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Profil / Archiv | Beitrag vom 07.12.2012

Hanseaten singen Russisch-Orthodox

Chor der Woche: Der Kammerchor der Kirche des Heiligen Prokop in Hamburg

Von Norbert Zeeb

Russisch-orthodoxer Gottesdienst in Hamburg: Mit den Engeln musizieren.  (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
Russisch-orthodoxer Gottesdienst in Hamburg: Mit den Engeln musizieren. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)

Orthodoxe finden sich in diesem Kammerchor des heiligen Prokop in Hamburg kaum. Und auch Russisch spricht hier fast niemand. Das hält die von dieser Musik Begeisterten jedoch nicht davon ab, russisch-orthodoxe Gottesdienste zu singen.

Im Nebengebäude der Russischen Orthodoxen Kirche des Heiligen Prokop in Hamburg trifft sich der Kammerchor der Gemeinde zur wöchentlichen Probe. Chorleiterin Irina Gerassimez verteilt Notenblätter:

"Bogoroditse Devo von Rachmaninow. Das ist aus dem großen Morgen- und Abendlob und daraus singen wir dann dieses eine Lied."

Die Stimmung im Chor ist herzlich, vertraut. Viele, wie die Sopranistin Nada Gläser, sind schon lange dabei.

Nada Gläser: "Mein Name ist Nada, wie der Name schon sagt, bin ich serbischen Ursprungs. Mein Vater ist Serbe, der nach dem Krieg hier als Immigrant nach Hamburg gekommen ist und aus politischen Gründen sind wir in der russisch-orthodoxen Kirche dann gelandet. Das heißt, ich bin geboren und in dieser Kirche getauft und aufgewachsen."

Orthodoxe wie Nada Gläser gibt es im Chor nur wenige. Und auch Russisch beherrscht hier kaum jemand.

Irina Gerassimez: "Das ist eben das sehr Besondere an diesem Chor, das sind eben nicht orthodoxe Mitglieder und auch keine Russen zum größten Teil, sondern eben Deutsche, die aus Begeisterung für diese Musik ..."

... in der russisch-orthodoxen Gemeinde Gottesdienste und Konzerte singen. So, wie der 49-jährige Philip Strötzel, der die Bässe unterstützt.

Philip Strötzel: "Ich hab einige Erfahrung im Singen gehabt, aber meistens viel zu hoch, westliche Musik. Ich dachte, Chor, russisch, tief: Super, mach ich! Vorgesungen, alles prima und seitdem dabei."

Kirchenslawisch singen, also Alt-Russisch, ohne Russischkenntnisse, das sei schon eine Herausforderung – aber dennoch: durchaus machbar.

Philip Strötzel: "Da haben es die Bässe natürlich leicht, weil, wenn die Bässe etwas undeutlich prononcieren, ist das nicht so wild, das ist beim Sopran schwieriger. Ich habe viel 'gelautmalt', und hab mir von Anfang an vorgenommen, ich lerne das so schnell wie möglich auswendig, und dann weg mit den Noten, weg mit den Texten, das hilft."

Auch wenn die Sängerinnen und Sänger des Kammerchores nicht jedes einzelne Wort verstehen, kennen sie doch den Inhalt der meisten Titel. Denn einmal im Monat wird der Gottesdienst in Deutsch gesungen.

Irina Gerassimez: "Dieser Chor ist 1947 entstanden durch meinen Vater, weil zu der Zeit viele Immigranten oder Flüchtlinge aus Russland Deutsche geheiratet haben, und der damalige Priester wollte gerne, dass einmal im Monat ein Gottesdienst in Deutsch stattfindet. Und mein Vater hat zu der Zeit hier an der Uni in Hamburg studiert und hat dann unter den Studenten gesucht, ob da jemand wäre, der mit ihm oder die mit ihm zusammen diesen kleinen Chor aufmachen könnte."

Wie die Studenten damals sind auch die Choristen heute an die traditionellen Abläufe und Rituale der Gottesdienste gebunden. Wer in diesem Chor singen möchte, der taucht auch ein Stück weit ein in die orthodoxe Kultur. Davon möchte Irina Gerassimez nebenan erzählen - in der Kirche.

"Also, wir sind jetzt im Inneren dieser kleinen, wunderschönen Kirche, die wirklich bis auf den letzten Zentimeter total ausgemalt ist. Wer eben noch nie in einer orthodoxen Kirche gewesen ist, muss sich vorstellen, also, ganz bunte Wände mit wunderschönen Fresken, ganz viele Ikonen. Dann gibt es Teppiche auf dem Boden, die es sehr, sehr warm machen, dann ist der Altarraum durch die sogenannte Ikonostase, also durch eine Ikonenwand, geteilt von dem großen Kirchenraum, und es ist hier freier Platz, es gibt kein Gestühl."

Doch während der Gottesdienste stehen die knapp 20 Sängerinnen und Sänger hinter der Ikonenwand eng beieinander. In Blickkontakt mit dem Priester wird dann ein reichhaltiges, ständig wechselndes Programm gesungen, das je nach Gottesdienst manchmal mehr als zwei Stunden dauert.

Philip Strötzel: "Es geht von wirklich hochkomplexen Kompositionen, Rachmaninow, Tschaikowski und so weiter, geht es bis hin zu ganz einfacher ..."

Nada Gläser: "Ton-Musik, Sprechgesang mit festen Melodien. Der ganze Gottesdienst ist ein einziger Fluss, es gibt keinen einzigen gesprochenen Ton, und so müssen wir unentwegt auch vom Chor mit dem Priester im Gespräch sein, in Kommunikation sein, und es muss ..."

Irina Gerassimez: "… in den letzten Ton des Priesters müssen wir schon singen und umgekehrt - reinfließen, rausfließen."

Den Fluss russischer Gesänge über die gesamte Dauer der Gottesdienste aufrechtzuerhalten, erfordert die volle Aufmerksamkeit jedes Einzelnen. Und doch läuft es für die Choristen um Irina Gerassimez meist ganz wie von selbst. Denn in der orthodoxen Kirche folgt man halt einfach den Stimmen der Engel.

Irina Gerassimez: "Die Vorstellung ist, dass eigentlich die Engel in den Welten der Himmel die ganze Zeit eine Liturgie singen, also einen Gottesdienst und wir für die Zeit der Gottesdienste eingeladen sind, da mit hineinzutauchen und mit diesen Engeln mitzusingen."

Link zum Thema:

Die Russische Kirche des heiligen Prokop in Hamburg

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