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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 23.11.2018

Hassobjekt Sprachnachricht Neue Technik, altes Genörgel

Ein Debattenbeitrag von Enno Park

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Ein lachender junger Mann mit Schal, Mütze und Gitarre auf dem Rücken spricht eine Nachricht in sein Smartphone (Symbolfoto) (imago/Westend61)
Manche glaubten ernsthaft, die Sprachnachricht würde dazu führen, dass die Jugend von heute das Lesen und Schreiben verlernt, kommentiert Enno Park. (imago/Westend61)

Man sieht sie überall: Smartphone-Nutzer, die ihr Handy nicht ans Ohr, sondern wie ein Mikrofon vor den Mund halten. Sie nehmen Sprachnachrichten auf – die sind genauso verbreitet wie verhasst. Enno Park sieht darin ein uraltes Schema der Ablehnung.

Erinnert sich noch jemand an die frühen 1990er-Jahre, als ein Handy noch unfreundliche Blicke auf sich zog? Wer damals mobil telefonierte, galt als Wichtigtuer oder Businesskasper. Solchen Leuten wurde mindestens ein Minderwertigkeitskomplex unterstellt und bei Männern schloss man von der Nutzung eines Mobiltelefons auf die mangelhafte Größe des Geschlechtsorgans.

Das änderte sich sehr schnell, als Handys schlicht und ergreifend billig genug wurden, um größere Verbreitung zu finden. Plötzlich hatten alle eines – natürlich nur, um im Notfall erreichbar zu sein. Dafür gab es neuen Anlass zur Kritik: Die SMS verderbe das Ausdrucksvermögen der Jugend und galt konservativen Kommentatoren schon mal als Untergang der Sprachkultur.

Lustvoll genervt von Sprachnachrichten

Heute sind wir ein paar Umdrehungen weiter und befinden uns in der Hochphase der Smartphone-Kritik. Diese technische Errungenschaft mache Brei aus den Gehirnen Jugendlicher. Die Bücher, die diese eher schlichte These vertreten, verkaufen sich wie geschnitten Brot. Aber seit selbst in jeder Seniorenresidenz mit Whatsapp gechattet wird, ist auch dieses Thema wohl bald durch. Da kommt das nächste Hassobjekt gerade recht: Die Sprachnachricht.

Zunehmend erscheinen Kommentare, in denen sich die Autoren fast schon lustvoll genervt zeigen von dieser neuen Kommunikationsform. Sie erklären groß und breit, wie sehr sie Sprachmitteilungen hassen. Wie groß die Zumutung sei, sie abhören zu müssen und wie unpraktisch sie es finden, selber welche zu versenden. Und ausgerechnet eine Redakteurin der Huffington Post erklärt im Computer-Magazin Chip, dass sie am liebsten ihren Mitmenschen das Telefon aus der Hand reißen möchte, wenn diese von unten in ihr Smartphone sprechen, statt es ans Ohr halten, wie es sich für ein Telefon gehört.

Wer das Thema auf Facebook oder Twitter anspricht, kann sich vieler skeptischer bis hassvoller Kommentare sicher sein. Die einen fragen, warum man nicht einfach telefoniert. Die anderen stört, dass sich Sprachnachrichten nicht wie Textmitteilungen durchsuchen lassen. Die nächsten glauben ernsthaft, die Sprachnachricht würde dazu führen, dass die Jugend von heute das Lesen und Schreiben verlernt, wozu sie ohnehin zu faul sei.

Der Stimme des anderen lauschen

Natürlich gibt es Argumente gegen Sprachnachrichten: Es gibt Situationen etwa im geschäftlichen Umfeld, in denen eine E-Mail einfach passender wäre. Es ist unhöflich, die Umgebung lautstark am eigenen Privatleben teilhaben zu lassen. Hörbehinderte Menschen sind von Sprachnachrichten ausgeschlossen.

Doch genauso gibt es Argumente dafür. Es kann ungemein praktisch sein, eine Sprachnachricht aufzunehmen, wenn man gerade die Hände nicht frei hat. Oder beispielsweise die empfangenen Mitteilungen anzuhören, während man gerade unterwegs ist. Viele mögen es auch einfach, der Stimme ihres Kommunikationspartners zu lauschen. Noch vor wenigen Jahren hieß es, dass die im Internet übliche schriftliche Kommunikation für Unfrieden und Missverständnisse sorge, weil Betonung und Unmittelbarkeit verloren gehen. Nun stellt ein Medium diese wieder her und es ist auch wieder nicht recht.

Das Problem ist die Jugend – nicht die Technik

Die emotionalen Reaktionen auf das Phänomen Sprachnachricht lassen vermuten, dass nicht so sehr rationale Gründe dahinter stecken. Da sie besonders bei jungen Menschen verbreitet sind, scheint es sich einmal mehr um das Jahrtausende alte Gejammer über die Jugend von heute zu handeln. Bemerkenswert ist dabei, dass gerade auch technikaffine Menschen über Sprachnachrichten nörgeln, die noch vor wenigen Jahren selber die Möglichkeiten des Internet gegen die Skeptiker von damals verteidigt haben. 

T-Shirt des Sänger Stumpen von Knorkator am Rande der IFA 2003 in Berlin auf dem der Schriftzug "Ich verachte Jugendliche" steht (imago/Seeliger)"Ich verachte Jugendliche" so ein Song der Band Knorkator – Enno Park hält das für ein uraltes Verhaltensmuster. (imago/Seeliger)

Der Satiriker Douglas Adams sagte einmal: "Alles, was vor unserer Geburt an Technik da ist, wird als gegeben hingenommen. Alles, was zwischen unserem 15. und 35. Lebensjahr auftaucht, ist ungemein spannend. Alles, was danach auftaucht, ist des Teufels." Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenigstens ein einziges Mal nicht auf dieses uralte Schema hereinzufallen.

Der Vorsitzende von Cyborgs e.V., Enno Park, aufgenommen 2016 auf dem Panel "Freaks, Cyborgs, Prototyps" von Deutschlandradio Kultur auf dem Festival Pop-Kultur in Berlin (Deutschlandradio / Cara Wuchold) (Deutschlandradio / Cara Wuchold)Enno Park ist Journalist und Wirtschaftsinformatiker. Er beschäftigt sich mit den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Gesellschaft bis hin zur Verschmelzung von Mensch und Maschine. Seit er Cochlea-Implantate trägt, bezeichnet er sich selbst als Cyborg und ist einer der Gründer des Cyborgs e. V. in Berlin.

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