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Profil / Archiv | Beitrag vom 06.01.2010

Hass auf der Bühne

Tamer Yigit inszeniert den Film von Mathieu Kassovitz

Von Michaela Schlagenwerth

Szenenfoto aus "Hass" mit Haydar Yilmaz (Branka Prlic / Hebbel am Ufer)
Szenenfoto aus "Hass" mit Haydar Yilmaz (Branka Prlic / Hebbel am Ufer)

In dem 1995 entstandenen Film "Hass" schildert Mathieu Kassovitz die Gewaltausbrüche unter Jugendlichen in den Pariser Vorstädten. Regisseur Tamer Yigit hat das Stück für die Bühne adaptiert und mit viel biografischem Material angefüllt. Statt Paris 1995 wird hier Kreuzberg 2010 präsentiert.

Szene aus "Ein Warngedicht":
"Ich bin erst seit sechs Jahren in Deutschland, und die erste Sache, die ich festgestellt habe, ist, dass die Kanaken hier ein richtig schlechtes Deutsch sprechen."

"Ich bin gerne in der Schule, weil ich gerne lerne. Ich habe auch gute Noten. Ich meine, in der Türkei musste ich immer alles auswendig lernen. Hier kann ich selbständig denken."

Im preisgekrönten Theaterstück "Ein Warngedicht" inszeniert Tamer Yigit die Geschichte von vier Jugendlichen, drei Hauptschülern und einem Gymnasiasten. Klug, genau und ungeheuer fein erzählt der Regisseur von den Träumen der Schüler, vom harten und gänzlich illusionsfreien Wissen der Hauptschüler um die eigene Chancenlosigkeit - und von der Kraft, mit der sie sich nach etwas Anderem, Großartigem sehnen. Wie eine leere Blase schwebt diese Sehnsucht über der gesamten Inszenierung, meist findet sie nur in Wut einen konkreten Ausdruck.

Tamer Yigit: "Mich interessiert das Thema Hass generell, schon bei meinem allerersten Stück bis jetzt kommt das Thema Hass immer vor."

Dick eingemummt sitzt Tamer Yigit im Foyer des Kreuzberger Theaters Hebbel am Ufer. Er ist erkältet und düster gestimmt. "Hass", so heißt sein neues Stück, das er wieder gemeinsam mit Branka Prlic am Hebbel am Ufer inszeniert.

"Es ist fast komplett aus meinem Leben. Fast der komplette Text dreht sich wieder um unser Leben, um Berlin und die Straßen, um die ganze Enttäuschung, die wir in diesem Land haben."

Eigentlich ist "Hass" eine Adaption des preisgekrönten, 1995 entstandenen, gleichnamigen Films von Mathieu Kassovitz. Der Film erzählt 24 Stunden aus dem Leben von drei Jugendlichen aus den Pariser Banlieues. Yigit hat die Handlung nach Berlin verlegt.

"Deutschland aktuell 2010, das ist Hass, das ist, was wir irgendwie auf der Bühne haben. Aber es ist nicht ein Stück gegen Deutschland."

Sondern es ist ein Stück über die gesellschaftliche Stimmung "ganz unten". Tamer Yigit verarbeitet oft Autobiografisches, aber immer sind seine Inszenierungen dabei Spiegelbilder der gesellschaftlichen Zustände. Er selbst fungiert als überempfindlicher Seismograf. Wütend ist er auf die Welt, spätestens seit man ihn, das Kind türkischer Einwanderer, im Rahmen eines Reformprogramms täglich mit dem Bus von Kreuzberg in eine Spandauer Schule brachte. Der besseren Durchmischung wegen. Für Tamer Yigit war das ein Gewaltakt. Unwohl und fremd fühlte er sich unter diesen Spandauer Kindern. Er begann, die Schule zu schwänzen, ging ab der siebten oder achten Klasse gar nicht mehr hin. Er wurde stattdessen Mitglied in einer Straßengang und spielte in Bands, die Namen trugen wie "Islamic Force" oder "Devil Inside".

"Ich habe mit zwölf in einer Punkband gesungen, das war so meine erste musikalische Erfahrung, da war ich schon aktiv, das war so eine halbprofessionelle Band. Es war bei mir sehr, sehr früh."

Auch für die Schauspielerei hat sich Tamer Yigit schon früh interessiert.

"Ich wollte schon damals Filme machen. Ich habe schon in meinen jungen Jahren bis zu meinem ersten Spielfilm habe ich Schauspieler studiert. Ich habe mir die gleichen Filme immer wieder angeguckt, immer wieder und immer wieder."

Das war Tamer Yigits Schauspielstudium. Im Alter von fünfzehn Jahren stand er das erste Mal vor der Kamera. Mit 25 Jahren spielte er die Hauptrolle in Thomas Arslans preisgekröntem Film "Dealer".

"Aber das Problem an dieser ganzen Filmschauspielerei, dass mich das inzwischen gar nicht mehr interessiert."

Inzwischen ist Tamer Yigit 35 Jahre alt. Den Traum von einer Filmkarriere hat er schon lange aufgegeben. Nicht, weil man ihm keine Rollen angeboten hätte. Im Gegenteil, es gab sogar sehr viele Angebote. Nur fielen sie fast immer in das gleiche Fach. In das des gut aussehenden, düster umwölkten, türkischen Ghetto-Gangsters. Aber seine eigene Geschichte und die "seiner" Leute an solch billige Ghetto-Klischees zu verraten, das kam für Tamer Yigit nicht infrage. Aus dieser unbestechlichen Klarheit bezieht er seine Identität als Künstler.

Und so ist er auch schließlich zum Theater gekommen. Weil das ein Ort ist, an dem er seine ganz eigenen Geschichten erzählen kann – und zwar mit seinen ganz eigenen Mitteln.

"Ein Element bleibt immer und das ist die Musik, die Heavy-Metal-Musik, die ich halt liebe, und das ist in jedem Stück. Und so versuche ich auch meine Stücke zu inszenieren, als wären das so Konzerte. Es ist auf jeden Fall immer sehr musikalisch."

Vor drei Jahren hat er mit "Meine Melodie" sein erstes abendfüllendes Theaterstück herausgebracht. Es folgten "Sonne" und "Ein Warngedicht". Die Texte für seine Inszenierungen schreibt Tamer Yigit fast immer selbst. Er entwickelt sie, so wie seine gesamte Ästhetik, aus seiner eigenen, ziemlich harten Lebenswelt heraus, zu der er um keinen Preis den Kontakt verlieren will. Deshalb lebt der Vater eines Kindes noch heute mittendrin: in Berlin Kreuzberg 36.

"Ich muss nur auf mein Leben zurückblicken und das war's. Dann habe ich Stoff für Hunderte von Stücken."

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