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Tonart | Beitrag vom 04.05.2021

Hasaan Ibn Ali: "Metaphysics""Er spielte wie kein anderer"

Odilo Clausnitzer im Gespräch mit Mascha Drost

Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme von Hasaan Ibn Ali. (Larry Fink)
Hasaan Ibn Ali am Piano: Er ist der vielleicht unbekannteste Meister der Jazzgeschichte. (Larry Fink)

Hasaan Ibn Ali ist ein Verschollener der Jazzgeschichte: Nur ein einziges Album war bislang von ihm überliefert. Nun sind verloren geglaubte Aufnahmen aufgetaucht. Sie zeigen einen außergewöhnlichen Piano-Stilisten.

Lange Zeit war der 1980 verstorbene Jazzpianist Hasaan Ibn Ali aus Philadelphia nur absoluten Insidern ein Begriff. Dabei gilt er unter Kennern als außergewöhnlicher Stilist und soll sogar John Coltrane beeinflusst haben.

Doch während andere Jazzgrößen ganze Regalmeter an Veröffentlichungen vorweisen können, war von Hasaan Ibn Ali bislang nur eine einzige Aufnahme überliefert – das 1965 veröffentlichte Album "The Max Roach Trio Featuring the Legendary Hasaan". Aufnahmen für ein zweites Album fielen einem Brand im Archiv des Plattenlabels Atlantic zum Opfer und waren damit verloren, so glaubte man jedenfalls bislang.

Doch dann kam die Sensation: Ausgiebige Recherchen des Coltrane-Biografen Lewis Porter förderten tatsächlich eine Sicherheitskopie der Aufnahmen von 1965 zutage: Unter dem Titel "Metaphysics" sind sie nun auf Platte erschienen.

Er spielte "schroff, intensiv, drängend"

Die Jazzgeschichte müsse nun zwar nicht umgeschrieben werden, sagt Musikkritiker Odilo Clausnitzer. Denn Hasaan Ibn Ali stand schon immer quer dazu. Sein besonderes Spiel habe nie eine eigene Schule innerhalb des Jazz herausgebildet. "Metaphysics" biete somit vor allem einfach die erfreuliche Möglichkeit, mehr von Hasaan Ibn Alis Spiel und seinen Kompositionen zu hören.

"Er spielte wie kein anderer", erzählt Clausnitzer. "Schroff, intensiv, drängend. Ich finde es faszinierend, das zu hören. Und das ist eines der größten Komplimente, die man einem Jazzmusiker machen kann."

Ohne Zwischenschritt vom Boogie zum modernen Jazz 

Aber worin besteht das Besondere an diesem Pianisten? Ursprünglich kam er aus dem Boogie, beeinflusst war er von Elmo Hope, einem weiteren Jazz-Außenseiter und Modernisten des Genres. Hope war es auch, der Hasaan dazu inspirierte, sein Spiel zu modernisieren.

Der Jazzsaxofonist Benny Golson hat über ihn einmal gesagt: "Hasaan ist von einem Boogiemusiker praktisch ohne Zwischenstopp zu einer eigenen, proto-avantgardistischen Art von Thelonious Monk geworden. Seine Bremsen haben quasi versagt."

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Clausnitzer erklärt es noch etwas genauer:

"Hasaan Ibn Ali hat Akkorde und Harmonien an Stellen in funktionsharmonische Zusammenhängen gesetzt, an die sie eigentlich gar nicht gehörten. Das ist etwas, was John Coltrane dann perfektioniert hat."

Hasaan Ibn Alis Klang zeichne sich daher durch ein "schärferes Gepräge" aus. Und er habe auch einige Eigenarten aus seiner Zeit als Boogiepianist in seine moderne Spielweise herübergerettet: "Zum Beispiel, was den Einsatz der linken Hand anging: Er hat nicht auf herkömmliche Weise begleitet, sondern Basslinien gespielt. Er hat manchmal Figuren, die im Boogie in der linken Hand gespielt werden, in die rechte verlegt und eigenartige Verwirbelungen gespielt."

Ein lebensuntüchtiger Außenseiter

Ein Netzwerker war Hasaan Ibn Ali nicht gerade. "Wenn er bei einer Session der Meinung war, der Pianist macht seinen Job nicht gut, dann hat er sich gerne auch mal an seiner Stelle auf den Stuhl gesetzt", erzählt Clausnitzer. Wohl auch deshalb habe seine Karriere nie so richtig an Fahrt aufgenommen.

Hinzu kam: Hasaan Ibn Ali war wenig lebenstüchtig. Er lebte bis zu deren Tod bei seinen Eltern, die ihren tagein, tagaus am Klavier sitzenden Sohn sehr verwöhnten. Seine letzten Jahre verbrachte er nach einem Schlaganfall in Armut und der Abgeschiedenheit eines Heims. Als er 1980 starb, war er gründlich in Vergessenheit geraten.

(thg)

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