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Profil / Archiv | Beitrag vom 16.04.2013

Hauptsache weg

Die kanadische Schriftstellerin Miriam Toews im Porträt

Von Tobias Wenzel

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Mit "Ein komplizierter Akt der Liebe" machte die kanadische Schriftstellerin Miriam Toews 2004 international auf sich aufmerksam. In dem Roman erzählte sie von einer jungen Frau, die in einer streng gläubigen Mennoniten-Gemeinde lebt.

Miriam Toews: "Ich liebe den Regen, seinen Geruch und die Spannung, kurz bevor er bei großer Schwüle ausbricht. Und dann ist der Himmel so leer. Das ist schon schön."

Miriam Toews' Haare sind nass geworden vom feinen Berliner Regen. Einen Schirm hat die 47-Jährige, die auch als 37-Jährige durchgeht, nicht, braucht sie nicht. Wozu auch? Irgendwann werden die Haare schon wieder von selbst trocknen. Miriam Toews liest zwei Sätze aus ihrem neuen Roman.

"Der Regen, der für heute angesagt war, ist noch nicht da. Diego schaut die ganze Zeit besorgt in den Himmel, denn wenn es nicht bald regnet, kann er seinen Film vergessen, sagt er."

In Miriam Toews' neuem Roman "Kleiner Vogel, klopfendes Herz" wartet ein Filmregisseur in Mexiko verzweifelt auf Regen. Das Buch ist durch einen realen Dreh inspiriert. Miriam Toews spielte in Carlos Reygadas' Film "Stellet Licht" als Laiendarstellerin eine Frau in einer strenggläubigen Mennonitengemeinde in Mexiko. Der Film wurde in der Sprache der Mennoniten, einer Variante des Plattdeutschen, gedreht. Einer Sprache, die Miriam Toews von ihren Eltern kennt, recht gut versteht, aber eigentlich überhaupt nicht spricht:

"Carlos Reygadas hat mich ermutigt, bei seinem Film mitzuspielen. Ich wollte nicht so recht und sagte: ‚Ich weiß nicht, ich bin doch keine Schauspielerin. Das klingt nach einem langen Dreh in der mexikanischen Wüste. Ich bin die Falsche.’ Darauf er: ‚Aber dann könnten Sie darüber schreiben!’ Und ich: ‚Ja, das stimmt allerdings. Gutes Argument. So etwas ist immer praktisch’."

Zwei Jahre später schrieb Miriam Toews tatsächlich den Roman "Kleiner Vogel, klopfendes Herz". Darin wird die junge Frau Irma in Mexiko von einem Filmteam aus ihrem bedrückenden, weltabgewandten Alltag einer kleinen christlichen Gemeinde gerissen und fasst schließlich Mut, ihr Dorf zu verlassen. Miriam Toews, die unter Mennoniten in der kanadischen Kleinstadt Steinbach aufwuchs, kennt diese Sehnsucht nach Freiheit nur zu genau.

Miriam Toews: "Mit 12 oder 13 Jahren beschäftigte mich nur eine Frage: Wie komme ich hier weg? Ich stellte mir vor, wie ich in Berlin lebe, in New York oder Paris. Das hat mir dabei geholfen zu überleben. Genauso wie Irma ihre Fantasie geholfen hat."

Die Fantasie wurde auch für Miriam Toews bald Wirklichkeit. Sie ging nach Montreal, lebte als Punk in Europa, reiste fünf Jahre durch die Welt, bekam früh zwei Kinder und sorgte für eine Stieftochter, studierte Journalismus und fasste schließlich in Winnipeg den Entschluss, als Schriftstellerin zu leben. Ihr drittes Buch hat sie über ihren Vater geschrieben. Er war manisch-depressiv.

Miriam Toews: "”Wenn dein Glaube an Gott stark genug ist, warum bist du dann so depressiv?' In dieser Gemeinde war man völlig ignorant gegenüber dieser Krankheit. Mein Vater hat sehr darunter gelitten. Als er sich schließlich das Leben nahm, kam in der Gemeinde die Frage auf, ob ihm überhaupt ein ordentliches Begräbnis zustehe, weil er ja Selbstmord begangen habe.""

Die Eltern von Miriam Toews waren im Vergleich zu anderen Mennoniten relativ liberal, wollten, dass ihre beiden Töchter studieren und auch das Leben außerhalb der demütig-christlichen Welt kennenlernen. Anderen Gemeindemitgliedern kam das wie ein Affront vor. Die Familie wurde schikaniert, einmal wurde durch das Fenster ins Haus geschossen. Die Mutter hatte als Sozialarbeiterin mit Kindesmissbrauch zu tun, der besonders häufig unter Mennoniten vorkommt, der Vater arbeitete bis zu seinem Selbstmord als Lehrer. Lust auf Bücher hat Miriam aber ihre sechs Jahre ältere Schwester gemacht:

"Sie war einfach cool. Die Musik, die sie hörte, die Bücher, die sie las. Ich habe mich immer wieder in ihr Zimmer geschlichen, um ihre Bücher zu lesen, besonders die schmutzigen Stellen. Das war so aufregend! Sie brachte Zeitschriften mit nach Hause. Und Musik. Marianne Faithful, Bob Dylan, so etwas. Sie hat mich sehr beeinflusst."

Die Familiengeschichte ist tragisch: 2010 brachte sich auch Miriam Toews' Schwester um. Seitdem lebt die Autorin gemeinsam mit ihrer Mutter in Toronto. Die beiden sind sich nah – nicht zuletzt, weil auch ihre Mutter als junge Frau unter den strengen Regeln der Glaubensgemeinschaft gelitten hat:

"Als Kind wollte ich in ein Zeltlager gehen und suchte meine Handschuhe. Da hat meine Mutter kleine Botschaften in die Innenseite der Handschuhe oder wohin auch immer gestickt. Zum Beispiel: 'Ich liebe dich!' Oder 'Miriams Unterwäsche'. Kleine alberne Botschaften. So habe ich mich in der Ferne weniger einsam gefühlt und manchmal gelächelt."

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