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Frühkritik | Beitrag vom 17.05.2019

Harry Bingham: "Wo die Toten leben"Verbrechen und Andacht

Von Thomas Wörtche

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Cover: "Harry Bingham: "Fiona - Wo die Toten leben" (Rowohlt / imago / Winfried Rothermel)
Manchmal sind die Vorschriften egal. Die Ermittlerin Fiona Griffith hat nur ein Ziel - "die Schweine erwischen". (Rowohlt / imago / Winfried Rothermel)

Der religiöse Eifer einer wirklich seltsamen Polizistin: Harry Binghams Reihe um Fiona Griffith von der walisischen Kriminalpolizei zeigt auch mit dem fünften Band "Wo die Toten leben" noch keine Verschleißerscheinungen.

Wie bekommt man die ""Entführung und Lösegeld"-Industrie, mittelalterliches Anachoretentum – also Personen, die sich freiwillig zur religiösen Andacht einmauern lassen –, das walisische Höhlensystem, eine vor Jahren verschwundene Bauerntochter, eine militärische Eliteeinheit und die Ermittlungen gegen einen hochorganisierten, hochkompetenten Ring aus Gangstern und vieles mehr in einen Kriminalroman? Alles hat dabei mit allem zu tun, nur sieht die Zusammenhänge niemand – außer Sergeant Fiona Griffiths von der walisischen Kriminialpolizei CID aus Cardiff.

Alles fängt in "Wo die Toten leben" damit an, dass in einem "Totenhaus" in den Bergen eine sorgsam aufgebahrte und als Braut geschmückte Leiche einer jungen Frau gefunden wird. Das Seltsame dabei: Sie ist nicht ermordet worden, sondern an einem Herzinfarkt gestorben. Und sie stammte aus der Ukraine.

Mit allen Mitteln werden die Ermittlungen geführt

Ein rätselhafter Todesfall: Fiona Griffiths, deren fünftes Abenteuer wir hier lesen, ist begeistert. Sie ist von Leichen fasziniert, sie selbst leidet am Cotard-Syndrom, eine Krankheit, die die Patienten glauben lässt, sie seien tot oder nicht existent. Sie fühlt sich den Toten verbunden, und deswegen ist es ihre Lebensmaxime, "die Schweine zu erwischen", die Tod und Elend über andere Menschen bringen.

Und wenn sie sich verbeißt, dann tut sie, was sie tun muss: Notfalls lügen und betrügen, manipulieren und alle ordnungsgemäßen Verfahren der Polizei mit Füßen treten. Und wenn man auf legalem Weg den "Schweinen" nicht Herr wird, hat Fiona – "hochmütig, zornig, unehrlich" – immer noch eine andere Idee.

Die Figur Fiona Griffith zeigt auch in Band fünf noch keine Verschleißerscheinung. Das liegt zum einen an dem hohen Level von Spannung, das Harry Bingham virtuos beherrscht. So wie Fionas Ausflug in eine riesige Höhle, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. Oder die Rolle, die ein sehr merkwürdiges Kloster mit sehr merkwürdigen Mönchen spielt.

Schwere Philosophie leicht wie ein Unterhaltungsroman

Und zum zweiten versteht es Bingham, theologische Diskurse, etwa über die sieben Todsünden, oder ein extrem schwieriges Werk des Sprachphilosophen Saul A. Kripke, in dem es um Kontingenz versus Notwendigkeit geht, elegant einzubauen und damit eine intellektuelle Tiefendimension organisch mit der Handlung zu verknüpfen. Fiona knabbert es weg, als sei es ein Unterhaltungsroman.

Fiona aber kennt nur eine Teleologie: "die Schweine zu erwischen". Diese mit feinstem Uhrmacherbesteck verschraubten vieldimensionalen Bezüge machen den Reiz nicht nur dieses Romans aus. Harry Binghams "Fiona" ist ein wahrlich großes Projekt.

Harry Bingham: "Fiona – Wo die Toten leben"
Aus dem Englischen von Andrea O´Brien und Kristof Kurz
Rowohlt, Hamburg 2019
526 Seiten, 10 Euro

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