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Interview | Beitrag vom 24.02.2021

Haustiere in der CoronakriseHund und Katze als Bedürfnisstiller

Roland Borgards im Gespräch mit Ute Welty

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Eine Katze sitzt auf dem Rücken eines jungen Mannes, der im Freien spazieren geht. (picture alliance / Zoonar / Yelizaveta Tomashevska)
Katzen eignen sich Roland Borgards zufolge neben Hunden besonders gut als Haustiere. (picture alliance / Zoonar / Yelizaveta Tomashevska)

Ihren Wunsch nach Nähe stillen viele Menschen im Lockdown, indem sie sich ein Haustier anschaffen. Missbräuchlich findet der Literaturwissenschaftler Roland Borgards dies nicht - sofern Fürsorge und verantwortlicher Umgang gewährleistet sind.

In der Pandemie erzielen Zoohandlungen Rekordumsätze, Hundezüchter können sich vor Anfragen kaum retten: Der Trend zum Haustier ist durch Corona noch einmal deutlich verstärkt worden. Katzen, Hunde, Vögel, Hamster und Schildkröten werden gerade jetzt mehr gebraucht denn je - als Ersatz für die fehlenden zwischenmenschlichen Beziehungen, den Verlust an Nähe im Lockdown. 

"Da ist jemand, ich bin nicht allein"

Aber wird man den Haustieren damit gerecht? Tiere könnten "echte Mitbewohner", Familienmitglieder und "Sozialpartner" sein, meint der Literaturwissenschaftler Roland Borgards, der sich seit vielen Jahren aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit der Mensch-Tier-Beziehung befasst: "Da ist jemand. Wenn ich mit einem Tier zusammen bin, bin ich nicht mehr allein. Und das ist nicht wenig."

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Nicht jedes Tier eignet sich allerdings Borgards zufolge gleichermaßen gut als Sozialpartner für den Menschen. Für besonders passend hält er Katzen - und vor allem Hunde. Denn die würden dafür gezüchtet, diese Rolle einzunehmen. "Hunde verstehen uns einfach sehr gut. Das haben die Jahrtausende lang gelernt", betont der Professor für Neuere deutsche Literatur an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Der Hund ist mehr Partner als der Fisch

"Das funktioniert schon mal besser als mit Kaninchen und natürlich auch besser als mit Fischen", sagt Borgards: "Das hat auch etwas mit Anschauen zu tun, mit Anfassen, einen Fisch können Sie nicht so gut streicheln wie einen Hund, das klappt mit dem Kuscheln nicht so. Mit Spinnen auch nicht." Zugleich gebe es aber auch Menschen, bei denen es mit fast jedem Tier funktioniere: "Wieso nicht eine, wenn auch nur kurze, Beziehung zu einer Spinne aufnehmen? Auch das gibt es ja."

Welches Tier als Haustier infrage kommt, ist vor allem kulturell bestimmt. So seien etwa Schweine "sehr intelligente, sehr soziale, zur Moral fähige Tiere, die wirklich in vieler Hinsicht sehr viele Ähnlichkeiten mit Hunden haben", so der Literaturwissenschaftler. Schweine seien aber eben schwerer zu halten als Hunde: "Das ist natürlich ein echtes Problem."

Die Kehrseite der Tierliebe

Bei allem Potenzial schätzt Borgards die Mensch-Haustier-Beziehung letztlich dennoch als ambivalent ein: Denn viele Menschen seien sich der Verantwortung für ihre tierischen Familienmitglieder nicht bewusst, sondern benutzten sie als Ware, Objekt oder Projektionsfläche. Wie auch die Gesellschaft insgesamt sehr daran gewöhnt sei, mit Tieren als Ware umzugehen:

"Das gilt nicht nur für die Frage des Schlachtens, es gilt auch für die Frage des Umgangs mit Tieren als Beziehungs- und Sozialpartner, dass man Tiere einfach wieder weggeben kann", sagt Borgards. So wie es derzeit auch in der Coronakrise häufig geschieht, wenn der angeschaffte Hund doch nicht den gewünschten Zweck erfüllt. 

(uko)

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