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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 22.05.2016

Hass und Morddrohungen in DeutschlandEin Land verliert seine Hemmungen

Von Thilo Schmidt

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Demonstrierende Mitglieder des islamkritischen Legida-Bündnisses, hier am 12.10.2015  (picture alliance/dpa/Sebastian Willnow)
Eine Legida-Demonstration in Leipzig, ein Ableger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung aus dem benachbarten Dresden (picture alliance/dpa/Sebastian Willnow)

Pegida, AfD und Co.: Rechtes Gedankengut scheint wieder salonfähig zu werden. Künstler, Politiker und Aktivisten bemerken eine neue Qualität von Hass und Morddrohungen, auch befeuert durch die Anonymität im Netz. Doch das scheint erst der Anfang der Entwicklung zu sein.

Dortmund. Job-Center, nahe dem Hauptbahnhof. Hier beginnt die Reise. Eine Reise durch ein anderes Deutschland. In dem "Gutmensch" ein Schimpfwort ist, so weit ist es schon.

Es ist ein kühler Frühlingstag. Die Aktivisten des Künstlerkollektivs "Peng!" treffen sich an einer Straßenecke in der Innenstadt, unweit des Jobcenters, geben letzte Anweisungen. Die jungen Menschen schleppen Utensilien hinter sich her für den Flashmob, der gleich im Dortmunder Job-Center steigen soll. Peng!-Aktivist Jean Peters ist bei dieser Aktion nur Zuschauer, er wird sie später filmen.

"Ja, ich komm gerade … gestern Abend angekommen, und es ist schön, mir so eine Aktion mal anzuschauen, von außen..."

Die letzte "Peng!"-Aktion war der Tortenwurf auf AfD-Vize Beatrix von Storch. Und der 32-jährige Peters war es, der ihr die Torte ins Gesicht warf. Jean Peters sagt, nur so könne man mit der AfD in den Dialog treten.

Peters, leger gekleidet, Hose mit leichtem Schlag, kurze, etwas krause Haare, Dreitagebart. Das Peng!-Kollektiv macht mit spektakulären Aktionen, Flashmobs oder Fakes auf Schieflagen in der Gesellschaft aufmerksam, auf Umweltprobleme, soziale Ungleichheit oder eben die AfD.

"Klar, reden wir mit denen. Aber auf diese Art und Weise. Wir zeigen denen klare Grenzen, und trotzdem eben liebevoll. Ja? Mit ner Torte… und das hat auch ne lange, historische Tradition, der Tortenwurf, so. Und das war unsere Antwort, in dem Sinne."

Die Antwort der AfD auf den Tortenwurf war anders, als er es bisher gewohnt war. Von Storch veröffentlichte sein Foto und seinen Namen auf Facebook, in einem Kommentar postete ein Anhänger der AfD Jean Peters' Anschrift und die Telefonnummer. Daraufhin erhielt er Morddrohungen.

Penibel vorbereitete Kunstaktion

Inzwischen sind die Peng!-Aktivisten vor dem Job-Center angekommen. Der Vorplatz ist leer, ein paar Menschen stehen herum, andere kommen fluchend aus dem Gebäude und brüllen verzweifelt in ihre Telefone. In Dortmund, sagen die Menschen hier, leben mehr Menschen vom Staat als ins Westfalenstadion passen.

Von der Aktion, die "Peng!" gleich gemeinsam mit dem Schauspiel Dortmund starten wird, ist nichts zu merken. Manche Aktivisten sind bereits im Gebäude, andere draußen. Die wenigen eingeweihten Journalisten haben sich unauffällig verteilt.

Versteckt um die Ecke steht ein Kamerateam des WDR. Rein können sie nicht, die Aktion würde auffliegen. Mit Jean Peters klären sie, wie sie an die Innenaufnahmen kommen, die Jean gleich filmen wird.

Bestimmt zwei Dutzend Leute machen heute mit, der Ablauf penibel vorbereitet. Der Tortenwurf auf Beatrix von Storch in einem Hotel in Kassel, wo die AfD tagte, war dagegen unkompliziert, sagt Jean Peters.

