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Religionen | Beitrag vom 15.04.2018

Haus des zornigen Gottes ShivaDer Kapaleeshvarar Tempel im indischen Chennai

Von Antje Stiebitz

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Im Inneren des Kapaleeshvarar-Tempels im indischen Chennai. (Antje Stiebitz)
Der Kapaleeshvarar Tempel im indischen Chennai (Antje Stiebitz)

Im südindischen Chennai erinnert der Kapaleeshvarar Tempel an die weniger freundlichen Seiten des Gottes Shiva. Doch am Ort des Ehekrachs mit seiner göttlichen Partnerin Parvati wächst heute ein Lorbeerbaum, der Wünsche erfüllen soll.

Im Viertel Mylapore in der südindischen Stadt Chennai herrscht quirliges Leben. Unzählige Geschäfte bieten Früchte, Gemüse, Blumen oder Messingwaren an. Sie umgeben auch den Kapaleeshvarar Tempel, dessen Torturm, auch Gopuram genannt, mit seinen vierzig Metern Höhe und fünfzehn Metern Breite weithin sichtbar ist. Tausende von filigranen und buntbemalten Figuren verzieren seine Fassade und erzählen Geschichten aus den religiösen Epen des Mahabharata und Ramayana. Durch den Gopuram betreten die Besucher den ummauerten Tempelbezirk von der östlichen Seite.  

Gleich am Eingang findet ein Gottesdienst zu Ehren des Elefantengottes Ganesha statt. Eine Gruppe von Gläubigen steht vor seinem Schrein, während der Priester vor dem Bildnis Ganeshas eine brennende Öllampe schwenkt. Der elephantenköpfige Gott gilt als "Herr der Hindernisse" und soll den Gläubigen helfen, eben solche Hindernisse zu überwinden, wenn sie etwas Neues in Angriff nehmen. Deshalb haben ihm einige eine Kokosnuss mitgebracht. Neben dem Schrein steht ein Behälter, dort werfen sie ihre Opfergabe mit Wucht hinein, so dass sie zerschmettert.

Gopuram mit mythischen Figuren im Kapaleeshvarar Tempel im indischen Chennai. (Antje Stiebitz)Gopuram mit mythischen Figuren (Antje Stiebitz)

Der Tempelführer Nagendran erklärt, was es damit auf sich hat:"Wenn die Menschen in den Tempel kommen, kaufen sie Kokosnüsse und beten zu Ganesha. Wissen Sie warum? Die Fasern der Kokosnuss stehen für unsere Haare. Unsere Haare lassen sich genauso wenig zählen, wie die Kokosfasern. Die Schale versinnbildlicht unseren Körper, das weiße Fruchtfleisch im Inneren unser Herz. Das Kokoswasser symbolisiert schlechte Angewohnheiten, unseren Egoismus. Wer die  Kokosnuss bricht, bricht sein Herz, danach ist es gereinigt."

Unter dem Vordach eines Verwaltungsgebäudes des Tempels sitzt Balaji Gurukkal auf einer hölzernen Bank. Der Mann mit dem weißen Baumwolltuch um die Hüften ist der Oberpriester und leitet die 40 Priester hier. Gurukkal kennt die Legende um den Namen des Tempels, der nach seiner Hauptgottheit Shiva benannt ist: "Der Name geht auf den Schädel von Brahma zurück. Brahma hat fünf Gesichter. Vier der Köpfe sprechen über die heiligen Schriften. Aber einer der Köpfe verhöhnt den Gott Shiva. Darüber gerät Shiva so in Wut, dass er ihm den Kopf abreißt. Da er diesen Schädel in seiner Hand hält, heißt er Kapaleeshvarar, denn Kapala bedeutet Schädel."

Die Legende der hingebungsvollen Parvati

Der Tempelführer Nagendran erzählt noch eine weitere Legende, die den Gott Shiva mit dem Tempel verbindet. Der aufbrausende Gott soll eines Tages mit seiner Partnerin, der Göttin Parvati, in Streit geraten sein. "Eines Tages spielten Shiva und Parvati ein Spiel. Und während sie spielten, begann plötzlich ein Pfau zu tanzen."

