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Studio 9 | Beitrag vom 06.09.2016

Hausarzt-Projekt in einer KlinikMit Schnupfen in die Notaufnahme

Von Dietrich Mohaupt

Der Wartebereich einer Notaufnahme-Station. (dpa/picture-alliance/Holger Hollemann)
Ein Drittel der jährlich rund 25 Millionen Menschen, die in die Notaufnahmen kommen, könnten bedenkenlos auch von niedergelassenen Ärzten behandelt werden. (dpa/picture-alliance/Holger Hollemann)

Rund 60.000 Patienten kommen pro Jahr in die Notaufnahme der Medizinischen Hochschule Hannover. Doch nicht alle gehören auch wirklich dorthin. Ein Problem, mit dem mittlerweile viele Krankenhäuser zu kämpfen haben. Die Hannoveraner Klinik hat ein erfolgreiches Modell entwickelt.

Ein ganz normaler Nachmittag in der Zentralen Notaufnahme der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dr. Andrea Peter, Fachärztin für Allgemeinmedizin, hat heute hier Dienst. Viel Zeit für Pausen, mal kurz die Beine hochlegen, gibt es nicht, berichtet sie.

"Also, heute habe ich die Beine noch nicht hochgelegt. Ich habe um 10 Uhr angefangen und es ging relativ langsam los mit zwei Patienten. Um halb eins, da kamen fünf in 20 Minuten, und jetzt kamen nochmal zwei, drei. Es dauert auch jeder Patient.

Man muss sich das überlegen: Wenn ein Hausarzt einen Patienten hat, der in 10 bis 15 Minuten wieder draußen ist, dann muss er natürlich auch seinen Schreibkram gemacht haben, ihm ein Rezept mitgeben, Überweisungen und sowas. Aber wir müssen halt auch einen richtigen Arztbrief noch schreiben, so dass jeder Patient schon doch viel mehr Zeit in Anspruch nimmt."

Andrea Peter ist eigentlich halbtags fest angestellt in einer Hausarzt-Praxis, immer montags verrichtet sie aber von 10 bis 18 Uhr ihren Dienst in der Notaufnahme – im Rahmen eines Modellprojekts der Medizinischen Hochschule Hannover.

In die Notaufnahme statt zum Facharzt

Direkt neben dem Eingangsbereich ist für den jeweils diensthabenden Hausarzt ein kleines Untersuchungs- und Behandlungszimmer eingerichtet. Rückenschmerzen, Magen-Darm-Probleme, Zerrungen oder Verstauchungen, das sind so die häufigsten Beschwerden, mit denen Andrea Peter es zu tun hat – oft nicht gerade typische Fälle für eine Notaufnahme, meint sie, aber …

"… das ist manchmal die Symptomatik, die schon länger besteht, und der Hausarzt ist am Ende mit seiner Diagnostik, überweist meist zum Facharzt – und die Termine sind manchmal im Zwei- bis Drei-Monatsbereich erhältlich. Und dann kommen Patienten hierher, weil sie dann meinen, naja - man könnte hier ja wahrscheinlich alles bekommen. Und wir müssen dann halt sortieren: Ist das heute unbedingt erforderlich, oder müssen wir die Patienten doch wieder noch nach Hause schicken und sagen: Gehen Sie in drei Wochen zu ihrem Facharzt."

60.000 Patienten pro Jahr

Gerade beansprucht wieder ein ähnlicher Fall die Aufmerksamkeit der Hausärztin voll und ganz. Professor Nils Schneider, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der MHH und Chef der insgesamt fünf in Teilzeit angestellten Hausärzte, ist froh über die Entlastung für die Spezialisten im Haus. Immerhin kommen pro Jahr rund 60.000 Patienten in die Notaufnahme – ein Plus von etwa 60 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Ein großer Teil davon könnte mit seinen Beschwerden genauso gut eine Hausarztpraxis aufsuchen, betont Nils Schneider. In der Notaufnahme führe das inzwischen zu echten Problemen. 

"Unsere Spezialisten an der MHH sind vor allem eben für Schwerkranke oder Patienten da, die eine spezielle Versorgung brauchen, und nicht für die Patienten, die auch von Allgemeinärzten versorgt werden können. Von daher mussten wir eine Entlastung schaffen für unsere spezialisierten Kollegen zum einen – und wir möchten natürlich auch die Versorgung für unsere ambulanten Patienten verbessern und Wartezeiten zum Beispiel reduzieren."

In einer dreijährigen Probephase habe man die Zusammenarbeit mit angestellten Hausärzten ausgiebig getestet – jetzt sei das Modell so weit ausgereift, dass die Kassenärztliche Vereinigung es mit jährlich 100.000 Euro unterstützt, allerdings vorerst begrenzt auf die nächsten fünf Jahre.

"Wir planen aber von der MHH-Seite aus schon, dass es darüber hinaus noch weiter läuft und werden jährlich Untersuchungen durchführen, wo wir darlegen, welche Patienten wir wirklich versorgen, mit welchen Beschwerdebildern, wie wir sie versorgen, welche Entscheidungen wir treffen. Und aktuell machen wir eine Studie, wo wir Patienten nachverfolgen – das heißt wir möchten wissen: Wie geht es denn dem Patienten zwei Wochen nachdem er bei uns war, ist er zum Hausarzt gegangen, hat er vielleicht nochmal ein anderes Krankenhaus aufgesucht, sind die Beschwerden noch da oder sind sie weg?"

"Jeder Patient muss ernst genommen werden"

Nach einem intensiven Gespräch hat Andrea Peter inzwischen eine weitere Patientin wieder entlassen. Auch das war eigentlich so ein Fall, der von vornherein beim Hausarzt besser aufgehoben gewesen wäre als auf der Notaufnahme – aber das würde sie niemals einem Patienten vorwerfen, betont sie. Wer hierher komme, habe dafür Gründe – ob nun Terminschwierigkeiten, die Hoffnung auf eine bessere Versorgung in einem modernen Klinikum wie der MHH, oder einfach nur Bequemlichkeit – sie habe nicht das Recht über die Motive der Patienten zu urteilen.

"Jeder Patient mit seinen Beschwerden ist gleichwertig und muss auch ernst genommen werden natürlich. Der Patient hat ja eben seinen Leidensdruck. Natürlich denkt man schon mal auch ab und zu, naja, der hätte nun wirklich hier nicht herkommen müssen - das ist klar, aber das darf man nie sagen!" 

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