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Länderreport | Beitrag vom 14.08.2019

Haus Auerbach in JenaUnangemeldeter Besuch im Schlafzimmer

Von Henry Bernhard

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Das Haus Auerbach, fotografiert vom Garten aus. (Deutschlandradio / Henry Bernhard)
Das Haus Auerbach in Jena, von Walter Gropius erbaut, aus der Gartenperspektive. (Deutschlandradio / Henry Bernhard)

"Gropius W33 gegen Gebot zu verkaufen" stand vor 25 Jahren in einer Zeitungsanzeige. Das Ehepaar Martin Fischer und Barbara Happe wusste: Wir müssen dieses Haus erstehen! Heute öffnen sie ihr Jenaer Zuhause im Bauhaus-Stil gerne für Besucher.

"Das Haus Auerbach sagt jeden Abend zu uns: 'Ich bin froh, kein Museum zu sein!'", erzählt Martin Fischer. "Ich glaube, wir sind uns einig, dass wir nicht wollen, dass das ein Museum wird. Wir kriegen sehr viele Menschen dieses Jahr mit, die ins Haus kommen. Und wir kriegen so eine überwältigende Zustimmung dazu, dass das Haus lebt! Menschen, die von den Meisterhäusern kommen, aus dem Haus am Horn oder sonst aus irgendeinem dieser musealen Häuser kommen, und aufjubeln und sagen: 'Oh, ist das schön, dass das bewohnt ist, dass man spürt, hier sind Menschen, dass hier ein Hund rumläuft, und alles Drum und Dran.'"

Der Hund heißt Irma und entspannt sich am liebsten auf der ikonographischen Liege von Le Corbusier. "Wir", das sind Martin Fischer und Barbara Happe, ein erkennbar fröhliches und symbiotisches Ehepaar. Sie sitzen auf einem hellgrauen Sofa von Marcel Breuer. Er ist Zoologe, sie Kulturwissenschaftlerin. Das Haus Auerbach ist das erste Haus, das der Bauhaus-Begründer Walter Gropius 1924 gebaut hat, in Jena, für das Ehepaar Anna und Felix Auerbach.

"Es gab natürlich hier Menschen wie die Auerbachs, also jüdische intellektuelle Avantgarde, um es mal einfach zu sagen, die in dem Moment, wo das Bauhaus aus Thüringen vertrieben werden soll und wird, sagen: 'Jetzt ist der Zeitpunkt, dass wir mit Gropius bauen.' Das ist ja nicht zufällig. Das ist ein Moment, der da zusammenkommt", erklärt Fischer.

Grau und muddelig sah es aus

Das Haus Auerbach in bester Jenaer Hanglage war der Ausgangspunkt für weitere Bauhaus-Bauten in Jena. Es begegnet dem Besucher ebenso freundlich wie seine Besitzer. Lichte Räume, eine heitere, nie verspielte Farbigkeit in Pastell, Aus- und Einblicke zwischen Musikzimmer, Esszimmer, Wintergarten und Garten. Alles hat Maß und strenge Form. Vor 25 Jahren sah es anders aus. Barbara Happe und Martin Fischer suchten damals eine Wohnung in Jena, wo er einen Lehrstuhl an der Uni besetzen sollte. Und da war diese Anzeige in der FAZ: "Gropius W33 gegen Gebot zu verkaufen." Das war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das hat die vorhergehende Eigentümerin dort so annonciert", erzählt Fischer.

"Also, wir waren sofort Feuer und Flamme", erinnert sich Barbara Happe. "Das Haus hat zwar grauenerregend ausgesehen. Es hatte überhaupt nichts mit Gropius zu tun. Ich war ein bisschen enttäuscht, weil es so grau und muddelig aussah und schlichtweg von Pflanzen fast überwuchert. Es war alles dunkel, braun, muffig, also ein schlechter Geruch, dass man sich schlichtweg nicht vorstellen könnte, wie das mal sein würde. Und ich kann es letztlich nicht mehr rekonstruieren, warum wir trotzdem so irre scharf drauf waren, das Haus erwerben zu können und dann auch entsprechend restaurieren, wiederherstellen zu können."

Wild auf das Haus

Fischer: "Wir waren wild auf dieses Haus, muss man wirklich sagen. Wir wollten das haben wie der Teufel die arme Seele!"

400 Quadratmeter Wohnfläche in schlechtem Zustand, die Denkmalpflege im Nacken, begannen sie 1994 mit der Wiederherstellung. Muss man dafür reich sein oder verrückt?

Happe lacht: "Verrückt! Ganz eindeutig."

Ihr Mann ergänzt: "Wir waren nicht reich, also konnten wir nur verrückt sein."

Das Ehepaar war nicht unbewandert in architektonischen und ästhetischen Fragen. Sie hatten gemeinsam Architektur-Vorlesungen besucht und eine strenge Lehre durchlaufen.

