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Fazit | Beitrag vom 12.10.2018

Harald Szeemann in DüsseldorfLegendär und obsessiv

Von Michael Köhler

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Harald Szeemann (dpa)
Harald Szeemann bei der Arbeit: beim Ausstellungsmachen. (dpa)

Er gilt als legendärer und kauziger Ausstellungsmacher: Harald Szeemann. Die von ihm verantwortete documenta 5 halten viele für die beste aller Zeiten. In Düsseldorf sind nun Modelle versammelt, die einen Eindruck seiner Ästhetik wiedergeben.

"Ich will ja nicht nur eine Ausstellung machen. Ich will temporär eine Welt hinstellen", sagt Harald Szeemann. Und das ist in Düsseldorf herrlich gelungen. Nicht als archivfetischistische Retroschau, sondern als Schau- und Schatzkammer zahlloser Objekte und Geschichten. Die Ausstellung "Großvater: Ein Pionier wie wir" hat Szeemann damals in seiner Berner Privatwohnung installiert.

In Düsseldorf sind etwa 1100 Objekte wiederaufgebaut: Fotos, Briefe, Zubehör eines Schweizer Friseurs, seines Großvaters, aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein Ankleidezimmer, ein Schlafzimmer, ein Friseursalon, zahllose Kämme und elektrische Hilfsmaschinen. Philipp Kaiser, der Schweizer Kurator vom Getty Research Institute Los Angeles erklärt:

"Sein Großvater war ein stadtbekannter Friseur, der in den frühen 70er-Jahren gestorben ist. Harald Szeemann hat ihn nämlich als Ersatzvater, weil sein Vater sehr früh verstorben ist, immer sehr geschätzt und Harald Seemann hat ihm dann 1974 eine Ausstellung nach seinem Tod gewidmet. Für ihn war das eine kuratorische Etude, eine Fingerübung, wie man Objekte, Alltagsobjekte inszeniert und wie man zeitgleich über das Objekt eine größere transzendente Idee realisieren kann und gleichzeitig über eine spezifische Biografie spricht."

Welt der Wünsche, des Fantastischen und Unbewussten

Der Betrachter taucht nicht nur in die Welt eines Schweizer Ondulateurs ein, sondern zugleich in die Welt der Wünsche, des Fantastischen und Unbewussten. Dazu Harald Szeemann: "Meine ganze Tätigkeit war ja wirklich immer so, dass ich eigentlich in erster Linie versucht habe, zu überraschen durch eine neue Art des Sehens oder über das Medium der Ausstellung. Ich will ja immer mit jeder Ausstellung eine Art Weltbild vermitteln oder so."

Diese skurrile Ausstellung über vierzig Jahre alte Ausstellungen, diese Ausstellung über einen Ausstellungsmacher, ist kein Blick in verstaubte Kisten, sondern das Arrangement der Obsessionen. Es zeigt einen Kurator, der schon früh anders auf Anderes blickte. Er hat in den 60er-Jahren sogenannte geisteskranke Künstler gezeigt. Auf der documenta 5 war das Anfang der Siebziger Jahre zu sehen.

Starkes Interesse für Utopien

Philipp Kaiser: "Und also ich glaube, Harald Seemann hat sich sehr stark für Utopien interessiert und hat dann auch in den späten 70er-Jahren mit der 'Junggesellenmaschinen'-Ausstellung beispielsweise oder dem 'Gesamtkunstwerk' und 'Monte Verita' - diese wichtige Ausstellungs-Trilogie - dort hat er eigentlich so einen Gegenentwurf einer anderen Moderne etabliert."

Philipp Kaiser zeigt, wie sehr Szeemann aus dem konventionellen, monographischen Ausstellungsbetrieb ausstieg und sich als Auteur-Kurator verstand - als Autor, Urheber, Schriftsteller, Zeichen-Setzer, Bedeutungssammler, Utopist. Es ist, als hätten sich Franz Kafka und Marcel Duchamp zum Theater verabredet und Szeemann inszenieren lassen.

Dadaismus und Surrealismus als theatrale Erscheinung

Dazu Harald Szeemann: "Ich meine, das habe ich auch zu vermitteln versucht über meine Ausstellungen, dass im Grunde genommen die Utopie natürlich wirklich ein Wert ist, den es zu berücksichtigen gilt." Philipp Kaiser sagt, dass es Harald Szeemann um Dadaismus und Surrealismus als theatrale Erscheinung gegangen sei. Das sei der Kern seiner kuratorischen Praxis.

Harald Szeemann war Schweizer ungarischer Herkunft. Er gründete eine "Agentur für geistige Gastarbeit" und dachte schon früh global. Es ist eine Ausstellung mit Archivalien und sprechenden Hinterlassenschaften über den einzigartigen Kurator Harald Szeemann.

Philipp Kaiser: "Es geht ums Ganze, aber gleichzeitig auch um Nichts. Das ist theatralische Praxis." Diese Ausstellung zeigt einen ungewöhnlichen Liebhaber der Kunst. Und sie ist liebevoll gemacht. Inklusive ihrer Abgründe. Dazu Harald Szeemann: "Ich zeige nur, was ich liebe. In dem Moment sage ich ja nicht, dass alles andere schlecht ist, oder?"

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. Januar in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen.

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