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Fazit / Archiv | Beitrag vom 27.03.2005

Harry Rowohlt zum 60. Geburtstag

Von Julia Kaiser

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Harry Rowohlt, links, auf dem Kölner Rosenmontagszug (AP Archiv)
Harry Rowohlt, links, auf dem Kölner Rosenmontagszug (AP Archiv)

Harry Rowohlt feiert heute seinen 60. Geburtstag. Er ist Übersetzer von Büchern weltberühmter Autoren und er ist Darsteller in der Lindenstraße. Vor allem aber lieben ihn seine Fans, weil er ein so hervorragender Vorleser ist.

"Bei Lesungen kann ich ganz gut am lebendigen, wehrlosen Publikum testen, wie die Texte ausgefallen sind. Denn als Übersetzer vereinsamt man. ja, es ist der traurigste Job, den man überhaupt nur haben kann. Man wird immer wunderlicher und älter, ist nur dem Original-Autor und Gott verpflichtet und grüßt auf der Straße Leute nicht, da man an einer Formulierung feilt. "

Ein verschrobener, kauziger Wortklauber ist Harry Rowohlt ganz sicher nicht. Obwohl er mit dieser Rolle spielt. Sein markantes Äußeres lässt ihn immerhin so erscheinen:
Die silberdurchwirkte, dunkle Haarmähne, die ovalen Brillengläser vor dem von einem Rauschebart halb verborgenen Gesicht.

Schon als Dreijähriger habe er sich einen Bart gewünscht, erzählt er. In diesem Alter hat er auch sein erstes Buch kennen gelernt, "Pu der Bär". Seine Mutter hat es ihm vorgelesen. Sie zog als Schauspielerin von Engagement zu Engagement, weshalb Harry elfmal die Schule wechselte. Seinen Vater, den Verleger Ernst Rowohlt, heiratete sie erst, als der gemeinsame Sohn zehn Jahre alt war.
1987 hat Harry Rowohlt sich noch einmal mit Pu, dem Bären beschäftigt. Er hat ihn neu übersetzt.

"Es raschelte im Farn hinter ihm, und heraus kam Pu. "Guten Morgen I-ah." sagte er. - "Guten Morgen, Pu Bär", sagte I-ah düster, "falls es ein guter Morgen ist." sagte er, "was ich bezweifle", sagte er. "Warum? was ist denn los?" - "Nichts, Pu Bär, nichts. Nicht jeder kann es, und mancher lässt es ganz. Das ist der ganze Witz.""

Harry Rowohlt ist einer, der es zweifelsohne "kann". Schon als Schüler habe er seine Latein-Übersetzungen in deutsche Hexameter gefasst, erzählt er. Und sich bereits mit sieben über eine schlechte Übersetzung von "Huckleberry Finn" geärgert.

"Was der "Nigger-Joe" und der "Indianer-Jim" zu einander sagen, war absolut nicht zu verstehen. Da dachte ich mir: "So blöd sind die doch nicht, dass die so mit einander sprechen." Und das war natürlich die Unfähigkeit der Übersetzer-Kollegin, diesen amerikanischen Slang in einen adäquaten deutschen Slang zu bringen."

Als unübersetzbar wegen seiner vielen Slangausdrücke galt auch "Die grüne Wolke" von A.S. Neill. Nach einer Lehre beim Verlag Suhrkamp-Insel in Frankfurt entdeckte Harry Rowohlt es Ende der 60er Jahre in New York und übertrug es ins Deutsche.
Von da an wusste er, dass er nicht in den väterlichen Verlag eintreten, sondern Übersetzer werden wollte.
Dass er seine Anteile am väterlichen Betrieb damals an Holtzbrinck verkauft hat, bereut Harry Rowohlt heute nicht.

"Wenn man bedenkt, dass ich jetzt Geschäftsführer im Rowohlt-Verlag sein könnte, in Reinbek bei Hamburg, dann ist alles andere doch sehr viel angenehmer geworden. Man muss sich das überhaupt nur mal ausmalen, es gibt jetzt schon die dritte Generation von Holtzbrincks, die machen nichts anderes als Bücher zu vercincen und haben insgesamt vielleicht vier bis fünf Bücher gelesen - so möchte ich nicht enden."

Weit über hundert Bücher hat er aus dem Amerikanischen und auch aus dem Irischen übertragen.
Heute lebt Harry Rowohlt mit seiner Frau Ulla, einer Buchhändlerin, im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Zu seinen Berufen als Übersetzer und Vorleser auch eigener Texte ist der des Seriendarstellers gekommen, woran eine Gourmetzeitschrift schuld ist:
Einmal sollte er ein Restaurant seiner Wahl in Europa nennen, indem er interviewt werden wolle. Harry Rowohlt hatte keine Lust auf das Gespräch und stellte dem Redakteur eine unlösbare Aufgabe, wie er glaubte.

"Dann hab ich angerufen und gesagt: "Mir ist doch ein Restaurant eingefallen, nämlich das Akropolis in der Lindenstraße."
Drei Tage später hat er angerufen und gesagt: "Das Lindenstraßenteam freut sich auf unseren Besuch." Dann mussten wir also hin, und danach hat eine Aufnahmeleiterin zu mir gesagt: "Schönen Gruß von Hans Geißendörfer und den drei Drehbuchautorinnen, alle drei sind begeisterte Leser Ihrer Kolumne "Pooh’s Corner" in der ZEIT, und wenn sie wollen, schreiben sie Ihnen gern eine kleine Rolle rein." Und da habe ich gesagt: "Dann aber einen Penner, denn das ist die einzige Randgruppe, die bisher etwas stiefmütterlich behandelt worden ist.""

Seit mittlerweile zehn Jahren spielt Rowohlt nun in der Lindenstraße den Obdachlosen "Harry".
Die Kolumne "Pooh’s Corner" in der ZEIT gibt es seit 1997 nicht mehr. Fans der "Meinungen eines Bären von geringem Verstand" müssen sich mit der vom Autoren persönlich vertonten Best of-Fassung begnügen.
Ein "Wenig-Scheiber" ist Harry Rowohlt deswegen aber keineswegs geworden.
Pünktlich zum Geburtstag erscheint eine Sammlung "nicht weggeschmissener Briefe". So virtuos wie Rowohlt vorliest und übersetzt, so vielfältig sind auch die Stimmlagen in dieser Korrespondenz.

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