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Kompressor | Beitrag vom 16.08.2017

"Hauptstadtfußball" im Stadtmuseum BerlinNeue Zielgruppen anlocken

Von Ronny Blaschke

Ausstellung über Hertha BSC in Berlin - viele der Ausstellungsstücke stammen von Fans (picture alliance / dpa / XAMAX)
Ausstellung über Hertha BSC in Berlin - viele der Ausstellungsstücke stammen von Fans (picture alliance / dpa / XAMAX)

Vor anderthalb Jahren ist Paul Spies als neuer Direktor angetreten, um das Stadtmuseum Berlin zu modernisieren. Der niederländische Kunsthistoriker möchte neue Zielgruppen anlocken. Ein Thema, das ihm dabei helfen könnte, ist der Fußball.

Der Eingangsbereich des schicken Ephraim-Palais ist zurzeit den Wohnungen von Fußballfans nachempfunden, mit Postern, Wimpeln, Vereinswappen. Das Treppenoval ist mit Fahnen geschmückt, die sonst an Stadionzäunen hängen. Von oben dringen Fangesänge aus Lautsprechern. Etliche Besucher tragen Trikots und machen Fotos von Pokalvitrinen.

"Für mich ist Geschichte nicht nur die Geschichte der Elite, oder von Künstlern geschaffen. Für mich ist Volksgeschichte genauso wichtig", sagt Paul Spies hatte schon als junger Kunsthistoriker in den 90er-Jahren Ausstellungen für seinen Lieblingsklub Ajax Amsterdam entwickelt. Diesem Gedanken folgt die aktuelle Ausstellung im Ephraim-Palais: "Hauptstadtfußball. 125 Jahre Hertha BSC & Lokalrivalen". Auf 700 Quadratmetern beleuchtet sie die Geschichte des erfolgreichsten Berliner Klubs. Ob Industrialisierung oder Arbeiterbewegung, Nationalsozialismus oder Kalter Krieg: "Hauptstadtfußball" möchte Stadtgeschichte erlebbar machen, auch durch Biografien wie jene von Helmut Schön, dem Weltmeistertrainer von 1974. Die Kuratorin Stella Di Leo nennt ein Beispiel:

"Ein Wappen mit zwei Flaggen drauf, einmal die Hertha-Fahne und die Fahne des Dresdner SC. Helmut Schön ist mit seinen Dresdner Fußballkollegen geflohen nach Westberlin 1950 und hat sich Hertha BSC angeschlossen. Und weil das eben so viele Spieler waren, haben die eine Saison mit diesem Wappen gespielt, mit diesem neuen Hertha-Logo. Das ist zum Beispiel etwas, wo Hertha ganz stark mit der politischen Situation in Deutschland verbunden ist."

Die Sammlung des Stadtmuseums zählt 4,5 Millionen Objekte, wenige haben etwas mit Fußball zu tun. Das Archiv von Hertha BSC war während des Zweien Weltkrieges zerstört worden. Paul Spies möchte die Berliner künftig noch mehr an Ausstellungen beteiligen. Beim Thema Fußball konnte und musste sein Team neue Recherchewege ausprobieren, erklärt Kurator Sebastian Ruff:

"Wir haben relativ früh, also Anfang des Jahres 2017 schon einen Aufruf gestartet und gesagt: Gebt uns eure Objekte, schlagt uns alles vor, wo eure persönlichen Erinnerungen dran hängen. Denn das macht ja die Hälfte der Objekterzählung aus: warum ist dieses Objekt jetzt wichtig? Es war eher noch so, dass man die Fans noch motivieren musste. Weil viele sagten: ich habe hier noch was im Keller, aber ob das für euch jetzt interessant ist, weiß ich nicht. Und ich musste immer sagen: alles her, wir suchen uns schon das richtige raus."

Zum Nachdenken anregen

Von den nun 130 Ausstellungsobjekten kam ein Drittel von Fans. Mehr noch: 15 Fußballinteressierte hatten das Leben des vergessenen Hermann Horwitz erforscht. Der jüdische Arzt von Hertha BSC in den 1920er-Jahren wurde 1943 nach Auschwitz deportiert, der Tag seiner Ermordung ist nicht bekannt. Die Forscher, darunter Studierende und Senioren, suchten nach Urkunden, Zeugnissen, Fotos. Sie wollen andere zum Nachdenken anregen, sagt Bernd Schiphorst, Aufsichtsratschef von Hertha BSC:

"Ich glaube, dass Fußballgeschichte fast noch besser als der Geschichtsunterricht in der Schule geeignet ist, junge Menschen für so etwas zu interessieren. Wenigstens war der Feuereifer, mit denen die in Archive gestiegen sind, also da geht ja kein normaler Mensch hin, in ein Stadtarchiv, also diese Begeisterung war geradezu unglaublich."

Sammeln und Forschen sind das eine – und die Vermittlung? Doppelführungen sollen die Ausstellung erklären, durchgeführt von einem Museumsmitarbeiter und einem Fan. Zum Begleitprogramm gehören Kickerturniere und Filmnächte, kritische Debatten und Fahrradtouren zu historischen Fußballorten. Paul Spies und sein Team sind sich sicher: Das Stadtmuseum ist weit größer als jedes denkmalgeschützte Gebäude.

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