Tanzende Pfaue seien ein seltener und bezaubernder Anblick, fährt Nagendran fort, also habe Parvati das Spiel mit Shiva vergessen und sich stattdessen dem Pfau zugewandt: "Shiva rief Parvati zweimal, aber sie hörte ihn nicht und beobachtete weiter den tanzenden Pfau. Shiva wurde ärgerlich, sprach einen Fluch aus und verwandelte Parvati in einen Pfau."

Danach kam Parvati in der Form eines Pfaus täglich nach Mylapore und betete Shiva unter einem Lorbeerbaum an, bis Shiva sie, gerührt von ihrer Hingabe, erlöste. Dem Lorbeerbaum, der auf der Nordseite des Tempels steht, werden magische Kräfte zugesprochen. Die Gläubigen suchen ihn auf, wenn sie einen Wunsch haben. Und das Stadtviertel kam durch diese Legende zu seinem Namen, denn Mylapore bedeutet übersetzt so viel wie "Ort des Pfaus".

Der Wunschbaum im Kapaleeshvarar Tempel im indischen Chennai. (Antje Stiebitz)Hier am Wunschbaum ist vieles plötzlich in Ordnung. (Antje Stiebitz)

Es war die Dynastie der Pallavas, die den Kapaleeshvarar Tempel ursprünglich im 7. Jahrhundert erbaute. Der großzügig angelegte Bau zieht nicht nur die Bewohner Chennais an, sondern auch Touristen aus dem In- und Ausland. Auf einem Treppenabsatz vor dem wunscherfüllenden Lorbeerbaum sitzt Balakrishna. Er ist aus Mauritius angereist und spricht dem Tempel besondere Kräfte zu: "Ich bin gekommen, um diese Kräfte zu absorbieren. Verstehen Sie, was ich meine? Es ist wie mit der Sonne. Ich stehe in der Sonne und nehme ihre Energie in mich auf. Ich bin gekommen, um mich zu energetisieren und dann kehre ich zu meiner Arbeit zurück."

Ein Ort, an dem Fagen sich auflösen

Einige Meter weiter blinzelt Pradnya Bivalkar in die Sonne. Die junge Frau stammt aus der über tausend Kilometer entfernten Stadt Pune und arbeitet in Deutschland. Sie erklärt, warum sich ein Tempelbesuch lohnt: "Manchmal sind wir mit vielen überwältigenden Fragen konfrontiert, auf die wir einfach keine Antwort haben. Diese Fragen loszulassen ist schwer – aber aus irgendeinem Grund fällt es an Orten wie diesem leichter. Hier gibt es eine Art von übernatürlicher Kraft, damit ist es dann in Ordnung."

Santosh Kumar ist mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in den Tempel gekommen. Er weiß, dass er sich mit diesem Tempelbesuch eine viel längere Reise ersparen kann: "Haben Sie vom Himalaya gehört, wo Shiva lebt? Mylapore ist ein Ort, der mit dem Himalaya gleichgesetzt wird. Shiva im Himalaya zu besuchen und anzubeten, hat den gleichen Wert, wie ihn hier als Lord Kapaleeshvarar anzubeten."

Tatsächlich soll der Gott Shiva gemeinsam mit seiner Frau Parvati auf dem Berg Kailash im Himalaya leben, beide in tiefe Meditation versunken. Warum die Verehrung Shivas in Mylapore mit seiner Anbetung im Himalaya gleichgesetzt wird, erklärt der Priester Balaji Gurukkal mit Hilfe eines Sprichworts: "Myle, Kaile, Kaile, Myle."

Dieses Sprichwort gehe direkt auf die Göttin Parvati zurück. Als sie Shiva unter dem Lorbeerbaum in der Form eines Pfaus verehrte, soll sie "Myle, Kaile, Kaile, Myle" gesagt haben. Was bedeutet: Ob man Shiva in Mylapore oder am Berg Kailash verehrt, macht keinen Unterschied.

Vor dem Schrein des Elefantengotts Ganesha stehen nur noch wenige Gläubige, der Gottesdienst ist fast beendet. Die Gläubigen setzen ihren Tempelrundgang im Uhrzeigersinn fort und bitten Shiva als Lord Kapaleshvarar ebenfalls

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