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Rang I | Beitrag vom 04.06.2016

Hans Otto Theater in PotsdamAfD will Theaterstück verhindern

Von Gerd Brendel

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Hans Otto Theater in Potsdam (Deutschlandradio / Jürgen Edelmann)
Das Hans Otto Theater in Potsdam (Deutschlandradio / Jürgen Edelmann)

Darf man Gesetze brechen, während man anderen hilft? Diese Frage stellt das Theaterstück "Illegale Helfer", das gerade am Hans Otto Theater in Potsdam geprobt wird. Weil darin Gesetzesbrüche honoriert würden, lehnt die Stadtratsfraktion der AfD das Stück ab.

"Du bist ein Straffälliger, weil du Gesetze verletzt, während du anderen hilfst."

Der Rechtsanwalt, der Flüchtlinge für ihre Anhörung vor dem Asylausschuss berät, der Student, der einen Flüchtling im Kofferraum über die EU-Grenze fährt, die Studienrätin, die ihren Beamtenstatus riskiert, weil sie die Abschiebung von Jugendlichen vereiteln hilft. Sie sind die Helden des Dokumentartheaterstücks "Illegale Helfer", das am Donnerstag am Hans Otto Theater Premiere feiert und der Grund, warum die Potsdamer Stadtratsfraktion der AfD am liebsten das Stück verbieten lassen würde:

"Die Stadtratsfraktion der AfD im Potsdamer Rathaus lehnt die Aufführung von Theaterstücken, in denen Gesetzesbrüche honoriert und für gut befunden werden, kategorisch ab. Das Hans Otto Theater täte gut daran, sein Programm noch einmal zu überdenken."
 
... ließ der Fraktionsvorsitzende, immerhin ein angehender Geschichtslehrer, verlautbaren. Wobei von "Honorieren" keine Rede sein kann, sagt Regisseurin Yvonne Groneberg. Natürlich: 

"Dadurch, dass wir den illegalen Helfern eine Bühne bieten, eine Stimme schenken, den Raum geben, steckt schon eine Haltung drin."

Aber: "Dem Zuschauer bleibt letztendlich die Bewertung offen."
 
"Illegale Helfer" präsentiert eben keine gewissenlosen Kriminellen, sondern:

"Ganz normale Menschen aus der Mitte der Mehrheitsgesellschaft. Wobei eine Person dabei ist, die noch hadert, so eine typische Hamlet-Figur, die auch das Publikum widerspiegelt und Fragen aufwirft."

Theater als Ort des produktiven Zweifels

Darauf beruft sich auch der Intendant des Hauses, Tobias Wellemeyer, in seiner Reaktion.
 
Sprecher: "Jenseits der Debatte über Gesetze, die die Politik führt und führen muss, geht es hier um den Raum des persönlichen Gewissens. Theater ist geradezu verpflichtet, diese dramatische und moralische Debatte zu führen. Sie ist quasi die Grundlage des öffentlichen Theaters – Drama und Demokratie sind historisch zur selben Zeit entstanden."

Fragt sich nur, wie groß das Interesse der AfD an Demokratie ist. Dafür liegt ihr an der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung von "Kulturkämpfen":  Entweder setzen sich AfD-FunktionärInnen wie im Fall der Berliner Schaubühne, wo Beatrix von Storch gegen Falk Richters Stück "Fear" klagte, als unschuldig verfolgte Opfer in Szene oder wie in Potsdam als gesetzestreue Tugendwärter. Zensur, Verbote, Theaterlandschaft als Schlachtfeld: Deutsche Leitkultur gegen das Multikulti-Gewusel von Linken und Fremden, das sind die Kampfbegriffe, mit denen die AfD ins Feld zieht.

Wellemeyer: "Ich finde interessant, dass es eher Gedanken der Zensur sind, mit denen sie in Richtung Kultur denken, und den Ort Theater gar nicht als einen Ort der Öffnung, des Infragestellens, des produktiven Zweifels sehen."

... sagt Intendant Tobias Wellemeyer, der sich an diesen Tagen bei der Jahrestagung des deutschen Bühnenvereins in Kaiserslautern mit Kollegen und Kolleginnen auch über Erfahrungen mit Kulturpolitikern aus dem rechten Spektrum austauscht.
 
"Ich denke, dass, befeuert von den Wahlergebnissen, die die AfD in Sachsen-Anhalt hatte, und von den Umfragewerten, die sie in Brandenburg hat, dass sie jetzt versuchen, Positionen zu besetzen, auch kulturpolitische Positionen."                      

Die AfD-Stadtverordneten kennt Wellemeyer nicht, aber ihre Wähler.

"Ich denke, dass die Positionen, die die AfD vertritt, auch Positionen sein werden, die wir bei uns im Publikum antreffen."

Wer am Ende mehr von dem öffentlichen Schlagabtausch profitieren wird: die AfD oder das Hans Otto Theater? Die Diskussionen nach den Aufführungen versprechen auf jeden Fall schon jetzt so spannend zu werden wie die Inszenierung selbst.

Informationen des Hans Otto Theaters in Potsdam zur Produktion "Illegale Helfer"

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