"Wir sind halt reingegangen und haben die Torte geworfen. Ich bin auch froh, dass es so gut geklappt hat. Danach, das war dann eher anstrengend, weil man dann ja… also ich hab mich sehr gefreut, als die Polizei dann kam, weil ich ja 30 Minuten lang – 30 Minuten, muss man sich mal vorstellen – mit der AfD – dem Vorstand, oder der Programmkommission zumindest - in einem geschlossenen Raum."

Jean Peters ist dort, nach dem Tortenwurf, von den AfD-Politikern verprügelt worden. Aber er möchte jetzt nicht darüber reden.

"Nation - das bleibt"

Warum wählen 15 und mehr Prozent eine Partei, deren Vize-Vorsitzende an der Grenze auf Kinder schießen lassen würde? Warum wird immer mehr und unverblümter gehetzt, werden Menschen angegriffen und Flüchtlingsheime in Brand gesteckt?

"Keine Ahnung. Ich glaube, was die AfD ohne Zweifel schafft, ist, dass die Leute das Gefühl haben: Ich kann was bewegen. Ich kann schreien und ich werde gehört. Du kannst denen Geld wegnehmen, du kannst denen Leistungen kürzen, du kannst denen irgendwie einen Scheiß-Job geben und die immer runterbuttern von Geburtshaus an, aber Nation: Das bleibt. Und da kannste dich hinter stellen. Und da kannste für schreien und grölen."

Im Foyer des Arbeitsamts. Scheinbar ist hier Betrieb wie immer. Die Menschen stehen vor den Schaltern an. Auf den offenen Treppenaufgängen und Fluren rund um das Atrium laufen Mitarbeiter von einem Büro zum anderen. Gleichzeitig verliest vor dem Haus eine vermeintliche Pressesprecherin des Sozialministeriums eine Erklärung. Deutschland brauchte die Hartz-Reformen, als es der Wirtschaft schlecht ging, sagt sie, aber nun sei es Zeit, "Sorry" zu sagen. Die Aktion "Deutschland sagt sorry" beginnt. Drinnen werden rote, gasbefüllte Luftballons verteilt, manche zerplatzen. Aus allen Richtungen laufen plötzlich Tänzerinnen in goldenen Ganzkörperanzügen zusammen und performen zur Musik.

Aktion des Peng!-Kollektivs in einem Job-Center in Dortmund (Deutschlandradio Kultur / Thilo Schmidt)Aktion des Peng!-Kollektivs in einem Job-Center in Dortmund (Deutschlandradio Kultur / Thilo Schmidt)

Dann entfaltet sich im Atrium ein zwei Meter hohes, luftgefülltes, rotes Herz. Die Kunden schauen neugierig, manche Blicke bleiben leer und teilnahmslos. Die Mitarbeiter und die Wachleute sind irritiert und unternehmen erst mal nichts. Erst nach einer Viertelstunde begreifen sie, was wirklich abläuft.

Sicherheitsbedienstete: "Darf ich Sie auch bitten, das Haus zu verlassen? Weil wir keine Erlaubnis haben dafür, wir haben es nicht erlaubt."

Jean Peters, die Peng-Aktivisten und die Akteure vom Schauspiel Dortmund sind erleichtert, ein bisschen berauscht. Provokation ist ihr politisches Instrument.

Die Aktivisten schlendern Richtung Hauptbahnhof und drehen sich Zigaretten. Was soll dieses "Deutschland sagt sorry" bedeuten? Sie sprechen von der wachsenden Armut, obwohl Deutschland ein so reiches Land ist. Und dass es natürlich eine würdelose Geste sei, "sorry" dafür zu sagen. Das wollen sie mit dem Flashmob auf die Spitze treiben und im Grunde genommen sagen: Hartz IV gehört abgeschafft.

Warum es eine immer aggressivere, geiferndere Stimmung im Land gibt? Auch gegen Menschen wie ihn? Jean Peters denkt kurz darüber nach.

