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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.03.2019

Hauptmanns "Ratten" am Burgtheater WienDas Prinzip Strenge

Von Michael Laages

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Eine Frau und ein Mann schieben einen Kinderwagen, der Mann (Oliver Stokowski als Herr John) hält einen Plüschbabylöwen in der Hand. (Bernd Uhlig/Burgtheater)
Oliver Stokowski als Herr John in dem Gerhart Hauptmann Stück "Die Ratten", eine Inszenierung von Andrea Breth. (Bernd Uhlig/Burgtheater)

Am Burgtheater Wien inszeniert Andrea Breth "Die Ratten", eines der bedeutendsten Stücke von Gerhart Hauptmann aus dem Jahre 1911. "Die Regisseurin konzentriert sich extrem auf das Stück und die Sprache", lobt Kritiker Michael Laages.

Demnächst bekommt das ruhmreiche Burgtheater in Wien einen neuen Hausherrn: Martin Kusej, bislang noch Chef am Münchner Residenztheater, folgt auf Karin Bergmann, die die Renommier-Bühne in Österreichs Hauptstadt nach heftigen Auseinandersetzungen um die finanziellen Gepflogenheiten des Managements von Matthias Hartmann quasi als Retterin übernommen hatte.

Eine der wichtigsten Veränderungen jetzt wird der Abschied einer seit zwanzig Jahren prägenden Regisseurin sein: Andrea Breth gehört nicht zum neuen Team um Martin Kusej. Ob er nicht mit ihr kann oder sie nicht mit ihm? Darüber kann nur spekuliert werden.

Ein Alptraum-Raum von Dachboden

Abschied nimmt Andrea Breth jetzt mit Gerhart Hauptmanns 110 Jahre altem Klassiker "Die Ratten". Und grundsätzlich wie mittlerweile kaum noch jemand sonst im Alltag der deutschsprachigen Bühnen nimmt sie einen Text beim Wort – und sucht darin und dafür die zeitgenössische Form.

Bei Hauptmanns "Ratten" ist schon das nicht ganz einfach und darum sehr wichtig: weil das Stück in angestrengt übersteigertem Berliner Ton geschrieben ist. Breth und Dramaturg Klaus Missbach haben zum Glück alles Kolorit getilgt.

Und weil mit Martin Zehetgruber einer der herausragenden Bühnenbildner der vergangenen Jahrzehnte mit im Spiel ist, bekommt die Aufführung zusätzliche Gegenwartskraft in einem grandiosen Raum – das Rauf und Runter, Oben und Unten in der alten Berliner Mietskaserne (wie Hauptmann sie beschreibt) hat Zehetgruber in einen Alptraum-Raum von Dachboden gebannt.

Wand-Segmente aus halb durchsichtigem Plexiglas sind so geschickt auf die riesige Bühne des Burgtheaters gestellt, dass sich bei schnellem Drehen gleich zu Beginn der Eindruck einer Dachbodenwelt mit unermesslich vielen Einzel-Parzellen und –Kabuffs einstellt, eine Art Wimmelbild voller Papier-Müll, in dem sogar vier oder fünf echte Riesenmonsterratten liegen und lauern; der "Rattenkönig"-Skulptur von Katharina Fritsch abgeschaut.

Diese abgründige Landschaft passt für das kontraststarke, ja widersprüchliche Sozial-Gefüge in Hauptmanns Stück: für die kinderlose Klein-Familie um Maurerpolier Paul John und Gattin Henriette, die das Kind einer polnischen Zuwanderin zu sich nimmt, es rettet und später nicht wieder hergeben will, wie auch für die familiären und beruflichen Umtriebe des abgewickelten Theaterdirektors Hassenreuter, der sich mit Kostümverleih und Schauspiel-Unterricht über Wasser hält und zum Schluss wieder eine Intendanz bekommen soll – aber nicht etwa in Berlin, sondern im eher provinziellen Straßburg.

Das ist ein zutiefst lächerlicher Theater-König, bei Sven-Eric Bechtolf fast ein Emanuel Striese wie aus der Posse um den "Raub der Sabinerinnen" – die Komödie um ihn und die Tragödie um Frau John bilden bekanntlich die beiden Pole des Stücks.

Ein Gefängnis voller schrecklicher Schatten

Frau John ist mit Johanna Wokalek erstaunlich jung besetzt; und auch das ist programmatisch – das Paar mit ihr und Oliver Stokowski ist eben kein altes, das nach dem noch nicht lange zurück liegenden Kindstod des gemeinsamen Adelbertchens keinen weiteren Nachwuchs mehr bekommen könnte; die Verstörungen dieses Paares sind eindeutig sozial begründet, nicht biologisch.

Ganz sachlich, wie die Sozialarbeiterin nebenan, bietet sich Frau John der jungen Polin Piperkarcka als Retterin an für das Kind, das keinen Vater haben wird ... und erst mit dem Kind, das sie wie das eigene annimmt, reift die Psychose in ihr. Immer wieder sieht sie das verstorbene eigene im fremden Baby, phantasiert gar von toten Kindern, die wieder leben, wenn sie nur in die Sonne gestellt werden; und die dauernde Abwesenheit des Gatten, der weit weg auf Montage arbeitet, macht die Sache nicht besser.

Der Dachboden ist ein Gefängnis voller schrecklicher Schatten, das Psychogramm der richtig falschen Mutter entwickelt sich fatal – und ist bei der hinreißenden Johanna Wokalek in allerbesten Händen.

Bechtolf, Wokalek und Stokowski, Sarah Victoria Frick als arme energische Polin und Nicholas Ofczarek als Mutter Johns finsterer Bruder Bruno, immer mit der Tragetüte unterwegs und ein schrill-verzweifeltes Monstrum, markieren den Kern eines grandiosen Ensembles – aber, und darauf muss gerade im Burgtheater immer wieder hingewiesen werden, selbst diese Top-Besetzung wäre nur die Hälfte wert ohne die machtvolle Strenge, mit der Andrea Breth das alte Bild von Hauptmanns "Ratten" in die Gegenwart herüber holt.

Dazu braucht sie keinerlei Effekt, höchstens mal ein Stück Musik, das nach 50er- oder 60er-Jahre klingt, neben den bedrohlich elektronischen Klangwolken von Alexander Nefzger. Die "Ratten" sind von heute, ohne dass irgendetwas angestrengt neu aussähe.

Andrea Breth, vielleicht die letzte Fundamentalistin des Literaturtheaters, reißt eben nicht die Fenster auf, um frischen Wind herein zu lassen; sie macht die Schotten dicht und stößt uns mit allen Sinnen auf das, was heutig blieb vom alten Schrecken.

Prominente Intendanten stehen Schlange

Abschied von Wien? Sei's drum. Die Riege prominenter Intendanten im Publikum war beträchtlich – sie stehen Schlange; und demnächst werden wir Breth-Inszenierungen vielleicht in Hamburg, Bochum oder Berlin zu sehen bekommen. Um die Zukunft dieser Künstlerin muss sich niemand sorgen.     

Gerhart Hauptmann: "Die Ratten"
Inszenierung am Burgtheater Wien
Regie: Andrea Breth

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