Erziehung zum ästhetischen Formempfinden

"Wir hatten das Glück, in den 80er Jahren in Tübingen auf zwei Menschen zu treffen, die uns ästhetisch erzogen haben, was Möbel betrifft", erzählt Fischer. "Die Tübinger Universität hatte damals – aus heutiger Sicht scheinbar ein Luxus! – einen Innenarchitekten, der …"

"Ein Tischler", ergänzt seine Frau.

"… einen herausragenden Geschmack hatte und der die Universität gestaltet hat. Das wurde als ästhetische Erziehung aufgefasst, dass die Studenten nicht einfach in solchen zum Teil grausigen Müllbüromöbeln erzogen werden, wie sie heute an der Universität stehen – genau nicht.

Und der andere war mein Doktorvater, der war natürlich wie ich Zoologe. Aber die Idee von der Erziehung war – sie merken, ich benutze dieses Wort –, die Idee der Erziehung war tatsächlich, dass man ein Formempfinden hat, und zwar ein Formempfinden in der Natur, also Morphologie im strikten Sinn, und das überträgt auf Formempfinden von Gebäuden, von Gegenständen. Es war also eine richtige – wenn man so will – ästhetische Formerziehung, die wir ihm auch hochgradig verdanken. Also, das ist schon toll, wenn Menschen einen nicht nur als Zoologen ausbilden."

Barbara Happe war nicht unbeteiligt, dem Haus Auerbach dessen Sinn und Form wiederzugeben. Der Bauhaus-Absolvent Alfred Arndt hatte ein aufwändiges Farbkonzept erarbeitet. 37 Pastelltöne sollten Wände und Decken zieren, wobei die Farbwechsel häufig nicht an den Kanten und Ecken stattfanden. Bis 1994 aber war die Bauhaus-Fachwelt davon ausgegangen, dass das Farbkonzept nie ausgeführt wurde. Erst eine umfangreiche Befundung konnte das Gegenteil nachweisen – und damit auch das Klischee vom nüchtern weißen Bauhaus auf den Kopf stellen.

700 Besucher, mal angemeldet, mal nicht

Heute hat das Haus Auerbach wieder die gleiche Farbigkeit wie 1924. Barbara Happe und Martin Fischer aber hat das Haus zum Spezialisten seiner selbst erzogen. Das wissen auch die Gäste aus aller Welt zu schätzen, die mal angemeldet, mal unangemeldet vor der Tür stehen. 700 waren es allein im ersten Halbjahr 2019.

Martin Fischer: "Das Haus zu haben ist das schiere Glück. Und das ist etwas, was einem doch ein bißchen auch dazu da ist, es mit anderen zu teilen und anderen zu zeigen, wie schön das hier ist. Natürlich gibt es Fotos im Internet von diesem Haus, aber es ist etwas komplett anderes, ob ich das Foto sehe oder ob ich das Raumerlebnis habe. Es geht um Räume. Ich muss die Volumina hier spüren; ich muss das alles spüren. Also von daher: Privileg ist was, was man vielleicht mit Glück erhält, aber das hat auch was mit Teilen zu tun, das finde ich schon."

Happe ergänzt: "Das ist etwas, was unser Leben enorm prägt und auch eine Vielfalt herein bringt, die wir nie uns erahnt, erträumt haben. Die kann man auch nicht planen. Es sagen oft Leute, 'Das würde ich nie machen. Fremde hereinlassen und dann vielleicht auch noch ins Schlafzimmer.'" Wir lassen uns da eigentlich ziemlich treiben. Es gibt auch sehr viele Überraschungen, und manchmal ist es auch so, dass einem das auf die Nerven geht, wenn schon wieder einer am Wochenende … Und dann sage ich auch: 'Nee, dieses Wochenende will ich mal frei haben.' Aber es bringt einem unheimlich viele interessante Begegnungen."

"Das Haus gibt mehr, als es Zeit nimmt, was Besucher betrifft, ganz toll", erzählt Fischer.

Und die Zukunft?

Und wie stellen sich die Bewohner die Zukunft des Hauses Auerbach vor? "Das ist eine Frage, die sehr schwierig ist, die ich mir auch sehr ungern stelle, und wo wir selber auch noch sehr wenig wissen, was da irgendwann mal mit passieren kann", gibt Happe zu.

Und ihr Mann sagt: "Sagen wir mal so: Es wurde für kinderloses Paar mit Hund gebaut, wir sind ein kinderloses Paar mit Hund; es gibt noch mehr kinderlose Paar mit Hund. Da findet sich jemand. Also auf dem Niveau sind wir im Moment. Also, ich glaube, wir halten das Haus am Leben und machen nicht ein Museum draus. Vielleicht hoffen wir, dass uns irgendjemand mal über den Weg läuft, der der Richtige oder die die Richtige ist, um dieses Haus zu bewohnen."

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