"Es gibt eine immer größere, steigende Spaltung in der Gesellschaft. Durch wachsende Armut. Und dann gibt es diesen Eindruck dieser Eliten da oben, die da irgendwas entscheiden. Und wenn da sich jemand hinstellt, und sagt: Ich rede jetzt mal die Wahrheit, und ich bin gegen die alle, dann bedient es vielleicht erst mal das Gefühl von "Jau, find ich gut!". Und ich find das auch alles scheiße. Also das ist vielleicht eine Erklärung, ne?"

Quantität und Qualität der Bedrohungen sind neu

Die Reise geht weiter, von Dortmund nach Berlin-Hellersdorf. In der Großwohnsiedlung, ganz im Osten der Stadt, hat Petra Pau ihr Wahlkreisbüro.

Autor: "Guten Morgen. Hatten wir telefoniert?"
Mann: "Nein, wir sind vom BKA."
Pau: "Guten Tag. Ja, auf die Minute, sozusagen."

Drei Beamte des BKA müssen die Bundestagsabgebordnete der Linken beschützen. Heute ist Wahlkreistag.

Pau: "Gut, also dann sortieren wir mal… Das ist hier so ein typischer Wahlkreistag. Im Anschluss an die Sprechstunde übergebe ich noch symbolisch einen Scheck, aber es geht in real um viel Geld für den Feriensommer Marzahn-Hellersdorf, das heißt, jedes Grundschulkind kriegt seit Jahren ein Angebot in den Ferien, für wenig oder gar kein Geld, hier im Bezirk die Möglichkeit, was zu erleben. Und das gilt natürlich auch für die Flüchtlingskinder."

Petra Pau engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge. Als sie die Organisatoren einer Anti-Flüchtlings-Demonstration in ihrem Bezirk als "braune Rattenfänger" bezeichnete, wird sie massiv bedroht. Sie gehöre "an einem Baum im Tiergarten aufgeknüpft", lautet nur eine der Drohungen. Petra Pau ist vieles gewöhnt. Die Quantität und Qualität der Bedrohungen aber sind neu, sagt Pau.

Pau: "Ich merke schon, dass in den letzten Jahren genau diese Grenze überschritten wird, auch mir gegenüber, dass also Bürger, und zwar nicht nur in extrem rechten Parteien organisierte, mit denen ich schon öfter Auseinandersetzungen hatte, eben diese Grenzen überschreiten. Sowohl in der Debatte in sozialen Netzwerken, das geht sehr oft in Beleidigungen und Bedrohungen über, aber auch im realen Leben, in der Auseinandersetzung. Da sind Hemmschwellen gefallen, nicht nur im persönlichen Erleben, sondern das hat das gesellschaftliche Klima massiv verändert."

Hat Merkels "Wir schaffen das" die Menschen verunsichert anstatt sie zu bestärken? Eine einfache Erklärung für diese Antwort hat auch sie nicht parat.

Petra Pau, die charakteristischen kurzen roten Haare, bürgernah, ist seit 2006 Vizepräsidentin des Bundestages. In ihre Sprechstunde kommen auch Menschen mit sozialen Problemen, in existenziellen Notlagen. Sie versucht, zu helfen. Gerade kommt ein älterer Herr aus dem Bezirk, der ein Domizil für den Bürgerverein Mahlsdorf-Süd sucht.

Pau sagt nicht viel, aber hört aufmerksam zu und schreibt einiges mit. Nennt ein paar Menschen, an die sie das Anliegen des Bürgers weiterzutragen verspricht.

Sie redet bedächtig und leise. 2010 erkrankte die Politikerin an ihrer Stimme. Mitten in einer Rede vor dem Bundestag ging sie weg, für fast ein Jahr. Doch sie kam wieder.

Seit Jahren massiv bedroht

Die 52-jährige wohnt in einer Mietwohnung im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Eines Tages hört Petra Pau in ihrer Wohnung lautes Gegröle von draußen. Vor dem Haus hat sich eine johlende Menge postiert, die rassistische Parolen schreit: eine Anti-Flüchtlings-Demo. Die Polizei hatte die Route zu ihrem Wohnhaus genehmigt. Ihre Adresse hatten die Heimgegner zuvor auf Facebook gepostet.

