. Und die Frage, was dabei aus dem Menschen wird, die fasziniert natürlich auch die Theater.

So hat etwa jüngst die Programmchefin der Berliner Volksbühne, Marietta Piekenbrock, für ihr Haus eine transhumanistische Ästhetik reklamiert und auch am technikverliebten Theater Dortmund werden Schauspieler gerne in Loops eingespannt wie Glühlämpchen in einen Schaltkreis. Genau dort beschäftigt sich ab heute eine Inszenierung der Regisseurin Claudia Bauer mit den Ideen des Transhumanismus. "Schöpfung" heißt sie, basierend auf Joseph Haydns gleichnamigem Oratorium.

Neuer Humanismus oder Abschaffung des Menschen?

Ein über 200 Jahre altes Werk geistlicher Chormusik also und der Transhumanismus? Für den Dortmunder Dramaturgen Dirk Baumann ergibt diese ungewöhnliche Paarung durchaus Sinn:

"Wenn man sich den Schöpfungsbegriff anguckt, dann ist das ja etwas, was zielgerichtet ist. Im Gegensatz zur Evolution: Die Evolution ist etwas, das aufs Prinzip Zufall setzt. Eine Schöpfung ist etwas, das zielgerichtet ist und eine Idee hat. Und wenn man sich mit dem Transhumanismus beschäftigt, dann geht es da vor allem um die Erweiterung des biologischen Bürgers oder um die Verbesserung. Um den Ausgleich körperlicher Schwächen. Der Transhumanismus träumt eigentlich davon, solche Dinge überwinden zu können und auch den menschlichen Körper so gestalten zu können, wie man persönlich möchte. Und das ist eben schon ein Schöpfungsgedanke."

Besonders interessant war für Baumann während des Probenprozesses dabei die Selbstwahrnehmung des Transhumanismus und seiner Vertreter:

"Der Transhumanismus beruft sich ganz deutlich auf humanistische Ideen. Der Humanismus, der immer an einen Fortschritt denkt und auch an das soziale Konstrukt, an das Zusammenleben der Menschen denkt. Und so ist der Transhumanismus eben auch eine Bewegung, die nicht nur auf das Individuum zielt: Wie kann ich mich selbst verbessern? Sondern auch: Wie kann das als Mittel gebraucht werden, um vielleicht sogar eine soziale Utopie zu formulieren."

"Wir wollen ja immer noch mit Schauspielern arbeiten"

Für die Umsetzung des transhumanistischen "Schöpfung"-Oratoriums auf der Dortmunder Theaterbühne werden die andernorts populären Ansätze transhumanistischer Kunst, die den Menschen bisweilen ganz von der Bühne verschwinden lassen, jedoch keine entscheidende Rolle spielen:

"Wir haben natürlich vor der Problemlage gestanden: Wie stellen wir (mit) biologischen Körpern nicht-biologische Körper dar? Und da muss sich natürlich gewisser Hilfsmittel bedienen. Und das sieht man schon: Man sieht digitale Wesen auf der Bühne erscheinen, die sich in einem biologischen Körper manifestieren, um eben sichtbar zu sein. Und eine künstliche Intelligenz, wenn man Informatiker fragt, dann sagen die: Das ist eine Abfolge von Rechenoperationen, die ist erstmal gar nicht körperlich und man sieht die überhaupt nicht. Das ist auf dem Theater relativ uninteressant, wenn man einen grauen Kasten auf die Bühne stellt, der vielleicht blinkt oder auch nicht. Wir wollen ja immer noch mit Schauspielern arbeiten."

Überhaupt wird für Dirk Baumann bis zum Verschwinden des menschlichen Schauspielers auf der Bühne, wenn es denn jemals dazu kommen sollte, noch einige Zeit vergehen: "Der Mensch und der menschliche Körper haben ihren gewissen Vorzüge vor einer ultra-rational gedachten, kalkülhaften (Intelligenz). Und das wird uns sicherlich noch weiter begleiten: Der Mensch besteht nicht nur aus Schwächen, sondern auch aus Stärken."

Schöpfung
Nach Joseph Haydn unter Verwendung von Szenen aus "Die Ermüdeten" von Bernhard Studlar und Motiven von Stanisław Lem
Regie: Claudia Bauer
Theater Dortmund

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