Pau: "Das ist eine alte Taktik von Rechten und von Rassisten, dass sie versuchen, Menschen einzuschüchtern, in dem sie klarmachen: Wir kennen dein persönliches Umfeld, wir könnten jederzeit, wenn wir es wollen, unsere Meinungsverschiedenheiten auch mit Gewalt austragen, und das hat inzwischen ein Ausmaß angenommen, welches aus meiner Sicht tatsächlich bedrohlich ist."

Auf Facebook wird Petra Pau schon seit Jahren massiv bedroht. Aber jetzt nicht mehr anonym. Die Leute trauen sich, verstecken sich hinter keinem Pseudonym mehr. Menschen, die vielleicht auch von sich sagen, sie sind keine Nazis, sie sind nur besorgt. Warum ist das so?

Pau: "Wahrscheinlich sind die Dinge, die wir jetzt in den letzten Jahren öffentlich sehen, sei es Pegida und wie die Idas alle heißen, aber sei es eben auch die Solidarisierung von vermeintlich friedvollen Bürgerinnen und Bürgern mit diesen Rassisten und Menschenfeinden, nur der öffentliche Ausdruck dieser langfristig angelegten gesellschaftlichen Entwicklung. In den letzten fünf Jahre mit steigender Aggressivität und Qualität..."

Sie spricht von Versäumnissen der letzten Jahre. Wöchentlich, sagt sie, kommen Bürger in existenziellen Notlagen in ihre Sprechstunde. Und sie zählt die Versäumnisse auf: Sozialer Wohnungsbau, Kampf gegen die Altersarmut. Probleme, die schon lange absehbar gewesen seien. Sie spricht dann immer gerne von der "Ökonomisierung alles Sozialen"

Pau: "Das ist jetzt keine Entschuldigung für Gewalt oder die Androhung von Gewalt, zeigt aber auf, dass wir als Verantwortliche in der Politik, übrigens egal, ob wir jeweils auf der Regierungs- oder der Oppositionsseite sind, uns den Zusammenhalt der Gesellschaft in ganz anderer Weise kümmern müssen."

Petra Pau spricht oft von anderen Menschen, die tagtäglich bedroht werden und die nicht wie sie den Schutz eines Amtes genießen. Natürlich die Geflüchteten selbst und auch die vielen freiwilligen Helfer.

Pau: "Geschätzt engagieren sich in dieser Zeit rund neun Millionen Menschen, Bundesbürger, für Flüchtlinge. Ehrenamtlich. Tag für Tag. Das ist die größte Bürgerrechtsbewegung, meines Wissens, seit Gründung der Bundesrepublik."

Die positiven Dinge in den Vordergrund rücken

Die Reise geht weiter, nach Sachsen. Leipzig. Die sächsische Stadt, aus der noch am lautesten Widerstand zu spüren ist gegen einen vermeintlichen oder tatsächlichen Mainstream.

Einer der ersten schönen Tage des Frühlings. Die Menschen schleppen Einkaufstüten durch die herausgeputzte Innenstadt, die Biergärten haben geöffnet. Obdachlose bitten um Almosen. Es werden Flyer verteilt - die örtliche Moschee lädt zum Vortrag: "Islam – Bedrohung oder eine Quelle für den Frieden?". Vor dem mit Gittern abgesperrten Markt wirbt eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge in Idomeni. Dahinter haben Antifa- und Menschenrechtsgruppen ihre Stände aufgebaut. An den Getränkebuden wird Bier in Plastikbechern verkauft, Glasflaschen dürfen nicht mit auf den Platz. Hier findet heute das "Leipzig Courage Zeigen"-Open-Air statt. Mitinitiator und Schirmherr Sebastian Krumbiegel, Sänger der "Prinzen", posiert auf dem Platz für ein Selfie mit einem Fan.

Krumbiegel: "Das, was wir heute hier machen, Courage Zeigen Leipzig, machen wir seit 19 Jahren. Und wir versuchen auch immer zu sagen: Natürlich sind wir gegen Nazis, natürlich sind wir gegen Rassismus und gegen Diskriminierung, aber ich versuche immer, zu erwähnen, dass es viel wichtiger ist, die positiven Dinge in den Vordergrund zu rücken. Also wir sind für Respekt. Wir sind für eine, man könnte jetzt sagen – ich weiß, dass viele Leute gleich wieder Zahnfleischbluten kriegen, wenn ich das sage - für eine multikulturelle Gesellschaft. Für mich ist alles, was in irgendeiner Weise national ist, geschweige denn, was nationalistisch ist, ist für mich gestrig."

Kurze Zeit später im Backstage-Bereich des Festivals. Überall werden Kabel und Ausrüstung hin und her geschleppt. Hinter der riesigen Bühne bereitet der Mitteldeutsche Rundfunk eine Fernsehübertragung vor, rund um den abgesperrten Backstage-Bereich kontrollieren Sicherheitsleute mit breitem Kreuz die Zugänge.

Sebastian Krumbiegel engagiert sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus und für Integration. Dafür wird er vor allem in den sozialen Netzwerken attackiert.

Krumbiegel: "Einen Shitstorm zu erleben ist nicht schön, auf jeden Fall, das würde keinem gefallen, ich glaube niemand, der von irgendwelchen Leuten hundertfach oder tausendfach im Netz beschimpft wird, sagt, ihn lässt das kalt und mir ist das völlig egal, aber man muss das einordnen. Man muss glaub ich auch wissen: Wenn mir jemand was zu sagen hat, soll er es mir ins Gesicht sagen. Und wenn mich im Netz jemand beschimpft, und dann auch noch unsachlich beschimpft, und wirklich finstere Sachen erzählt, muss ich versuchen, das auszublenden."

Rechtsradikalismus ist in die bürgerliche Mitte gerückt

Krumbiegel trägt einen saloppen Anzug und eine Sonnenbrille mit großen runden Gläsern. Sie wirken, als wolle er sich abschirmen. Einen Grund dafür hätte er. Im Gästebuch auf seiner Webseite wird er massiv bedroht. Einer schreibt dort: "Ich wünsche mir, dass Sie und ihre Familie bestialisch vergewaltigt wird, und das so lange, bis sie wieder klar in der Birne sind". Ein anderer schreibt: "Du hast abgekackt und es kommt der Tag…"

Krumbiegel: "Scheiße, irgendwie, man denkt ja, unglaublich, was da abgeht. Weil das ist nur Hass, das ist nur gewalttägige Aufforderung zu irgendwelchen unsäglichen Dingen. Man kann sich nicht dagegen wehren, es ist, wie es ist, aber ich verschwende da nicht so viel Energie dran, dass ich jeden Tag jetzt denke: Hilfe, Hilfe, was geht denn hier ab. Na, ich hab gerade gemerkt, wie ich wieder nen trockenen Mund gekriegt habe, als du das vorgelesen hast, weil natürlich, sobald deine Familie ins Spiel kommt, ist das ätzend. Und dann sagst du: Mensch, Leute, vielleicht hörst du doch auf. Wo ich wirklich kurz davor war: Mensch, hör auf, dich aus dem Fenster zu lehnen… aber das ist der falsche Weg, ja."

Krumbiegel, den Sänger der "Prinzen, wirkt dünnhäutig, wenn er mit diesen Botschaften konfrontiert wird. Auch für ihn ist der Hass in dieser Form neu, und auch er versucht, zu ergründen, warum die Stimmung zu kippen scheint.

Krumbiegel: "Ich glaube, die Hauptveränderung ist die, dass das, was wir vor zehn, fünfzehn Jahren noch als Rechtsradikalismus oder Rechtsextremismus bezeichnet haben, dass das mittlerweile fast salonfähig geworden ist. Dass das in eine gefährliche bürgerliche Mitte gerückt ist. Dass mittlerweile nicht nur irgendwelche tumben Naziskins oder irgendwelche Hardcore-Nazis die Debatte bestimmen, sondern dass die Debatte weitergeführt wird in politischen Talkshows, am Ende auch in der Wahlkabine, dass Phänomene wie Pegida oder eben die AfD, dass die die politische Debatte bestimmen, und dass wir uns als, ich sag jetzt mal als Demokraten, uns in diese Diskussion so reinziehen lassen, dass wir denen einen Riesen-Raum geben müssen. Man könnte auch sagen, dass die Saat von Leuten wie Sarrazin mittlerweile aufgeht. Und deswegen find ich es ganz wichtig, da wach zu bleiben und sich da dagegen zu stellen. Noch viel wichtiger als in den Neunzigern."

Kurz vor 18 Uhr. Krumbiegel gibt letzte Interviews. Der Markt ist mittlerweile voll, tausende Menschen stehen vor der Bühne. Punks, Alternative, aber auch Familienväter. Und viele – zumindest äußerlich – ganz normale Leipziger Bürger. Ein Teleskoparm schwenkt über die Zuschauer, darauf ein Kamerateam des MDR. Sebastian Krumbiegel und Co-Moderatorin Griseldis Wenner eröffnen den Abend.

Wenner: "Guten Abend Leipzig! Willkommen bei Leipzig zeigt Courage!"
Krumbiegel: "Der Markt ist voll, wir freuen uns, dass ihr da seid! Wir wollen heute Abend zeigen, dass Leipzig eine weltoffene Stadt ist! Wir wollen heute Abend zeigen, dass Leipzig eine couragierte Stadt ist, und wir wollen vor allem mit Euch heute Abend zeigen, dass Leipzig laut sein kann! Wir möchten Euch jetzt bitten, einmal kurz laut zu sein!"

Viel Gegenwehr in Leipzig

Sachsen, das Kern- und Stammland der Pegida-Bewegung. Anschläge auf Asylbewerberheime, Bedrohungen von Migranten, kaum ein Tag vergeht ohne eine Schlagzeile aus Sachsen. Aber anders als fast überall in Sachsen und vor allem anders als in Dresden hört man aus Leipzig viel Gegenwehr.

Krumbiegel: "Wir würden uns freuen, wenn ihr heut noch ein bisschen hierbleibt, es gibt noch eine Menge zu erleben, aber jetzt erstmal möchten wir einen riesigen Applaus hören für Sookee!"

Es wird hektisch auf der Bühne. Sebastian Krumbiegel hat Moderationspause. Und betont im Vorbeigehen, das Leipzig nicht nur einmal im Jahr bei diesem Festival Courage zeigt. Und dass der Oberbürgermeister sich oft an die Spitze stellt.

Krumbiegel: "Der Bürgermeister steht auch oft in der ersten Reihe, wenn es um Anti-Nazi-Demos geht und ist da sehr klar fokussiert, ganz klar, dass Leipzig, wie er selbst immer sagt "Stadt der Vielfalt" ist. In der viele Leute mit verschiedenen Lebensentwürfen ihr Zuhause finden können."
Autor: "Was passiert jetzt?"
Krumbiegel: "Jetzt als nächstes geht hier die Fernsehaufzeichnung los, wir werden jetzt als nächstes Phillip Dittberner hören. Ich denke mal, dass das alles wird."

Dann erscheint er im Backstagebereich, der Oberbürgermeister von Leipzig, mit Frau und Kind. Burkhard Jung schüttelt Hände, hält Smalltalk. Jung hat sich von Anfang an die Spitze einer Bewegung gestellt, die zum Ziel hat, die Stadt nicht Legida zu überlassen.

Jung: "Ich glaub, das ist ganz, ganz wichtig, dass man auch in Führungsverantwortung, in politischer Verantwortung, in gesellschaftlicher Verantwortung Bekenntnisse ablegt und sich auch vor Menschen stellt, die freiwillig, ehrenamtlich helfen, die vor Ort sind, die Menschen willkommen heißen. Und wenn ich Sorge habe, zu polarisieren, wenn ich Sorge habe, ausgepfiffen zu werden, dann tue ich nichts. Und das ist völlig fatal, und verhilft natürlich auf der Straße ein Gefühl zu erzeugen, dass die Mehrheit der Bevölkerung auf der Straße in der Tat fremdenfeindlich oder zumindest sympathisierend mit diesen Einstellungen konform geht. Und insofern haben wir eine Aufgabe, haben wir eine Vorbildfunktion. Haben wir die – meine ich – die klare Haltung und die klare Kante zu zeigen. Das könnte noch stärker sein, das reicht mir noch nicht. Ich möchte Aufregung darüber haben, dass die Legida läuft und nicht darüber, dass ich nicht die Innenstadt erreichen kann, um einzukaufen. Also das ist immer noch sehr, sehr saturiert. Aber ich glaube in Leipzig haben wir es immerhin geschafft, das doch ein breites Bündnis an der Stelle zusammenkommt, gegen Fremdenfeindlichkeit auf die Straße zu gehen, Kante zu zeigen. Und auch Gefahr zu laufen, dass das polarisiert oder dass man ausgepfiffen wird. Also ich glaube, dass das die einzige Chance ist."

Auch mal positive Signale aus Sachsen senden

Burkhard Jung vermisst die klare Kante bei vielen seiner sächsischen Bürgermeister-Kollegen. Er halte die Stimmung in seinem Land kaum noch aus, sagte er vor einigen Wochen. Jung hat hier keinen offiziellen Termin, er ist nur da, um Präsenz zu zeigen.

"Denn - auch die Ermutiger brauchen Ermutigung" sagt er später. Die Ermutiger, von denen man in Sachsen viel zu wenige trifft. Heute, hier, sind sie da. Inzwischen stehen fast zehntausend Menschen auf dem Markt. Sie rappen, wippen im Takt, manche werden auf den ausgestreckten Armen der anderen über den Platz getragen. Mittlerweile spielt der Rapper Sammy De Luxe, der Höhepunkt des Abends.

Krumbiegel: "Der Platz ist voll, die Leute wissen, warum sie da sind, ich find das großartig. Es spricht für uns, es spricht für die Stadt Leipzig. Und es spricht am Ende auch ein bisschen für Sachsen. Weil die Signale, die aus Sachsen gekommen sind in letzter Zeit, waren eher negativ. Und sowas heute … auch, dass der MDR das überträgt, find ich ganz, ganz wunderbar."

Sebastian Krumbiegel hat eine Bühnenpause und läuft wieder zurück zum Backstage-Zelt hinter der Bühne.

Krumbiegel: "Wenn unser Innenminister, Herr Ulbig, zur Hochzeiten von Pegida, eine Task-Force gegen Ausländerkriminalität ins Leben ruft, ist das auch kein gutes Zeichen. Oder wenn der Landtagspräsident Rösler, sagt, wir brauchen mehr nationale Wallungen in Sachsen, das ist mindestens nicht klug, aber das unterstelle ich den Leuten gar nicht. Was ich den Leuten unterstelle, ist glaube ich noch viel mehr, dass sie sehr bewusst sagen: Hey, wir haben hier ne Klientel, hier sind 20.000 Leute auf dem Theaterplatz in Dresden, die demonstrieren gegen die Islamisierung des Abendlandes, wir wollen gern, dass die ihr Kreuzchen bei der nächsten Wahl bei uns machen. Und deswegen sagen wir sowas. Und das ist unanständig! Und das ist nicht nur unanständig, das ist politisch unverantwortlich. Auf jeden Fall werden immer wieder kleine rote Linien überschritten. Was dann irgendwann mal dazu führt, dass irgendwann die Heime anfangen zu brennen und Leute umgebracht werden."

Krumbiegel und seine Co-Moderatorin Griseldis Wenner verabschieden sich. Der Abend ist fast vorbei, um zehn ist Nachtruhe.

Kurz vor zehn setzt sich Krumbiegel ans Klavier und singt. Solo. Und spürt durch die Menge: Er ist doch nicht ganz allein.

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